Alkoholkonsum

Meine Meinung: Wir sollten aufhören, andere zu überreden, Alkohol zu trinken

Antonio Jung

Warum trinkst du nichts? Das wird fudder-Autor Antonio Jung immer wieder gefragt, wenn er abends ein Spezi bestellt. Dabei ist Alkohol die Volksdroge unserer Gesellschaft. Ein Essay über den Umgang mit Nicht-Trinkern, Rechtfertigungen und Rauschzustände.

Aufwachen. Wo bin ich? Irgendwas ist komisch. Mein Kopf ist da, wo sonst meine Füße sind. Ich liege falsch herum im Bett und habe trotz warmer Sommernacht in einer dicken Fleecejacke geschlafen. Mein Gehirn beginnt mit der Rekonstruktion des Abends. Einzelne Bruchstücke fallen mir ein. Wie viele Trinkspiele haben wir eigentlich auf dem Geburtstag gespielt?


Ein kühles Blondes zum Feierabend, einen edlen Spätburgunder zur Pasta, den Tequila im Club: Anlässe und Gelegenheiten, Alkohol zu trinken, gibt es genügend. Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit sehr hohem Alkoholkonsum. Zwar gehen die Zahlen insgesamt zurück, dennoch kippt sich laut der Weltgesundheitsorganisation WHO der Durchschnittsdeutsche ab 15 im Jahr 13 Liter reinen Alkohol hinter die Binde. Je nach Gusto sind das 530 Flaschen Bier oder 170 Flaschen Wein. 2019 waren es laut Bundesgesundheitsministerium noch immer zehn Liter pro Kopf. Besonders bei uns jungen Menschen ist der Alkohol ein ständiger Begleiter: beim Treffen mit Freunden, auf dem Geburtstag, beim Festival. Zu trinken ist bei der Generation der Anfang 20-Jährigen so selbstverständlich wie das Netflix-Abo. 95 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben in ihrem Leben schon einmal Alkohol getrunken. Neun von zehn in den vergangenen zwölf Monaten. Und: Das Rauschtrinken von jungen Erwachsenen hat in den vergangenen zwei Jahren wieder zugenommen. Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2019.

It's party time

Ich trinke Alkohol nicht aus Genuss. Das Bier war mir anfangs mit 16, 17 Jahren zu bitter, deshalb trank ich auf jeder Party Weißwein. Zu Beginn des Abends noch mit süßem Sprudel, damit man wenig vom Alkohol schmeckte, später pur aus der Flasche – Hauptsache, es "ballert". An den Bier-Geschmack habe ich mich mittlerweile gewöhnt – ich musste, denn Weißwein kann ich heute nicht mehr riechen und wenn meine Kumpels Bier trinken, kann ich nicht ständig nein sagen. Ich will keine Spaßbremse sein. Ich trinke, weil die meisten meiner Freunde auf Partys trinken. Und, weil mir die Wirkung gefällt. Mit Alkohol werde ich selbstbewusster. Nach den ersten zwei Bieren kommt die Lockerheit, während Anspannung, Stress und Sorgen in weite Ferne verschwinden. Dann ein paar Shots mit meinen Kumpels, jeder zahlt eine Runde. Angetrunken kann ich tanzen, ohne mich blöd und beobachtet zu fühlen. Und selbst mit fremden Leuten gelingt es mir, unterhaltsame Gespräche zu führen. Ich bin selten feiern oder auf Partys, betrinke mich deshalb nicht besonders oft – aber, wenn ich ehrlich bin, eben schon ab und zu, manchmal auch bis zum Kontrollverlust.

Als ich nach einer Geburtstagsparty aber verkatert aufwache, stelle ich mir nicht zum ersten Mal die Frage: Woher kommt die Selbstverständlichkeit, sich auf Partys zu betrinken?

Der historische Rausch

Alkohol ist keine Erfindung der Moderne. Die Vergärung von Zucker zu Ethanol gilt als eine der ältesten biochemischen Reaktionen. Menschen trinken schon seit 10.000 Jahren nachweislich alkoholische Getränke. Man nimmt an, dass schon die alten Ägypter Wein tranken. Dabei kam dem Alkohol auch eine religiöse Bedeutung zu. Alkohol war einerseits ein gängiges Lebensmittel, andererseits auch ein Rauschmittel, wie etwa für spirituelle Zeremonien, das den Übergang in den Trance-Zustand ermöglichte. Auch im Christentum hat der Alkohol eine besondere Bedeutung: Bei der Abendmahlsfeier steht der Rotwein noch heute für das Erlöserblut. Im Mittelalter soll sich insbesondere der wohlhabende Adel und Klerus bei Festen regelmäßig betrunken haben. Schon in seit Menschengedenken diente der Konsum zu Ausschweifungen und Trinkgelagen. Setzen wir bloß eine langjährige Tradition des Rauschtrinkens fort? Machen wir einfach nur das nach, was unsere Vorfahren auch schon taten?

Mit der Industrialisierung der Alkoholproduktion und der durch die Destillation ermöglichte Herstellung von hochprozentigem Alkohol stieg der Konsum stark an. Der billige Schnaps fand weite Verbreitung. Alkoholismus entwickelte sich zu einer Art Volkskrankheit im 19. Jahrhundert. Exzessives Trinken galt als gesundheitsschädlich. Pfarrer begannen, den Schnaps für soziale Probleme verantwortlich zu machen. Auch dieser Teil gehört zur Geschichte des Alkohols. In den USA gab es gar 13 Jahre lang ein Alkoholverbot (Al Capone lässt grüßen). Im Gegensatz zu damals verfügen wir über fortgeschrittene wissenschaftliche Erkenntnisse zur Auswirkung von Alkoholkonsum auf unsere Gesundheit.

Gefährlicher als Crack?!

"So ein bisschen Alkohol ist ja nicht ungesund." Ein Mythos. Gesundes Trinken gibt es nicht. Sobald man Alkohol trinkt, nimmt man grundsätzlich ein höheres Risiko in Kauf, krank zu werden. Laut WHO entstehen 200 Krankheiten durch Alkohol oder werden dadurch schlechter. Alkoholkonsum gehört außerdem zu den Top zehn Krebsrisikofaktoren. Bei hochdosiertem Alkoholkonsum gibt es kein Körperteil, das nicht geschädigt wird. "Na und? Selbst schuld, wenn man so viel trinkt. Was geht mich das an?"

Die Folgen von Alkoholkonsum betreffen auch diejenigen, die gar nicht oder nur gelegentlich trinken. Mindestens 30 Milliarden Euro betragen laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen die volkswirtschaftlichen Kosten durch Alkohol– pro Jahr! Nein, kein Tippfehler. Diese Kosten sind zehn Mal höher als der Staat durch die Alkoholsteuer einnimmt. Geld, mit dem man zum Beispiel mehr Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen einstellen könnte. Geld, das jeder von uns in seinem Krankenversicherungsbeitrag mitbezahlt – egal ob er trinkt oder nicht. Wer sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat, gefährdet nicht nur sich, sondern auch andere. Alkohol verursacht Verkehrsunfälle, häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch – und eben gewaltige Kosten für das Gesundheitssystem und die Polizei. Schnell führt die zunächst beruhigende und berauschende Wirkung zu Selbstüberschätzung, Aggressivität und Kontrollverlust.

Eine britische Studie kommt zu dem Ergebnis: Wenn man die Auswirkungen auf die Gesellschaft miteinberechnet, dann ist Alkohol europaweit die gefährlichste Droge, gefährlicher als Heroin, gefährlicher als Crack.

Freie Fahrt voraus

Das Paradoxe: Trinken ist in unserer Gesellschaft dennoch der Inbegriff dafür, sich etwas Gutes zu tun: beim Feiern, beim sich Freude machen. Der Konsum keines anderen Suchtmittels wird von unserer Gesellschaft derart akzeptiert. Wer viel "verträgt", ohne komplett abzustürzen, ist cool. "Der säuft uns alle unter den Tisch", sagen die Jungs anerkennend. Besonders bei Männern gilt Trinkfestigkeit als Stärke. Dass Teamkollegen aus dem Jugendfußball in der Kabine stolz erzählen, wie sie gestern auf dem Fest zehn "Halbe" tranken: keine Seltenheit. Viele Männer und auch Frauen finden, dass Männer mit dem Biertrinken ihre Männlichkeit beweisen. In dieses Geschlechterrollen-Klischee fühlte ich mich als Jugendlicher oft hineingezwungen. Wenn ich auf einem Fest mal keins trinken wollte, dann wurde ich auch schon dazu aufgefordert, "ein Mann zu sein".

Schon längst ist Alkoholkonsum ein soziales Ereignis für uns. Egal, ob gemütlich in der Bar oder bei der Party exzessiv: Alkohol ist fester Bestandteil von Aktivitäten innerhalb unserer Freundesgruppe. Er verbindet, schafft Geselligkeit in der Runde, eine Gemeinschaft. In der Forschung geht man davon aus, dass Trinkrituale und Trinkspiele einen Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe schaffen.
Doch die Akzeptanz von Alkoholkonsum führt so weit, dass für viele junge Menschen zu einem schönen Abend Alkohol dazugehört. Deshalb wird erwartet, dass du trinkst. Ein "Nein" wird oft nicht akzeptiert, Bemerkungen und Nachfragen folgen. Wer nichts trinkt, muss sich rechtfertigen. Bei illegalen Drogen würden wir fragen: Warum nimmst du Crack? Bei Alkohol fragen wir stattdessen: Warum trinkst du nichts?

Man fühlt sich dann ein bisschen wie ein Schuljunge, den der Klassenlehrer beim Nachsitzen fragt, warum er schon wieder keine Hausaufgaben gemacht hat. Irgendwann nervten mich die Rechtfertigungen so sehr, dass ich mich immer, wenn ich nichts trinken wollte, als Fahrer anbot, um einen "guten Grund" zu haben. Doch selbst dann schmiedeten meine Freunde Pläne, wie wir ohne Auto heimkommen könnten, damit auch ich trinke.

Mut statt Rechtfertigung

Ich kann nachvollziehen, dass Freunde möchten, dass man auf der Party auch trinkt und genauso witzig und locker ist wie sie. Auch ich habe wahrscheinlich schonmal versucht, einen meiner Freunde zum Trinken zu überreden. Aber selbst beim gemütlichen Abend in der Kneipe verursacht der Satz "ein Spezi bitte" bei vielen Unverständnis. Wir müssen endlich akzeptieren, dass nicht alle trinken wollen und dass diese Entscheidung keiner Erklärung bedarf. Es ist mutiger, gegen, statt mit dem Strom zu schwimmen, seinen eigenen Werten treu bleiben, auch ohne Alkohol locker drauf sein zu können, zu tanzen, Spaß zu haben. Nicht zu trinken heißt, sich selbst besser kennenzulernen. Ohne Alkohol müssen wir lernen, mit unseren Gefühlen und Schwächen umzugehen.

Statt sich darum zu kümmern, warum andere nicht trinken, würde es jedem von uns guttun, darüber nachzudenken, warum man selbst Alkohol zu sich nimmt.

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