Germanistische Mediävistik

Mittelalterforscherin: "Historisch gesehen gab es immer schon Epidemien"

Anika Maldacker

Welche Parallelen hat die Corona-Pandemie zu Epidemien aus dem Mittelalter wie der Pest oder Syphilis? Eine digitale Ringvorlesung am Mittelalterzentrum der Uni Freiburg beschäftigt sich mit Epidemien der Vormoderne. Wir haben mit der Initiatorin gesprochen.

Frau Kirakosian, Sie haben zusammen mit Ihrer Kollegin Eva von Contzen eine Ringvorlesung zu Epidemien in der Vormoderne organisiert, die noch läuft. Wieso blicken wir nun auf Epidemien in der Vergangenheit?

Racha Kirakosian: Die aktuelle Pandemie spielt in allen Lebensbereichen eine Rolle. Für viele Menschen ist das die erste richtige Ausnahmesituation. Wir haben viel Glück, dass wir in Europa aufgewachsen sind, wo seit einigen Jahrzehnten Friede herrscht. Für viele war diese Pandemie ein Schock. Historisch gesehen gab es allerdings immer schon Epidemien. Sie gehören zur Menschheitsgeschichte dazu. Daher wird diese Pandemie nun viel mit der Spanischen Grippe verglichen. Oder eben mit Pestwellen der Vormoderne. Es gibt Berichte, Bilder und viele andere Überlieferungen aus dem Mittelalter. Die Daten von damals sind nicht so akkurat, wie die von heute. Es gab damals eben noch kein Robert-Koch-Institut, das täglich die neusten Infektionszahlen meldet.

Welche Erkenntnisse kann man aus früheren Epidemien und den Berichten darüber ziehen?

Spannend finde ich, dass es um 1400 Bestrebungen gab, die seelische Gesundheit in Epidemie-Zeiten nicht zu vernachlässigen. Jean Gerson, ein Intellektueller und Direktor der Pariser Universität, forderte damals, ein Handbuch für die Seelenverfassung zu realisieren. Es wurde zwar nie realisiert, aber er erkannte, dass eine solche Epidemie nicht nur den Körper schädigen kann, sondern auch den Geist.

Kann man die Epidemien aus der Vormoderne überhaupt mit der heutigen Pandemie vergleichen?

Das ist schwierig, denn Epidemien waren ja lokal begrenzt und hatten ihre Eigenheiten. Interessant ist es im Vergleich zu sehen, wie global vernetzt wir heute sind. Denn was an einem Ende der Welt ausgebrochen ist, hat nun Auswirkungen an allen Enden der Welt.
Racha Kirakosian ist seit Juli 2020 Professorin für Germanistische Mediävistik mit Schwerpunkt Spätmittelalter an der Uni Freiburg.

Eva von Contzen ist seit 2017 Juniorprofessorin für englische Literaturwissenschaft an der Uni Freiburg.

  • Was: Ringvorlesung des Mittelalterzentrums der Uni Freiburg
  • 13. Januar: Climate Variability and Epidemics in Medieval and Early Modern Europe, Prof. Dr. Fredrik Charpentier Ljungqvist (Stockholm)

    3.Februar: Syphilis: Die erste globale Epidemie und das Ende derVormoderne, Prof. Dr. Katharina N. Piechocki (Harvard)