Coronavirus

Meine Meinung: Übermotivierte Isolierte nerven

Lena Kaltenbach

Hobbygärtner, Yogis und Backwütige gibt’s in den sozialen Medien derzeit zuhauf. So toll es ist, die Zeit sinnvoll zu nutzen: Instagram & Co. zeigen mal wieder, wie anstrengend der Drang mancher Menschen nach Aufmerksamkeit ist.

In Paris Influencer Bilder nachstellen, die Videos von der Geburtstagsparty im Lieblingsclub in die Story posten, mit dem Smartphone im angesagten Café die Müslischale – Verzeihung, Açaí Bowl – knipsen: Alles gerade nicht mehr möglich. Jetzt ist #stayhome angesagt!

Was also tun die Menschen? Sie bleiben zuhause. Und was tun Social-Media-Süchtige? Sie suchen nach Wegen, ihre Selbstdarstellung auch in Ausnahmesituationen zu perfektionieren. Die eierlegende Wollmilchsau wurde abgelöst vom Banana Bread backenden, herabschauenden Hund, der nach und nach seinen gesamten Haushalt nach Marie Kondo ausmistet – im Idealfall nebenher noch per Home Office abliefert und es sich nach getaner Arbeit mit der Originalausgabe von Krieg und Frieden auf dem neu dekorierten und blitzblank geputzten Balkon gemütlich macht.

Das ist ja wie Neujahr… nur noch nerviger

"Dinge, die ich während der Quarantäne erledigen will – von meditieren über Spanisch üben bis hin zu einem neuen Musikinstrument lernen." Ein bisschen erinnert das Ganze an die am 1. Januar aufpoppenden Vorsatzlisten, die erstellt wurden, um sie dann drei Tage später direkt wieder über den Haufen zu werfen. Gekrönt wird alles noch von aus dem Internet gezogenen, aber natürlich total kreativen und individuellen Stundenplänen gepaart mit Bildunterschriften, in denen genaustens berichtet wird, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will.

Es freut mich ja, dass manche Menschen gerade richtig aufzublühen scheinen. Aber muss ich das durch pseudo-poetische Motivationssprüche im Status oder durch das eben hochgeladene fünfzehnte Home-Workout-Video immer live miterleben? Zeitraffer Videos scheinen sowieso gerade ihr Comeback zu erleben. Zeitraffer Liegestütze, Zeitraffer Dekorieren, Zeitraffer Avocado-Toast zubereiten…ihr kennt das.

Das Social Media Monster

Ich muss zugeben, ich nutze gerne das Internet, um mit Freunden aus aller Welt in Kontakt zu bleiben. Aber die Sozialen Medien hatten schon immer viele Schwachstellen: das scheinbar ganz lockere und spontane Foto benötigt einen genauen Plan und mehrere Versuche, Likes gaukeln Beliebtheit vor und Narzissmus tarnt sich als Selbstverwirklichung. Es wird ein Druck aufgebaut, den es im realen Leben nicht gäbe, denn da wüsste ich nicht, dass die Freundin im 200 Kilometer entfernten Ort gerade die Pastellfarben rausgeholt hat, um ein Gemälde anzufertigen, während ich faul auf dem Sofa liege und im Bridget-Jones-Modus Eis in mich reinstopfe.
Wenn ich jetzt also Corona verschuldete Zeit zuhause verbringe und das Erste, was ich mit Blick aufs Smartphone sehe, ist mal wieder eine perfekte Morgenroutine, die frisch gezüchteten Quarantäne-Tomaten oder Karens Sonnengruß dann ist das, als würde mir die (digitale) Welt einen mahnenden Finger vor die Nase halten: "Aha Lena, ziehst du heute die Jogginghose auch mal aus?" (Spoiler: Nein!)

Social Media unterstützt die Zurschaustellung unseres Lebens auf groteske Art und in Isolationszeiten gibt sie mir das Gefühl, plötzlich gestresst zu sein. Gestresst, obwohl ich gerade keinerlei Verpflichtungen habe. Gestresst, eben weil ich mir finanzielle Sorgen mache, anstatt mich um eine Selfie-Challenge zu bemühen. Und gestresst, weil ich Banana Bread eigentlich ja liebe aber es gerade zum Symbol für alles wird, was mir an dieser Situation auf den Keks geht.

Wenn du das gerade liest und dir heute gerade mal die Zähne geputzt und es vielleicht für eine kleine Runde um den Block geschafft hast: Das ist völlig in Ordnung! Bei all dem Chaos in der Welt musst du nicht immer perfekt funktionieren und noch viel weniger so tun als ob. In diesem Sinne…ich gehe jetzt Zimtschnecken backen. Ohne Live-Schaltung.