fudder-Kolumne

Mein zuckerfreies Jahr (7): Auch Kinder unter den Opfern

Christian Engel

Unser Autor lebt seit bald einem Jahr zuckerfrei – mit positiven Auswirkungen auf den Zuckerkonsum seiner Kinder. Aber die breite Masse der Gesellschaft liebt’s noch immer, seine Kinder mit Zucker zu ködern und vollzustopfen.

In unserer Küche steht eine rote Kommode von Ikea, bei der ständig die Schubladenböden rauskrachen. Aber das nur nebenbei. Berühmt ist die Kommode vor allem wegen ihrer obersten Schublade. Dort bewahren wir die Süßigkeiten auf.

Vor einem Jahr noch lagen darin Gummibärchenpackungen, Prinzenrollen, Schokolädchen und anderer süßer Kleinkrams. Die Kinder, mittlerweile vier und zwei Jahre alt, hatten schnell herausgefunden, wie man einen Hocker vor die Kommode schiebt und die Schublade öffnet. Gut für die Motorik, der anschließende Zuckerkonsum als Belohnung ihrer heimlichen Entdeckungstour war jedoch zum Teil äußerst grenzwertig und bedenklich.
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Vor allem natürlich rund um Weihnachten und Ostern, wenn fette Schoko-Nikoläuse und -hasen die Schublade verstopften (und der Boden regelmäßig krachte). Seit diesem Jahr aber hat sich das Bild der obersten Kommodenschublade gewandelt. Sie ist zwar immer noch eine kleine Ablage (ehrlicherweise eine kleine Müllhalde) für Zettelchen, irgendwelche Kabel, Kulis und Unterlagen. Süßigkeiten aber sind dort mittlerweile Mangelware. Wir, meine Frau und ich, kaufen ja keine mehr. Und wo nichts ist, kann auch nichts geräubert und verzehrt werden.

Kinder: 25 Gramm Zucker pro Tag

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten Kinder weniger als zehn Prozent ihrer täglichen Energiezufuhr durch Zucker abdecken. Heißt konkret: Mehr als 25 Gramm Zucker pro Tag sollten es nicht sein. Das sind sechs kleine Teelöffel. Ein kurzer Blick auf Zuckertabellen zeigt aber, dass diese 25 Gramm am Tag ziemlich schnell erreicht sein können.
Eine Kugel Fruchteis: 15 Gramm
Drei Esslöffel Ketchup: 15 Gramm
Ein Trinkpäckchen Orangensaft: 18 Gramm
Eine Tüte Gummibärchen: 150 Gramm
Ein gefülltes Glas Limonade: 20 Gramm

Über die Folgen von übermäßigem Zuckerkonsum können Zahnärzte ganze Bücher schreiben. Zudem steigt mit einem Überschuss an Zucker das Risiko von Übergewicht und Diabetes. Zwei Millionen Kinder sind hierzulande laut Adipositas-Gesellschaft (DAG) übergewichtig, fast die Hälfte davon adipös. Während der Corona-Lockdowns nahmen diese Zahlen zu, die DAG spricht von einer "stillen Pandemie". Schon klar: Übergewicht hat noch weit mehr Gründe als den bloßen Überzuckerkonsum. Aber dennoch ist eine Mäßigung von Zucker schon mal ein guter Ansatz gegen das Ansetzen.

Noch immer aber scheint die Gesellschaft die Meinung zu vertreten, Kinder mit Süßigkeiten zu ködern, sich ihre Liebe und Zuneigung mit Schokolade und Fruchtgummis zu erkaufen. Der Bäcker schenkt ihnen Gummibärchen, die Nachbarn kippen zu Ostern tütenweise Süßes in den Busch, selbst die örtliche Apotheke, der viel an der Gesundheit ihrer Bürger liegt, überreicht meinen Kindern stets paar Traubenzucker.
"Kinder lieben alles, was schmeckt und was man ihnen serviert."

Ausgerechnet die AOK beginnt einen zuckerkritischen Bericht auf ihrer Homepage mit diesem dämlichen Satz: "Kinder lieben alles, was Zucker enthält." Chicorée etwa enthält natürlichen Zucker – und den hasst natürlich jedes Kind. Und Lakritze ist quasi Zucker pur – wer mag schon Lakritze? Kinder lieben nicht alles, was Zucker enthält. Kinder lieben alles, was schmeckt – und was man (also in aller Regel wir Erwachsenen) ihnen serviert.
Freiburger Zahnärztin: "Lieber einmal am Tag was Süßes"

Sie lieben Apfelschnitze, Mandarinen und Melonen, sie lieben selbstgemachtes Eis ohne Zucker, und wenn man ihnen statt eines vor Fett und Zucker triefenden Schokokuchens ein Bananenbrot vorsetzt, verspeisen sie eben das Bananenbrot.
Immer wieder finden meine Kids was Süßes in unserer roten Kommode, weil die Omi und Freunde und Nachbarn sie zwischendurch gerne mal bestücken. In Maßen ist alles in Ordnung, sagt ja selbst die WHO. Aber unsere Gesellschaft kann sich in vielen Punkten – auch bei diesem – nicht mäßigen. Das geht auf Kosten der Kinder, denn die futtern in der Regel das, was Erwachsene meinen, ihnen geben zu müssen.

Meine Tipps für den Umgang mit Süßigkeiten daheim

Beim Konsumieren Vorbild sein, die Kinder essen dir alles nach; k(l)eine Vorräte an Süßigkeiten haben; Süßigkeiten nicht als Belohnung einsetzen; klare Regeln für den Verzehr aufstellen (meinetwegen: "Nach dem Essen kriegt jeder ein Stück Schokolade und das war’s dann aber auch für den Rest des Tages, nachmittags gibt’s Obst"); die Großeltern mit in die Pläne einbeziehen und sie – wie auch immer – abstrafen, wenn sie sich nicht daran halten (etwa der Mama mit dem Zerkratzen ihres neuen Induktionskochfeldes drohen, wenn sie noch einmal hinter dem Rücken einen Sack Süßigkeiten verteilt – je nach Kommunikationsfähigkeit innerhalb einer Familie gelingt’s auch mit einfachen Absprachen).

Wenn die Kinder daheim nichts kriegen, holen sie es sich halt woanders, wird häufig gesagt. Dann soll sich doch das Woanders auch mal hinterfragen, was es da eigentlich tut – und ob es nicht sinnvolle Alternativen zu Zuckerprodukten gäbe. Dann soll die Apothekerin doch aufhören, Traubenzucker zu verteilen, der Supermarktbesitzer die Quengelzone abschaffen und die Süßigkeitenregalmeter reduzieren, dann sollen Nachbarn sich zu Ostern Kreativeres einfallen lassen als abgedroschene Schokoladenhasengeschenke, Schulen ihre Getränke-Automaten nicht mehr mit Cola und Fanta bestücken und Hochzeitsplaner uninspirierte Candy-Bars aus dem Programm nehmen. Das wäre mal ein Anfang.

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