Impfungen

Meine Meinung: Sorry, Herr Spahn, aber wir brauchen Astrazeneca

Lisa Discher

Aktuell wird der Impfstoff von Astrazeneca neu von der Europäischen Arzneimittelagentur geprüft. Dass dieser überhaupt von der Bundesregierung gestoppt wurde, war ein Fehler, findet fudder-Autorin Lisa Discher. Und erklärt, warum.

Auf Twitter und Instagram regen sich Tausende über den Impfstopp mit AstraZeneca auf – und ich finde: Zu recht! Der Impfstoff aus England steht im Verdacht, gefährliche Blutgerinsel im Hirn auszulösen. Aber klar ist es nicht. Junge Frauen ziehen in den sozialen Netzwerken Instagram und Twitter in den letzten Tagen darum immer öfter den Vergleich zur Antibabypille und dem viel höheren Thromboserisiko, das diese mit sich bringt – und das seit Jahren bekannt ist. Die Kritik an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wird lauter, einige Rücktrittsforderungen gibt es ebenfalls.

Die Begründung zum Stopp hinkt

Lässt sich der Impfstoff mit der Antibabypille vergleichen? Nicht wirklich, denn auch die auftretenden Thrombosen sind unterschiedlich: Bei der Antibabypille treten selten Beinvenenthrombosen auf, nach der Impfung mit Astrazeneca gab es Fälle von Hirnvenenthrombosen, eine seltenere und gefährlichere Art. Im Beipackzettel meiner Pille heißt es unter den Nebenwirkungen, dass "bei 1 bis 10 Behandelten von 10.000 Behandelten gesundheitsschädliche Blutgerinnsel in einer Vene oder Arterie, zum Beispiel im Bein, Fuß oder Lunge auftreten können." Beim Astrazeneca Impfstoff traten bisher bei sieben Menschen von 1,6 Millionen Geimpften Blutgerinnsel auf. Der Zusammenhang zur Impfung ist nicht geklärt. Man sieht also schon hier: Die Begründung zur Stoppung der Impfungen hinkt irgendwo.

Machen wir uns nichts vor: Wir sind alle thirsty nach lauwarmen Sommernächten mit unseren Freunden am See, wir haben Bock auf WG Partys und man munkelt, manch einer sehne sich sogar zurück in stickige, vollgestopfte Hörsäle. Doch mit dem voreiligen Ziehen der Notbremse beim AstraZeneca Impfstoff und den steigenden Zahlen, ist das alles noch ganz schön weit entfernt.

Worum geht es den Frauen beim Vergleich?

Es geht beim Vergleich mit der Antibabypille und dem Impfstoff nicht darum, dass wir Frauen uns darüber aufregen, dass mit der Einnahme der Pille doch ein viel höheres Risiko verbunden sei und der Rest der Menschen darum mal nicht so rumjammern und sich Astrazeneca mal bitte bedenkenlos verabreichen lassen solle. Und wir wissen auch, dass Thrombose nicht gleich Thrombose ist. Es geht aber schlicht und einfach um Doppelmoral: Der Kern des Aufschreis bezieht sich darauf, dass das Thromboserisiko bei Frauen kein Novum darstellt, sondern normalisiert wurde.

Es gibt nie absolute Sicherheit

Wie kommentiert der Wissenschaftsredakteur Volkart Wildermuth vom Deutschlandfunk die Aussetzung des Impfstoffs so passend? "Die Symptome der Thrombosen in den Hirnhäuten sind auffällig, starke Kopfschmerzen zum Beispiel. Die Ärzte können die meisten Patienten mit einer Blutverdünnung heilen. Die Gefahr ist also überschaubar. Nebenbei: Frauen, die die Pille nehmen, gehen ein deutlich höheres Thromboserisiko ein. Aber das Abwägen von Risiken ist wenig populär. Entweder werden sie verdrängt - siehe die Pille - oder es wird absolute Sicherheit gefordert - siehe Impfungen. Die aber gibt es nicht, kann es nicht geben."

Mehr Schutz im Jetzt für mehr Freiheit in Zukunft

Ein bisschen Mitleid habe ich aber trotzdem mit Herrn Spahn, die Notbremse ein bisschen zu früh ziehen, weil man vorsichtig sein will: Klingt eigentlich fair. Die WHO empfiehlt das Vakzin weiterhin zu verabreichen und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hebt im ZDF hervor, dass der Schaden, der durch die Nicht-Impfungen entstünde, größer sei als der Schaden, der entstehen würde, wenn die seltene Komplikation hier vorkomme. Meine Meinung: Sorry, Herr Spahn aber wir brauchen Astrazeneca um mehr Schutz im Jetzt und mehr Freiheit in Zukunft zu gewähren.

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