Kritik

Meine Meinung: Der Rassismus-Vorwurf gegen WDRs "Die letzte Instanz" ist berechtigt

Celine Hog

Fünf weiße Menschen, die über Rassismus diskutieren und urteilen – das gab’s in der WDR-Sendung "Die letzte Instanz." Auch fudder-Autorin Celine Hog hat die Folge gesehen – und sich richtig aufgeregt.

Das Format "die letzte Instanz" des WDRs ist ein Meinungstalk, moderiert von Steffen Hallaschka, in dem er und seine Gäste sich wöchentlich zu festgelegten Themen wie der Abschaffung von Schulnoten oder härteren Strafen für Raser austauschen und eine Abstimmung abgeben, quasi als "letzte Instanz".


In der letzten Folge am 29. Januar diskutierten Thomas Gottschalk, Janine Kunze, Micky Beisenherz und Jürgen Milski über diskriminierende Begriffe und ob deren Dementierung gerechtfertigt sei oder nicht. Fünf alte weiße Leute, die sich über Rassismus unterhalten. Daraufhin folgte der absolut verdiente große Shitstorm im Netz. Zum Boykott der Bezeichnung "Zig***erschnitzel" meinte Janine Kunze, es erscheint ihr als hätten die Leute, damit ist der Zentralrat der Sinti und Roma gemeint, nichts Besseres zu tun als sich einen, in ihren Augen, Quatsch auszudenken.

Nicht viel erwartet, trotzdem enttäuscht

Außerdem sei sie eine blonde Frau mit großer Brust und müsse sich deswegen auch so Einiges anhören. Auch Thomas Gottschalk hat "zum ersten Mal gewusst, wie sich ein Schwarzer fühlt" als er auf einer Party mit ausschließlich weißen Gästen der Einzige war, der sich das Gesicht schwarz angemalt hatte. Da hat mein inneres, "Wetten dass…"- liebendes Kind angefangen zu weinen.

Haben wir aus der "Black lives matter"-Bewegung denn gar nichts gelernt? Ich hatte zwar nicht sonderlich viel bei der Konstellation der Gäste erwartet, war aber dennoch maßlos enttäuscht und von Scham erfüllt. Bis zum Schluss hatte ich erwartet, dass zumindest eine Person mit Rassismuserfahrung den Raum betritt, was leider nicht geschah.

"Haben wir aus der ’Black lives matter’-Bewegung denn gar nichts gelernt?"

Also sah ich mir 59 Minuten und 51 Sekunden lang an, wie rassistisch geprägte Wörter, welche nie im positiven Kontext und schon gar nie als Selbstbezeichnung gebraucht wurden, in die Lächerlichkeit gezogen und kleingeredet wurden. Und nicht eine Person in der Runde kam auch nur kurz auf den Gedanken, etwas Verwerfliches zu sagen.

Tut es mir weh, eine neutrale Bezeichnung zu verwenden? Nein, für die weiße, heteronormative Mehrheitsgesellschaft ist die Adaption neuer Formulierungen höchstens nervig, für Menschen, deren Vorfahren mit Hilfe bestimmter Begrifflichkeiten die Gleichheit oder gar Menschlichkeit abgesprochen wurden, für die können solche Bezeichnungen ein Schlag ins Gesicht sein. Bestimmt nicht für alle, aber für genug.

Fehlende Aufklärung und Aufarbeitung

Auch wenn Kunzes und Milskis Freundeskreis anscheinend aus 90 Prozent Schwarzen oder Leuten mit Migrationshintergrund besteht, die sowas ja gar nicht stört. Die haben lustigerweise gefühlt alle Gegner diskriminierungsfreier Sprache. Nicht andere machen es kompliziert, indem sie die Erneuerung gewisser Begriffe fordern, sondern die, die sich so hingebungsvoll dagegen wehren, die sich nichts "wegnehmen" lassen wollen, sich rechtfertigen sie seien "halt so aufgewachsen" und es sei doch auch alles gar nicht so gemeint.

Spoiler: Die Intention steht hier nicht an erster Stelle. Natürlich kann weiterhin mit diskriminierenden Ausdrücken um sich geworfen werden, nur muss man sich 2021 -glücklicherweise- dessen bewusst sein, dass man sich gerade rassistisch verhält und dieses Stigma auch aufgedrückt bekommt. Dem Internet sei Dank. Niemand ist perfekt und ich denke, die wenigsten verhalten sich böswillig diskriminierend.

Die in Deutschland fehlende Aufklärung und Aufarbeitung von strukturellem Rassismus ist enorm, aber jede und jeder Einzelne kann sich informieren und weiterbilden, einen Perspektivwechsel schaffen. Durch eine steigende Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft ändert sich auch unser Gebrauch der Sprache, er wird fortschrittlicher und das ist auch gut so.

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