fudder-Kolumne

Mein zuckerfreies Jahr (8 und Schluss): Kein Ende in Sicht

Christian Engel

Unser Autor lebt seit einem Jahr zuckerfrei – und hat sein Experiment nun auf lebenslänglich verlängert. Denn ohne Zucker hat sich nicht nur körperlich einiges für ihn verändert, sondern auch in seinem Umfeld.

Das Jahr ist zu Ende, ein Neues hat neulich begonnen. Und während viele Menschen neue Vorsätze gefunden haben, allen voran, sich mehr zu bewegen, gesünder zu essen, fünf Kilo abzunehmen, mache ich einfach so weiter wie bisher. Ich verlängere meinen Vorsatz vom letzten Jahr. Aber nicht nur um ein weiteres Jahr, sondern gleich fürs gesamte Leben. Zuckerfrei zu sein hat mich restlos überzeugt.


Zur Erinnerung: Vor ein bisschen mehr als zwölf Monaten, also nach den Weihnachtsfeiertagen 2020, saß ich mit einer Freundin am Esstisch. Hanna und ich hatten die Festtage mit unseren jeweiligen Familien genossen, aber die Faxen vom ganzen Rumgesitze und Gefuttere schon ein bisschen dicke. "Fo gehpf nif weiter", sagte Hanna. Ich stimmte ihr zu: "Wir müffen waf ändern." Und dann schluckten wir die letzten Schokoplätzchen hinunter, fanden im Zucker einen Bösewicht und schworen uns, ein Jahr lang ohne ihn auszukommen.

Der Geschmack wurde intensiver

Gemeint war Haushaltszucker, also jener Zucker, der Produkten hinzugefügt wird, um sie süßer zu machen und uns zum erneuten Konsum zu ködern. Nicht gemeint waren etwa Fruchtzucker oder Milchzucker, gerne "natürliche Zucker" genannt. Auf einen kalten Entzug in den ersten zehn Tagen folgte nach einem Monat die wohlig warme Erkenntnis, dass es auch ohne geht. Und nach einem Vierteljahr: dass es einem gar besser geht.

Das handelsübliche Mittagstief blieb aus, man hatte das Gefühl, der Körper könne die vorhandene Energie besser über den Tag verteilen, brauche mittags keinen Zuckerschub, um den Abend erleben zu können. Der Geschmack veränderte sich: Plötzlich waren sogar Haferflocken mit Milch genießbar, mit bisschen Obst verziert ein absoluter Hochgenuss. Karotten und Co. schmeckten intensiver, selbst der von Freunden viel gescholtene zuckerfreie Kuchen, den eine Nachbarin ihr und mir (und aller) zuliebe gemacht hatte, mundete, auch wenn er gewöhnungsbedürftig war.

Neurodermitis ist besser geworden

Und dann ist da noch die Haut, die sich merklich besserte. Seit Kindesalter leide ich mal stärker, mal schwächer unter Neurodermitis. Vor allem an den Händen hatte ich es über Jahre: nervig und unansehnlich. Seit acht Monaten aber beneidet mich jedes Baby um meine aalglatte Haut. Vielleicht bisschen übertrieben, aber: Die Haut ist sensationell, wie neugeboren. Natürlich ist die Neurodermitis nicht weg, das tut sie auch nicht, aber ich habe sie viel besser im Griff als jemals zuvor. Wenn ihr es mir nicht glaubt, fragt doch Fudder-Redakteurin Anika Maldacker, die mich noch mit wüsten Wunden an der Hand kennt, sich neulich aber vier Mal die Augen reiben musste, als ich ihr die Babyhautpranken vorführte.

Ostern war erschreckend, wie nett gemeint, aber einfallslos die Menschen meine Kinder mit Süßigkeiten bombardierten, mit Produkten voller Zucker, die Erwachsene mit gesundem Gesundheitsverstand niemals in dieser Menge selbst zu sich nehmen würden, sie aber gerne verschenken (dieses Verhalten macht keinen Sinn und sollte von einer übergewichtigen Gesellschaft unbedingt überdacht werden). Das machen Erwachsene auch gerne an Kindergeburtstagen, zu Nikolaus, im Bäcker oder in der Apotheke – immer Zucker in diversen Formen, als wäre es alternativlos.

Über die 30 Tage Entwöhnung hinwegkommen

Schön zu merken war, wie man mit seinem Zuckerverzicht sein Umfeld verändert – und es sich für einen verändert. Da macht die Nachbarin, wie eben erwähnt, plötzlich einen Kuchen ohne Zucker, da zaubert die Schwester auf einmal einen zuckerfreien Frühstücksaufstrich aufs Brot, da probiert’s die Mama mit zuckerfreien Plätzchen (trocken, aber liebevoll im Abgang). Und man selbst wird – wenn man nicht gerade als selbsternannter Fruchtzuckerjünger zu missionarisch unterwegs ist – zum Vorbild für andere. Allein meine Kids essen daheim kaum mehr Süßes, weil meine Frau und ich keines konsumieren und kaufen – die Obstteller mittags kommen auch gut an. Und manch einen Freund habe ich ins Boot geholt, einige zumindest zum Nachdenken angeregt.

Mehr bewegen, gesünder essen, fünf Kilo abnehmen – diese Vorsätze lassen sich ganz wunderbar mit einem zuckerfreien Leben verbinden. Wenn man die ersten vier Wochen der Entwöhnung geschafft hat, ist das auch gar nicht so schwer. Und nach einem Vierteljahr möchte man nie wieder in die alte Essgewohnheit zurück.

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