Verkehrswende

Meine Meinung: Für eine autofreie Innenstadt müssen alle mitmachen wollen

Lukas Viets

Der Ruf nach einer autofreieren Innenstadt wird immer lauter. Doch das gefällt nicht allen. Damit das Vorhaben jedoch klappt, müssen alle Menschen vernünftig mitgenommen werden und die Maßnahmen überzeugen.

Lieferfahrzeuge, die die Straße zur Hälfte blockieren oder das unangenehme Gefühl als fahrendes Hindernis wahrgenommen zu werden – Fahrradfahrerende in Freiburg und in anderen Großstädten kennen das. Für manche bedeuten diese Zahlen nicht nur Unbehagen, sondern auch Ungerechtigkeit: Gemessen am Anteil der Fahrten, die mit den unterschiedlichen Verkehrsmitteln (Fahrrad, Straßenbahn, Auto) oder zu Fuß zurückgelegt werden, nehmen Autos in Deutschland übermäßig viel Platz ein. In Berlin handelt es sich beispielsweise um einen Flächenanteil von 79 Prozent, während nur 32 Prozent der Verkehrsstrecken mit dem Auto zurückgelegt werden, in Freiburg sogar nur 21 Prozent.


Deshalb fordern einige Menschen eine Verdrängung der Autos aus den Innenstädten. In Freiburg unterstreichen die Forderungen des Bürgerinnenbegehrens Fuß- & Radentscheid, wie präsent das Auto auch im hiesigen Verkehrsnetz ist. Während zweispurige Straßen oft viermal so viel Platz für das Auto wie für Fahrradfahrende und Fußgängerinnen bieten, spricht sich die Initiative für die Verbreiterung von Einrichtungsradwegen auf 2,50 Meter sowie von Zweirichtungsradwegen auf vier Meter aus. Fahrradfahrerinnen sowie Fußgänger sollen mehr Platz einnehmen, um das Stadtleben für alle gefahrenfreier und entspannter zu gestalten, so die Forderung. Es geht nicht allein um ökologische Faktoren, sondern auch um solche wie die Feinstaub- und Lärmbelastung für die Anwohner und um die Vermeidung von Verkehrsunfällen.

Autofahren muss unattraktiver werden

Doch während die Idee der autofreien Stadt für einen Teil der Gesellschaft einen Wunschtraum darstellt, stößt sie bei vielen Autofahrer erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe. Bei ihnen entsteht teilweise das Gefühl, das Verdrängen von motorisiertem Individualverkehr stelle einen Eingriff in die eigenen Freiheitsrechte dar. In einem Artikel für die Zeit argumentiert Petra Pinzler jedoch, dass es sich bei dem Autofahren in Innenstädten nicht um ein solches Freiheitsrecht, sondern vielmehr um ein in Bequemlichkeit begründetes Interesse handele. Diese Unterscheidung macht das Interesse nicht automatisch illegitim, es konkurriert aber – anders als die Grundrechte – mit anderen Interessen – in diesem Fall mit Interessen wie dem Klimaschutz und der Verkehrssicherheit – um seine Durchsetzung. Die Bequemlichkeit siegt häufig und ihr gilt es entgegenzusteuern – nicht mit moralischen Appellen an die Vernunft, sondern mit Maßnahmen, die das Autofahren schlicht unattraktiver werden lassen. Nicht mit Fahrverboten, die ihren tatsächlichen Zweck verfehlen oder einer Maut für die B31, die schlussendlich nur all jene Berufspendlerinnen trifft, die die Fahrt dennoch, aber mit noch größerem Murren, antreten, sondern mit der drastischen Reduktion von Parkmöglichkeiten in der Innenstadt, mit dem Ausbau von Fuß- und Radwegenetzwerk. Um das Auto aus der Innenstadt zu verdrängen, müsste das Autofahren unbequemer werden; umständlicher, langsamer, den großen Vorteil der Bequemlichkeit verlieren.

Aber das reicht nicht. Gerade in Großstädten hat auch die Mehrheit der Autofahrer ein ökologisches Gewissen und wäre dankbar, wenn es für sie eine praktikable Möglichkeit zum Umstieg gäbe. Das Auto ist für viele ständige Begleitung und schlicht und ergreifend notwendig, um die Aufgaben des Tages bewältigen zu können: Die Kinder in Kita und Schule unterbringen, um anschließend ans andere Ende der Stadt zur Arbeit zu fahren. Selbst mit einem vorhandenen ökologischen Bewusstsein scheinen viele Fahrten alternativlos. Auch ich nutze das Auto hin und wieder für Fahrten, die früher mit emissionsärmeren Fahrzeugen ebenso gut zu bewältigen waren.

Noch erscheint es wie Utopie, aber bald vielleicht nicht mehr

Mit den entsprechenden Maßnahmen zur Verdrängung des Autos müsste die Veränderung und Verbesserung alternativer Mobilitätsangebote einhergehen, sodass es logisch erscheint, das Auto im Parkhaus an der Endstation abzustellen und auf die Straßenbahn umzusteigen, die sich ohne notwendige Rücksicht auf Autoverkehr dann deutlich schneller durch die Straßen bewegen könnte. Eine deutlich höhere Taktung der Abfahrtszeiten, funktionstüchtiges Wlan im Nahverkehr, Schnellzüge, die die Innenstadt innerhalb kürzester Zeit erreichen und Carsharing-Angebote für Langstrecken sind Faktoren, die die Hemmschwelle des Umstiegs verringern und echte Alternativen zum Auto darstellen. Vielleicht lassen Eltern ihre Kinder dann mit dem Fahrrad fahren, weil die tobende Stadt nicht mehr so gefährlich erscheint und setzen sich selbst in den Zug, um an ihr vorbeizufahren. Der öffentliche Nahverkehr muss die eigenen Stärken zu nutzen wissen. Wenn der Nahverkehr mit deutlich geringeren Fahrtzeiten und anderen Vorteilen, wie eben kostenlosem Internet punktet, so könnten Schnelligkeit und die vielzitierte Bequemlichkeit selbst Gegner eines autofreien Stadtlebens überzeugen.

Während eine autofreie Innenstadt vielen Menschen hierzulande noch als Utopie erscheint, wird sie in zahlreichen europäischen sowie außereuropäischen Metropolen in unterschiedlichen Formen bereits angestrebt und realisiert. In Freiburg sind der geforderte Ausbau des Radwegenetzwerkes und die Verlängerung der Straßenbahnlinie 1 in Richtung Littenweiler Maßnahmen zur Umsetzung der Verkehrswende und eines autofreien Innenstadtbereichs. Eine tatsächliche Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt bringt sicher die Verlagerung der B31 in den Untergrund mit sich. Kein Autolärm. Keine Ampeln. Vor allem kein sich dauerhaft stauender Verkehr, die Reduktion der Gefahr von Verkehrsunfällen auf ein Minimum und nicht zuletzt die Möglichkeit, die neugewonnene Fläche auf ganz andere Art zu nutzen, sind Faktoren, für einen Tunnel, wenngleich diese Maßnahme aus klimapolitischer Perspektive für Gegnerinnen lediglich eine Verlagerung des Problems in den Untergrund darstellt.

Andere, meist größere Städte zeigen, was im Hinblick auf eine autofreie Innenstadt möglich ist. So ist ein zentraler Bereich der Innenstadt von Madrid nur noch für Anwohner mit dem Auto erreichbar, Kopenhagen bietet mit dem Neubau von Fahrrad-Strecken und -Brücken wie dem "Bicycle Snake" echte Alternativen zum Autofahren und auch Fahrrad-Metropolen wie Amsterdam oder Münster, in denen die Innenstädte für den Autoverkehr weitestgehend nicht zugänglich sind, können als Vorbilder angesehen werden. Für Freiburg als grüne Stadt ist es wichtig, sich in diese Richtung weiterzuentwickeln. Es gilt dabei alle Menschen mitzunehmen und durch sinnvolle Maßnahmen zu überzeugen, die reelle Alternativen zum motorisierten Individualverkehr darstellen und das Auto in der Stadt auf lange Sicht überflüssig machen.