Wertschätzung

Meine Meinung: Eine Ode an alles, was wir ständig übersehen

Jette Könneke

Wir haben doch alle diese Schlüsselmomente, in denen wir merken, wie blind wir die ganze Zeit waren. Unsere fudder-Autorin berichtet, wann sie Dinge übersehen hat und was das mit ihr macht.

Auf meinem Regal steht ein großer Schuhkarton vollgestopft mit meinen Lieblingssüßigkeiten, Gesichtsmasken und Getränken. Er ist seit meinem 17. Geburtstag unberührt. Nicht, dass sich mein Geschmack geändert hat. Kracher sind immer noch das Beste. Aber ich sehe sie trotz dieses prominenten Platzes in meinem Zimmer nicht. Ich schaue durch diesen Karton und all seinen Zucker, den ich so gerne mag, hindurch und kaufe mir neue Kracher. Warum ist das so? Warum sehen wir die Dinge um uns herum so oft nicht, obwohl wir doch eigentlich wissen, wie gerne wir sie haben? Wir freuen uns, dass sie existieren, ignorieren aber ihre Kompetenzen.

Dieser wunderbare Schuhkarton ist nur eine Metapher. Ich glaube, es gibt so viel in meinem Leben, das mich zwar glücklich macht, dessen Bedeutung ich aber weder erkenne noch nutze. Warum esse ich an einem Tag, an dem es mir nicht gut geht, nicht einen Kracher aus dieser Box, sondern lasse mich weiter runterziehen, weil ich denke, keine Kracher zu haben? Warum warten wir immer und denken, die Zukunft wird schon besser werden? Irgendwann laufen wir dieser einen Person über den Weg, finden unseren Traumjob, wissen was uns begeistern und uns von jedem schlechten Gedanken befreien kann? Warum haben wir so perfektionistische Vorstellungen von der Zukunft und erkennen die Perfektion der Gegenwart nicht? Warum wandeln wir schlechte Tage nicht in gute um, sondern denken, das morgen bestimmt ein besserer Tag werden wird?

Erst wenn wir weg sind, merken wir, was wir an dem Ort hattem

Ich bin in Freiburg aufgewachsen, habe ein Jahr in einer anderen Stadt gelebt und bin seit dem Sommer wieder zurück im Breisgau. Es gibt so viele Dinge, die ich erst jetzt so richtig zu schätzen weiß an dieser Stadt. Wie toll sind eigentlich klimatisierte Straßenbahnen, gute Fahrradwege, freundliche Menschen, die vielen Hunde, die Sonnenuntergänge auf dem Schlossberg, die Münsterwurst, die kleinen Gassen und die Tatsache, dass man Freiburg mit dem Fahrrad oft gezwungenermaßen neuentdeckt, weil der Radweg an der Dreisam einfach immer gesperrt ist? Was ich nie so bewusst bemerkt hatte, war, wie wunderschön die Tage und Nächte, die Joggingrunden, die Grill- und Lagerfeuerabende, das Schwimmen und Tauchen, die leichten Geräusche von der Autobahn, der Geruch nach See, Algen und Fischen, Feuer, Alkohol und Pommes eigentlich am Opfinger Baggersee sind. Bei jedem einzelnen Schwimmzug, Bissen, Sonnenuntergang und Tritt in die Pedale meines Fahrrades merke ich, wie glücklich ich in Freiburg bin und wie sehr ich diese Stadt und ihre Menschen mag. Aber ebenfalls jedes Mal ärgere ich mich darüber, dass ich erst weggehen musste, um dies in einem solchen Ausmaß zu realisieren. Es macht mich wütend und traurig, dass wir so viele Dinge in unserem Leben nicht sehen und nicht erkennen.

Nach der Pandemie werden wir mehr wertschätzen können

Ich denke, dass wir nach dieser Pandemie viele solcher Momente haben werden, wie ich sie im Sommer erleben durfte. Ich freue mich sehr darauf und bis dahin schaue ich mich um. Ich suche die Dinge, die Momente und vielleicht auch Menschen, die ich sehe, aber auch irgendwie nicht. Denn ich weiß, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, in der privilegierten Lage zu sein, diese Süßigkeiten als "Ausstellung" und gleichzeitig andere Packungen zum Verzehr zu haben. Ich werde jetzt sofort die erste Packung Kracher aus meinem Schuhkarton öffnen und mit ganz viel Wertschätzung verzehren.

Denn das ist das Problem bei all diesen Dingen, die wir nicht sehen und nicht so wertschätzen wie wir es sollten: Sie laufen ab oder lösen sich wegen mangelnder Wertschätzung einfach auf. Deswegen ist es so wichtig, alles um uns herum wahrzunehmen und wertzuschätzen. Irgendwann könnte es dafür zu spät sein.