Schule

Meine Meinung: In diesem Jahr soll es eine Durchschnitts-Abi-Note geben

Lara Ochs & Casper Haak

Keine Abi-Prüfung, eine verschobene Prüfung, nun doch schriftliches Abi: Wochenlang änderten sich die Informationen beim Deutsch-Französischen Gymnasium zum Abitur. Zwei Schüler fordern auf fudder ein Vornoten-Abitur.

Vor sage und schreibe acht Wochen, am 6. März, waren wir zuletzt in der Schule, dann wurde sie dichtgemacht, eine Woche vor den anderen Freiburger Schulen. Unter anderem, weil wir viele Schülerinnen und Schüler und auch einige Lehrer aus Frankreich haben. Ende März hätten wir eigentlich unsere schriftliche Abiturprüfung gehabt.


Mit der Schulschließung begann eine lange Wartezeit voller Turbulenzen. In unregelmäßigen Abständen bekamen wir Mails von der Schulleitung, die grob gesagt nie mehr verheißen ließen als: "Tut uns leid, wir haben immer noch keine genaueren Infos zum Abi." Ob? Wie? Was? Wann? Wo?
Lara Ochs, 17, aus Freiburg, und Casper Haak, 18, aus Zarten, gehen beide in die 12. Klasse am Deutsch-Französischen Gymnasium in Freiburg.

Im Laufe der Zeit half auch die Aufmunter-Floskel "Gebt nicht auf, auch wenn es motivationsmäßig momentan eher schwierig ist" nichts mehr. Angesichts der Krise, der Einschränkungen und der Sorgen ging sukzessive die Motivation aller Schüler*innen den Bach, äh die Dreisam runter. Seit mindestens fünf Wochen hängen wir völlig in der Luft. Ohne sichere Perspektive ist es unmöglich, sich auf das Abitur vorzubereiten. Es wurde angedeutet und ziemlich klar, dass das Abi so gut wie sicher nicht wie geplant stattfinden kann. Am 28. April, anderthalb Wochen später als angekündigt, kam endlich die lang ersehnte Mail, die uns definitive Infos zum Ablauf des Abiturs liefern sollte.

Nun sollen wir Abi schreiben, obwohl wir zwei Monate keinen Unterricht hatten

Uns traf der Schlag, als es hieß, dass das schriftliche Abitur nun doch in dreieinhalb Wochen, vom 25. bis 29. Mai, stattfinden soll, allerdings nur "nach heutigem Stand". Wann und ob die mündlichen Prüfungen durchgeführt werden, steht bis heute in den Sternen. Und wenn ja, dann wohl in der Woche vor den schriftlichen – was uns nur noch zweieinhalb Wochen Vorbereitungszeit lässt. Wir hatten in den letzten zwei Monaten kein bisschen Unterricht. Weder analog noch digital. Nur drei Videokonferenzen, allerdings ohne Lerninhalte. Am liebsten hätten wir unser Abi wie geplant geschrieben, denn wir waren top vorbereitet, doch jetzt ist die Luft raus.

Uns ist bewusst, dass die Entscheidung über das Abitur an unserer Schule sehr komplex ist, da wir von zwei Ländern und zwei unterschiedlichen Bildungssystemen abhängig sind und Deutschland auf dem Abitur besteht, während Frankreich es bereits komplett abgesagt hat. Zusätzlich müssen viele unserer Mitschüler*innen täglich auf ihrem Schulweg die deutsch-französische Grenze passieren. Dürfen sie überhaupt rüber? Wäre das nicht unfair, wenn nicht?

Wir sind ziemlich durch den Wind

Unserer Meinung ist es völlig inakzeptabel, dass diese Entscheidung bis heute nur "voraussichtlich sicher" ist und das mündliche Abitur überhaupt nicht sicher scheint. Sollte das Abi jedoch wirklich Ende Mai stattfinden, bleiben uns nur knapp vier Wochen Vorbereitungszeit für die schriftlichen Prüfungen und nur knapp drei für die mündlichen, was hinten und vorne nicht ausreicht, ganz zu schweigen davon, dass wir ziemlich durch den Wind sind.

Eine weitere "Ungerechtigkeit": Um uns auf den Abschluss vorzubereiten, haben wir – voraussichtlich – ab dem 4. Mai zwei Wochen Unterricht – so hieß es. Aber gerade als wir diesen Beitrag verfassen, erfahren wir, dass wir erst ab Donnerstag, also 7. Mai, eine sogenannte "intensive Prüfungsvorbereitung" haben werden. Jedoch werden Schüler aus Frankreich Schwierigkeiten haben, daran teilzunehmen, da nicht klar ist, ob der Schulbus fährt und das Internat der Schule überhaupt offen ist. Dies soll durch "gleichwertigen" Online-Unterricht ausgeglichen werden, doch den meisten dürfte klar sein, dass dieser in keiner Weise den üblichen Unterricht im Klassenraum ersetzen kann. Unsere Klasse hatte kein bisschen Online-Unterricht im ganzen Schulleben!

Wir fordern ein Vornoten-Abitur

Außerdem gab es wiederholt Schwierigkeiten bei verschiedenen Klassen, die digital unterrichtet wurden (Überlastung der Server, Internetprobleme, Auftauchen von pornographischen Bildern bei Videokonferenzen), weshalb wir überzeugt sind, dass die in Frankreich lebenden Schüler*innen eine massiv schlechtere Abivorbereitung kriegen werden als die hiesigen. Während der vergangenen acht Wochen hat in keiner der Abschlussklassen fortlaufend Online-Unterricht stattgefunden, in manchen – wie bei uns – sogar gar nicht. Nullkommanull.

Unsere Schule ist durch ihre Binationalität in einer organisatorisch deutlich schwierigeren Lage als die öffentlichen Schulen in Deutschland, und diese Situation wirkt sich schwer auf die Schüler*innen aus. Wir fordern deshalb ein Vornoten-Abitur mit der Option auf freiwillige Prüfungen, da jede Art von Durchführung eines tatsächlichen Abiturs schwere Ungerechtigkeiten mit sich bringt. Zudem beinhalten die Vornoten nicht nur die Anstrengungen der letzten beiden Jahre, sondern auch das Probe-Abitur ("Bac Blanc"), das wir bereits geschrieben haben. Es ist mit einem tatsächlichen Abitur vergleichbar – in diesem Fall sogar aussagekräftiger als ein eventuell zustande kommendes Corona-Abitur. Hinzu kommt, dass die Abinoten am DFG fast 70 Prozent des Abischnitts ausmachen.

Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass uns die Direktion und die gesamte Lehrerschaft in dieser schwierigen Zeit mental sehr unterstützt haben. Sie setzen sich für uns ein, was wir sehr schätzen, doch selbst sie scheinen bei den Entscheidungsträgern auf Granit zu beißen. Wieso bekommen die deutschen Behörden zusammen mit den französischen keinen Kompromiss gebacken? Sagte jemand Ungerechtigkeit? Unsere Partnerschule in Buc (bei Paris), die die gleichen Abschlussprüfungen hat wie wir, hat diese komplett gestrichen.

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