Meine Meinung: Eine Liebeserklärung an Bibliotheken

Matej Snethlage

Bibliotheken sind der leiseste, öffentliche Ort der Welt. Sie sind kein Platz für schillernde Instagram-Storys, sondern ein Ort der Muße. Und: Sie könnten der Star der Nachhaltigkeitsbewegung werden, findet unser fudder-Autor.

Als die antiken Griechen vor mehr als 2500 Jahren die ersten Bibliotheken gründeten, hätten sie nicht ahnen können, welche kulturelle Bedeutung ihre Erfindung haben wird. Im Mittelalter archivierten Bibliotheken alles Wissen der Welt, in der Neuzeit wurden sie zum Knotenpunkt für Bildung.


Für mich als Kind bedeuteten sie immer etwas anderes: Denn die Schulklingel, die für meine Mitschülerinnen und Mitschüler das Ende des Unterrichts war, bedeutete für mich den Anfang einer neuen Welt. Nicht selten hieß es bei mir: Nach der Schule ist vor der Bibliothek.

In Bibliotheken zu gehen, bedeutet Freiheit

Man muss verstehen, dass Bibliotheken nicht einfach nur Gebäude sind, in denen viele Bücher stehen. Bibliotheken sind Orte, an denen Gleichgesinnte zusammenkommen. In einer Bibliothek zu sein hieß damals für mich, nicht mehr den Unterricht ertragen zu müssen und sich vom Rest der Welt abzukapseln. Es hieß endlich mal frei zu sein, von Lehrerinnen und Lehrern, Hausaufgaben und dem Konkurrenzkampf des Schulhofs. Mal in ein Buch hineinzuschnuppern, mal den Klappentext zu lesen, mal die schön-illustrierten Cover zu bewundern. Und wenn alles drei zu meiner Zufriedenheit war, dann schnappte ich eines dieser Tausenden von Büchern und mümmelte mich in eine Leseecke.

Heute sehe ich im Konzept von Bibliotheken noch viel mehr: Sie sind für mich eine Gegenkultur geworden, eine Opposition zum hektisch-digitalen Leben, in dem immer kommuniziert und nie geschwiegen wird. Bibliotheken sind der leiseste, öffentliche Ort. Wer zu laut redet, wird rausgeworfen. Man kann keine Connections mit anderen Gästen schließen, keine schmissigen Insta-Storys veröffentlichen und man erlebt auch nur in den seltensten Fällen etwas Erzählenswertes. Bibliotheken sind, im besten Sinne des Wortes, unfassbar uncool. Man befindet sich dort weder zur Selbstoptimierung noch zur Anerkennung anderer. Während man überall sonst versucht, seine Freizeit nach sozialer Währung zu kommerzialisieren, sind Bibliotheken die ehrenamtlichen Berufe, bei denen man nichts außer einem guten Gefühl verdient.

In Bibliotheken ist alles träge, langsam und bedacht

Und Zeit. Von der verdient man auch etwas. Denn Zeit schreitet in Bibliotheken nur halb so schnell voran. Hier ist alles träge, langsam und bedacht. Bibliotheken sind Orte des Müßiggangs, des Stöberns, des Zeit-Verbringens. Sie sind eine kurze Pause von der Schallgeschwindigkeit fahrenden Achterbahn des Alltags voller Deadlines, verpasster Termine und Abgaben. Das gemächliche Tempo von Büchereien ist der lautlose Punk der Generation Z. Nur hier können wir die größte Sünde des optimierten Hyperkapitalismus begehen: Zeit unproduktiv zu verbringen.

Und das, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen. Normalerweise kostet Kultur: Im Stadttheater zahlt man als Studierender acht Euro, im Augustinermuseum fünf. Wer andere Freizeitbeschäftigungen zum abendlichen Ausklingen sucht wie Kino, Bar oder Kaffee, der kann einen nicht überzogenen Kontostand am Monatsende schon vergessen. Bibliotheken sind ein radikaler Gegenpol: Sie sind gratis.

Bibliotheken könnten der Star der Nachhaltigkeits-Bewegung werden

Eigentlich könnten Bibliotheken zum Star der Nachhaltigkeits-Bewegung aufsteigen. Für ökologisch bewusste Menschen gehört das Konzept, Dinge zu kaufen und dann wegzuwerfen, der Vergangenheit an. Autos werden nicht gekauft, sondern geshared. Kleidung wird nicht weggeworfen, sondern in trendy Second-Hand-Läden weiterverkauft. Wieso werden dann Bücher nicht wie verrückt aus den Bibliotheken geliehen?

Vielleicht könnte man das ändern. Vielleicht ist es wieder an der Zeit in eine Bibliothek zu gehen, ein Buch in die Hand zu nehmen, das Cover anzuschauen und sich dann in eine Ecke zu kauern und zu lesen. Und dann entflieht man endlich einmal wieder dem Alltag und taucht in eine der tausenden Traumwelten ein. Hört sich für mich nicht nach der schlechtesten Idee an.