Coronavirus

Meine Meinung: Geschlossene Grenzen? Bitte nie wieder!

Nico Preikschat

Der 16. März 2020 war der Tag, an dem die Grenzkontrollen eingeführt wurden. Ein historischer Tag, den auch fudder-Autor Nico Preikschat nicht vergessen wird. Er fordert: So etwas darf es nicht noch einmal geben, Freiburg und Europa zuliebe.

Als jungen Menschen hat es mich besonders betroffen gemacht, von der Einführung der Kontrollen zu erfahren. Ich gehöre einer Generation junger Kosmopoliten an, die in einem grenzenlosen Europa aufgewachsen ist, global denkt und handelt.


"Dass man sich im Dreiländereck erneut gegenseitig aussperrt, wäre politisch vollkommen unverantwortlich."

Doch am 16. März mussten wir alle mit ansehen, wie die europäischen Grenzen geschlossen wurden und sich der kollektive Horizont schlagartig verengte. Die übliche länderübergreifende Kooperation ist einer reflexartigen Rückbesinnung auf den Nationalstaat gewichen, und das war beängstigend.

Ob die Grenzkontrollen wirklich dazu beigetragen haben, die Pandemie einzudämmen, darüber lässt sich streiten. Dass sie allerdings insbesondere für das Dreiländereck "eine schwere Belastung" waren, wie Oberbürgermeister Martin Horn schrieb, daran gibt es keinen Zweifel. Offene Grenzen sind kein nice-to-have, nichts optionales, sondern eine Notwendigkeit, die keiner Rechtfertigung bedarf.
Sie erneut zu schließen, uns im Falle einer zweiten Infektionswelle erneut abzuschotten, wäre illegitim – auch, weil gerade Freiburg in vielerlei Hinsicht auf offene Grenzen angewiesen ist.

Frankreich und Deutschland dürfen nicht erneut getrennt werden

Das hat einerseits politische Gründe: Diese Stadt und ihre Umgebung sind historisch geprägt von Konflikten um Grenzverläufe, die glücklicherweise längst der Vergangenheit angehören, der europäischen Einheit sei Dank. Umso erschreckender war es für mich als Freiburger, zu erleben, wie das grenzenlose Europa in seinen Grundfesten erschüttert wurde, als sich die Grenzen schlossen. Auf einmal spielte es wieder eine Rolle, ob man Südbadener, Elsässer oder Nordschweizer war, und so weit darf es nie wieder kommen. Dass man sich im Dreiländereck erneut gegenseitig aussperrt, wäre politisch vollkommen unverantwortlich.

Das gilt insbesondere im Bezug auf Frankreich und Deutschland: Die zwei ehemaligen Feinde, aus denen im Laufe der europäischen Integration enge Vertraute geworden waren, dürfen nicht erneut physisch voneinander getrennt werden. Auch für einen meiner Freunde, der das Deutsch-Französische Gymnasium in Freiburg besucht, war es ein "sehr befremdlicher Gedanke", Europas Grenzen geschlossen zu wissen, "weil ich das ja so nicht kannte". Einigen seiner französischen Mitschüler blieb sogar die Möglichkeit verwehrt, nach der Schulöffnung wieder in den Unterricht zurückzukehren. Ein Unding, finde ich.

"Offene Grenzen sind für Freiburg nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich unabdingbar."

Als die ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Kraft traten und viele Freiburger wieder in die Innenstadt strömten, wurde offensichtlich, dass wir auch wirtschaftlich auf unsere Nachbarn aus Frankreich und der Schweiz angewiesen sind. Sie prägen nicht nur das Stadtbild, sondern bescheren dem städtischen Einzelhandel zugleich hohe Umsätze. Auch der regionale Tourismussektor kann auf ausländische Gäste nicht verzichten: Diese machten 2019 im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald 22 Prozent aller Übernachtungen aus. Folglich sind offene Grenzen für Freiburg nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich unabdingbar.

Im Moment bleibt die Zahl der Neuinfizierten in der Region gering und ist mancherorts sogar rückläufig. Doch auch ein erneuter Anstieg der Infektionszahlen dürfte keine weiteren Grenzschließungen zur Folge haben. Es greift entschieden zu kurz, die Reisefreiheit gegen den Gesundheitsschutz aufzuwiegen, denn das Coronavirus kennt keine Grenzen. Um seine Ausbreitung zu verlangsamen, müssen wir keine Zäune bauen, sondern sollten vor allem auf lokale Lockdowns und eine länderübergreifende Tracing-App setzen – das wäre für Freiburg und Europa der bessere Weg.

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