Jahreswechsel

Meine Meinung: Das Verbot von Feuerwerkskörpern an Silvester ist überfällig

Florian Schmieder

Ende November wurde ein mögliches Verbot von Knallern an Silvester in Medien und Gesellschaftsteilen hitzig diskutiert. Mittlerweile wurde genau dies beschlossen, eine Entscheidung, die schon längst von Nöten war.

Die Corona-Pandemie sorgt für gehörige Einschnitte in das kulturelle Leben in unserer Gesellschaft, dieses Mal hat es das gemeinsame Feiern (auf der Straße) und das damit zusammenhängende Böllern getroffen. Während durch das Verbot von ersterem vor allem weitere Infektionsketten unterbrochen werden sollen, wird sich durch die Untersagung von zweiterem ein Rückgang schwerer Verletzungen und damit zusätzlichem Druck auf die Notaufnahmen erhofft. Erwähnenswert: Auf Privatgrundstücken ist das Abbrennen von Feuerwerkskörpern prinzipiell erlaubt, sofern die Gegenstände etwa bereits letztes Jahr gekauft wurden. Warum das Verbot aber auch ein Beispiel für kommende Jahre darstellen kann, soll im Folgenden erläutert werden.

Auch der Autor dieser Zeilen hat als Kind für sein Leben gerne geböllert. In der Silvesternacht, aber auch in den Tagen danach, wurde den pyromanischen Trieben nachgegeben und die Belastung vieler Haushaltsgegenstände und Gullydeckel auf die Probe gestellt. Doch mit den Jahren konnten die von allen Seiten auftauchenden Kritikpunkte nicht mehr überhört werden, die Ausübung der eigenen Freiheit hinterfragt.

Wie bereits erwähnt, klagen die Notaufnahmen Jahr für Jahr über steigende Verletztenzahlen in der Neujahrsnacht. In den meisten Fällen sind die Hände die betroffenen Körperteile, dazu kommen Verletzungen des Gesichts und der Augen. Hierzu schreibt die Gesellschaft für Augenkunde, die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft, dass dabei zu 60 Prozent Unbeteiligte verletzt werden. Zudem werden überwiegend Männer eingeliefert, das starke Geschlecht scheint also entgegen der weitläufigen Meinung doch nicht so geschickt im Umgang mit dem Feuer zu sein.

Gründe sind meist ein enthemmtes Verhalten unter Alkoholeinfluss, eine gesteigerte Experimentierfreudigkeit und die Verwendung von hierzulande illegalen Feuerwerkskörpern. Was nicht in den Statistiken vorkommt: die traumatischen Anblicke, die Ärzte und Pflegepersonal erwarten, wenn sie rußverschmierte, zerrupfte Gliedmaßen behandeln sollen. Ebenfalls mit gesundheitlichen Schäden verbunden, aber selten öffentlich diskutiert: Die Feuerwerkskörper werden zu 97 Prozent in Indien und China hergestellt, zu meist schrecklichen Bedingungen. Kinderarbeit, chronisches Asthma, explodierende Fabriken, die Liste ließe sich lange fortführen. Wie so oft haben die eigentlich Betroffenen keine Lobby, die tatsächlichen gesundheitlichen Kosten werden externalisiert und sind somit außerhalb unseres Blickfelds.

Schockerlebnisse und Stresslevel

Zudem kommt es in den Tagen rund um die Silvesternacht stets zu einer erhöhten Lärmbelästigung. Betroffen sind meist Kinder und Haustiere, aber auch sogenannte Nutztiere erhalten dadurch regelmäßig Schockerlebnisse, da ihnen neben der lauten Geräuschkulisse die Fähigkeit der Differenzierung fehlt und dies somit als akute Gefahrensituation erlebt wird. Doch auch alte und pflegebedürftige Menschen sind hier einem erhöhten Stresslevel ausgesetzt, was dieses Jahr eben einen zusätzlichen Argumentationspunkt liefert.

Die Folgen für die Umwelt sind schwer zu umreißen, wenn auch der Anteil von Feinstaub an Neujahr in einigen Stunden das 55-fache des jährlichen Durchschnitts ausmacht. Außerdem entstehen sehr große Mengen an Abfall, der durch kommunale Entsorgungsdienste bereits am Neujahrstag entfernt werden muss, da neben ästhetischen auch hygienische Bedenken eine Rolle spielen. Allein in den fünf größten Städten Deutschlands kamen 2018 so circa 191 Tonnen Abfall durch Feuerwerkskörper zusammen. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung wären dies immerhin 1.810 Tonnen. Eine adäquate Mülltrennung können wir wohl ausschließen.

Nicht zuletzt sollte aber auch einmal hinterfragt werden, wie hoch der Rückhalt der Gesellschaft an dieser scheinbar kulturbegründeten Tradition eigentlich ist. In einer Erhebung von 2018 gaben 65 Prozent der Befragten an, dass sie überhaupt keine pyrotechnischen Produkte kaufen. Natürlich könnte dem entgegengehalten werden, dass diese Menschen sehr wohl das Feuerwerk an sich schätzen und quasi als Trittbrettfahrer auftreten. Doch dem könnte zumindest durch ein Abbrennen unter professioneller Aufsicht, etwa im Auftrag der Kommunen, Abhilfe geschaffen werden.

122 Millionen Euro Umsatz

In Bezug auf ein Verbot in Covid-19-Zeiten sprechen sich immerhin 61 Prozent der Befragten hierfür aus. Während in den meisten Parteien mindestens die Hälfte bis zu Dreiviertel der sich zugehörig fühlenden Menschen diese Restriktion befürwortet wird, sind es bei der AfD lediglich 25 Prozent. Allerdings muss noch angefügt werden, dass der Umsatz von Feuerwerkskörpern zu Silvester erst seit 2017 leicht rückläufig ist und letztes Jahr noch ungefähr 122 Millionen Euro umfasste. Letztlich bleibt fraglich, wie groß die Fürsprache von Seiten der Gesellschaft ist und ob die Solidaritätsgemeinschaft nicht durch den "Freiheitsdrang" einiger weniger unnötig belastet wird.

Die Gründe gegen das private massenhafte Abschießen von Feuerwerkskörpern sind zahllos und ließen sich noch weiter fortführen. Dass die Gefahr althergebrachter Traditionen überdacht und ohne große Verluste neu gestaltet werden kann, zeigte jüngst das Beispiel des Bleigießens. Oder gibt es nun immer noch Stimmen, die um Biegen und Brechen ihr Nervensystem und ihr Gehirn mit dem Schwermetall schädigen wollen? Grundsätzlich gehört es sicher mit zu den unvernünftigsten Handlungen in unserer Gesellschaft, sich einmal im Jahr nach ein paar Bier und Schnäpsen noch frohen Mutes an pyrotechnische Gegenstände aller Art zu wagen. Und natürlich haben Tocotronic Recht, wenn sie singen: "Pure Vernunft darf niemals siegen". Aber die eigene Freiheit endet in diesem Fall sehr klar an den Fingerkuppen und Netzhäuten der Unbeteiligten, an den Skalpellen und Belastungsgrenzen der Mediziner.

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