Tanzveranstaltung

Meine Meinung: Das Demonstrationsrecht sollte nicht missbraucht werden

Jonas Klingberg

Eine Tanzdemonstration vom vergangenen Wochenende wird heftig kritisiert – nicht nur von Behörden, sondern auch von der Clubszene. DJ und Veranstalter Jonas Klingberg findet es falsch, wenn das Demonstrationsrecht für Raves missbraucht wird.

Aktuell steigen die Zahlen der Corona-Neuinfektionen wieder täglich. So ist die USA auf dem traurigen Höchststand neuer Ansteckungen. Weltweit rudern Länder mit Lockerungen zurück um eine zweite Welle einzudämmen oder zu verhindern. Seit dieser Woche sind in weiten Teilen der Schweiz Veranstaltungen wieder auf 100 Personen beschränkt, sollten Hygienekonzepte nicht eingehalten werden können, darüber hinaus wurde eine Maskenpflicht für den ÖPNV eingeführt. Auf Mallorca wurden aufgrund illegaler Partys die Bars und Kneipen für die nächsten zwei Monate geschlossen und die japanische Regierung hat aufgrund explosionsartiger Neuinfektionen in den Ausgehvierteln die höchste Warnstufe ausgerufen. Auch in Deutschland wird ein Anstieg prognostiziert.


900 Menschen auf dem Platz der Alten Synagoge?

Unbeeindruckt dessen, fand in Freiburg vergangenen Samstag auf dem Platz der Alten Synagoge ein Goa-Rave statt – oder um es in den Worten der Organisatoren zu sagen "eine Tanzdemonstration". Laut den Veranstaltern sollte hierbei "die Schwingung" unsereins erhöht werden und gemeinsam Nächstenliebe, soziale Nähe und Freiheit gefeiert... äh demonstriert werden.

Die gewünschten Schwingungen hat es jedenfalls bei mir erzeugt. Nach den Aussagen der Veranstalter*Innen befanden sich zum Höhepunkt etwa 900 Menschen auf dem innerstädtischen Rave. Unter anderen Voraussetzungen und zu einer anderen Zeit ja durchaus eine schöne Sache, nicht aber unter dem Deckmantel einer vom Grundgesetz geschützten, angemeldeten Versammlung nach GG Art. 8 in Zeiten von einer global herrschenden Pandemie.

Um die gesamte Veranstaltung als Demonstration zu legitimieren, wurde natürlich auch an ein Alibi-Redebeitrag gedacht, welcher wie folgt aussah (Quelle: Tribal Dance Freiburg):

Wir demonstrieren
Für Freiheit.
Für Schönheit, für Liebe und Vertrauen.
Für menschliche Begegnung im realen Raum.
Für Freiheit im Ausdruck.
Für Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit im Wirtschaftsleben.
Für Gleichheit.
Für gesunden Menschenverstand.
Für Nächstenliebe.
Für wahren Frieden und Ruhe.
Für die Natur.
Für Mut und authentisches Verhalten.
Für Redefreiheit und Autonomie.

Für das Heilige eines jeden Moments.
Für Aufmerksamkeit und wahre Freundlichkeit.
Wir demonstrieren für ein Miteinander.
Wir demonstrieren für Erkenntnis und wahre Spiritualität.
Für ein Verständnis dessen, dass der Mensch mehr ist als er bisher im Stande ist zu sehen.
Wir sind für eine Revolution des Bewusstseins.



Der in der Phrasenansammlung geforderte Menschenverstand war bei der Rede dann jedoch wohl untergegangen, trotz massiver Sound Anlage.

Hygienekonzepte und Corona-Verordnungen wie Mindestabstand und Maskenpflicht wurden ignoriert. Zu der Kritik aus der (restlichen) Szene wurde bisher geschwiegen. Stattdessen wird sich seitens der Veranstalter darüber beschwert, dass die Party als Technorave, statt Goarave tituliert wurde.
Zur Person:

Jonas Klingberg, Jahrgang 1995, aus Freiburg, legt als DJ unter den Namen Klingberg und Jekyl auf, und ist als Veranstalter und Labelbetreiber aktiv. Außerdem ist er im Slow Club Verein aktiv.

Dass die Veranstalter dem Rest der Szene und vor allem auch denen, welche sich seit Wochen und Monaten mit Streams und sonstigen kreativen Ansätzen auseinandersetzen um den sowieso schon stark angeschlagenen Clubs und Bars das Überleben in der Stadt zu sichern, schaden, scheint ihnen bisweilen egal zu sein.

Ihre Demonstration für Freiheit und Nächstenliebe ist für mich nur ein Ausdruck egoistischer Ignoranz und stellt den eigenen Hedonismus über die nötige Solidarität und Vernunft und erinnert in der Sache selbst an die Berliner Schlauchboot-Party Anfang des letzten Monats, welche damals bereits heftig kritisiert wurde.

Der Unmut der Behörden über die tatsächlichen Beweggründe der "Demonstration" ist offensichtlich. Als Folge erwartet andere Gruppierungen bei zukünftigen Anmeldungen von Demonstrationen nun eine genauere Überprüfung dieser. Ob und inwiefern dies in Zukunft das Anmelden von Demonstrationen beeinträchtigt kann bis jetzt noch nicht gesagt werden.

Fakt ist jedoch, dass das Event mehr geschadet, als genutzt hat und der gesamten übrigen Szene, die bisher die Füße stillgehalten hat, eben vor diese gespuckt hat.