Getränk

Meine Meinung: Wir konsumieren Bier viel zu unbewusst

Christian Engel

Zum Tag des Bieres ist den Brauereien wegen der Corona-Krise wohl kaum zum Feiern. Zudem genießen wir das goldene Getränk ohnehin viel zu wenig, findet fudder-Autor Christian Engel und plädiert dafür, Bier bewusster zu trinken.

Männer haben keine Ahnung von Bier. Und da man kein Geschlecht benachteiligen soll: Auch Frauen haben keine Ahnung. Ist natürlich eine sehr verallgemeinernde Aussage, etliche Ausnahmen gibt’s, Profis und Kenner wie die Biersommerlière Sophia Wenzel, aber zumindest der Großteil, mich eingeschlossen, hat meiner Meinung nach keinen blassen Schimmer von dem meistgetrunkenen alkoholischen Getränk der Nation. Zum einen keinen Plan von der Herstellung, von all den Prozessen mit Maische, Gärung, Inhaltsstoffen und Pipapo. (Verzeihlich, wie ich finde: Die meisten können ja auch nicht erklären, wie ein Auto funktioniert, es dennoch fahren).


Zum anderen aber rauscht uns jedes Jahr literweise flüssiges Gold die Kehlen hinab, ohne dass wir überhaupt erkennen, was inhaltlich drinnen steckt. Wir sagen lecker, wir sagen bitter, wir sagen schön kühl – mehr haben wir zur geschmacklichen Bestimmung nicht drauf.

Ich hab’s oft genug erlebt: gesellige Abende, gefüllt mit Diskussionen über Lieblingsbiere. Der eine trinkt ausschließlich Bier X, nennt Bier Y eine absolute Plörre, worauf der anwesende Fan von Bier Y kontert, Bier X sei ein Massenkonsumbier, das so schmecke wie alle anderen, während ein anderer sein Bier Z ausschüttet und sagt, er trinke jetzt besser nur noch Wasser.

Ein Biertasting, das für die Besucher verheerend war

Viele schwärmen von einem sagenhaften Bier, dem sie, weit über den anderen Fuseln thronend, die Schaumkrone aufsetzen. Dieses Bierproletengehabe hatte ich mir eine ganze Weile angehört, so lange, bis es mir gehörig auf den Zeiger ging. Also lud ich meine Kumpels ein: zu einer Blindverkostung ihrer Lieblingsbiere.

Das Ergebnis, man kann es sich denken, war für die Teilnehmer vernichtend. Kein einziger erkannte sein Lieblingsbier (zwölf Biere wurden blind verkostet). Ein Kumpel – eigentlich Weinliebhaber und falls Bier, dann nur sein absolutes Lieblingsbier – gab seinem absoluten Lieblingsbier 4 von 10 Punkten, notierte auf seinem Zettel "ekelhafte Plörre". Immerhin: Das eingeschmuggelte alkoholfreie Pils haben dann doch alle erkannt.

Logo: Die Verkostung war nicht ohne. Alles Pilssorten, ähnliches Kaliber. Aber: Wer eine Lieblingsband hat, braucht maximal drei Sekunden eines Lieds, um sie rauszuhören; und wer eine Lieblingsblume hat, würde sie auf dem Feld erkennen. Wieso gelingt uns das beim Lieblingsbier nicht?

Wir konsumieren Bier unbewusst

Es liegt, meine Meinung, am unbewussten Konsum. Bier rein, es löscht den Durst – und wenn es zufällig von einer allseits beliebten Marke und eben nicht von einer allseits verpönten Brauerei stammt, wird es als gut befunden, vielleicht sogar als Lieblingsbier erhöht. Toller Verschluss, ploppt so lustig, originelles Etikett, witziger Marketingspruch – das reicht uns. Auf den Geschmack konzentrieren wir uns schon lange nicht mehr.

Am Ende der Blindverkostung hatten wir es übrigens noch von Eis. Beim Eis, sagte einer der gescheiterten Biertrinker, würde er aber erkennen, von welcher Freiburger Eisdiele es stammt. Ja, genau.