Meine erste Ballonfahrt: "Glück ab und gut Land!"

Till Neumann

Till ist am Freitag das erste Mal in die Luft gegangen, per Heißluftballon. Er sah die Rheinauen von oben und weiß jetzt, wie laut und holprig das Schweben vonstattengeht. Ein Report aus der Vogelperspektive. Mit traumhafter Fotogalerie.



Aufstehen, aber nicht abheben

Freitagmorgen, 5 Uhr, rrrring, der Wecker klingelt. Der Traum ist aus. Nach kurzer Verwirrung fällt mir ein: Ich muss aufstehen, und zwar schnell, weil ich eine nette Pressedame des Europaparks gestern davon überzeugen konnte, dass ich unbedingt bei einer Ballonfahrt mitmachen muss, die dort in zwei Stunden starten soll.

Zähne putzen, Kamera einpacken, Handschuhe, Mütze, Schal in den Rucksack und ab zum Zug. Um sieben Uhr bin ich am Startplatz beim Europapark. Doch die Wolken hängen tief, die Bedingungen sind schlecht. Um 8 Uhr sagt die Flugleitung den Start ab. Enttäuschung. Nächster Versuch ist um 17 Uhr.

Um diese Uhrzeit bin ich wieder am Start. Der Himmel ist jetzt klarer. Der Mann von der Flugleitung hebt den Daumen. Wir können starten. Also ich, Sabine und Norbert aus Mülheim im Pott, Team 12, Rhein-Ruhr-Zentrum. Bei der Einteilung sagt mir eine Dame, um Aufmunterung bemüht: „Ich kenne die, die sind sehr erfahren, keine Sorge.“ Bin ich schon so blass?



Sabine und Norbert, beide um die 40, empfangen mich mit herzlichem Ruhrpottcharme. Auch Doro wird als weiterer Gast an Bord sein. Für mich ist es das erste Mal. Und das erste Mal Ballonfahren ist schon was anderes als das erste Mal Minigolfspielen.

Vom Empfang gehen wir auf den Startplatz. Im Rahmen des 10. Internationalen Ballonfestivals starten heute über 20 Ballons am Europapark Rust. Die Wiese ist voll. Presse, Gäste, Piloten, Ballons. Das Aufbauen des Ballons dauert länger, als ich dachte. „Die Ballonhülle hat ungefähr 3000 Kubikmeter, das ist ein kleiner Ballon. Er wiegt nur 125 Kilo.“



Ich staune, denn der Ballon sieht riesig aus. Sabine füllt mit einem Ventilator die Ballonhülle mit Luft, dann wird die Luft erhitzt. Mit einem Ding, das aussieht, wie ein Flammenwerfer. Doro und ich halten die Ballonhülle auf, an Gesicht und Händen spüre ich die Hitze. Wenn Sabine nicht gut zielt, kann sie mich beim Catering als Brathahn verscherbeln.

Der Start

Sobald die Luft im Ballon heiß genug ist, wird es hektisch. Der Ballon hebt sich, der Korb richtet sich auf. „Alle einsteigen“, ruft Norbert. Zackig klettern wir zu ihm in den Korb. Aber starten können wir noch nicht, denn alle Ballons sollen gleichzeitig aufsteigen. Also bleiben wir, an einer Leine befestigt, am Boden. Anspannung auf den Gesichtern der Piloten. Mein Puls geht hoch.  

Die Minuten verstreichen, sie kommen mir endlos vor. Sabine greift regelmäßig zum Funkgerät. Negativ. Warten. Hektik auf dem Startplatz. Die vielen Ballons sind sich gegenseitig im Weg. Alle Piloten wollen nur noch abheben. Immer wieder sagt Norbert: "Festhalten!" Windböen drücken den Ballon zur Seite, unser Korb schleift in voller Schräglage hinterher.



18:45 Uhr: endlich, die Starterlaubnis. Sabine feuert heiße Luft in den Ballon, dann löst sie die Leine. Langsam hebt sich unser Luftschiff. Ich habe Schiss, und zwar richtig. Für ein paar Sekunden bereue ich meine Entscheidung. Ich klammere mich in der Enge des Korbs an eine Schlaufe. Die Rehling liegt tief. Höhenangst. Wie komme ich hier wieder raus? Au weia.

Doch dann, wir haben vielleicht 30 Meter Höhe erreicht, werde ich ruhig. Die Angst ist weg, der Start geschafft. Mein Puls senkt sich, ich lockere meinen Griff. Wir schweben über dem Europapark, vor und hinter uns die anderen Ballons. Sabine und Norbert grinsen mich an. „Guter Start.“

Der Flug

Der Wind treibt uns nach Süden. In 50 Metern Höhe, mit 20 km/h. Durch die verschiedenen Windrichtungen in unterschiedlichen Höhen kann der Pilot in gewissem Rahmen die Fahrtrichtung beeinflussen.

Der Taubergießen sieht nett aus, gern hätte ich ihn von noch weiter oben gesehen. Ballons können eine Höhe von 6000 Metern erreichen.

Zu viert stehen wir dicht gedrängt im Korb. Norbert betätigt immer wieder den Brenner, so das Hitze in die Ballonhülle gelangt. Laut ist das! 50 mal lauter als die Flamme am Gasherd. Ich habe es mir stiller vorgestellt. Aber auch kälter.



Drollig sind die ganzen Leute am Boden. Fast alle bleiben stehen, winken, rufen „Haallooooo!“ Wir winken zurück. Wir sind wie Teletubbies und winken auch den Passagieren der anderen Ballons, die in mannigfaltigen Outfits daherfahren: ein Clown, eine Katze, das Konterfei eines arabischen Scheichs und eine Kathedrale. Die kommt aber nicht weit. Nach ein paar hundert Metern muss sie wieder landen.



Die Landung

Neun Kilometer haben wir in 45 Minuten Fahrt zurückgelegt. Es ist 19.45 Uhr, wir müssen runter, denn es wird dunkel. "Festhalten, es kann holprig werden", ruft Norbert vor der Landung. Und das wird es auch. Wir setzen auf, heben noch mal ab, setzen wieder auf, werden ein paar Meter in Schräglage über den Boden geschliffen. Dann stehen wir. Alle schütteln sich die Hand. „Glück ab und gut Land!“, so heißt es im Fachjargon.



Die Taufe

Da ich nun zum ersten Mal Ballon gefahren bin, steht meine Taufzeremonie an. Ich muss geloben, nie wieder "Ballonflug" zu sagen, sondern stets "Ballonfahrt". Dann knie ich nieder. Sabine zündet mir ein Haar an, Norbert löscht es mit einem gefühlten halben Liter Sekt. Ich bekomme eine Urkunde und heiße ab jetzt „Luftgraf Till von Rust, im Abenddunst über den Europapark schwebend, in Begleitung der Kathedrale von St. Gallen.“



Kurz vor der Taufe hat mir Norbert übrigens erzählt, dass 1783 der erste bemannte Ballonflug stattfand. Die Piloten: ein Hahn, ein Hammel und eine Ente. Menschen hatten sich damals nicht getraut.

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Foto-Galerie: Till Neumann