fudder-Kolumne

Mein zuckerfreies Jahr (6): Ich habe gesündigt – und fühle mich gut

Christian Engel

Nach neun Monaten seines zuckerfreien Jahres muss unser Autor gestehen, dass er – besonders über den Sommer – mehrmals mit Zucker in Berührung kam. Für ihn ein gutes Zeichen.

Ich habe gesündigt. Bestimmt schon zehn Mal, aber wer weiß das schon so genau. fudder ist mein Beichtstuhl, und ich bin gespannt, wie oft mich die Redaktionsleitung das Ave Maria beten lässt. Der Rosenkranz liegt parat. Selbstkasteiung per Rute fände ich allerdings übertrieben.

Ich habe über den Sommer gesündigt. Mehrmals. Aber nicht mit Eis, was den meisten direkt in den Sinn kommt. Von Eis, egal welcher Sorte, habe ich die Finger gelassen, da trieft der Zucker ja nur so heraus. Zu offensichtliche Zuckerquelle. Gesündigt habe ich allerdings diverse Male, ohne zu wissen, dass ich es tue. Beziehungsweise konkreter und auch einen Tick ehrlicher ausgedrückt: Ich tat es in der Annahme, dass ich in dem Moment höchstwahrscheinlich Zucker konsumierte. Aber mir war’s egal. Weil mein Körper danach dennoch stark blieb, auch wenn es der Geist mal für ein paar Sekunden schleifen gelassen hatte.
Mein zuckerfreies Jahr (5): Ich fange an zu nerven

Es ist nämlich so, wie schon in vorherigen Kolumnen beschrieben: Zucker steckt in allen möglichen Produkten, recht üppig in Fertigprodukten, in Saucen. Dazu gehört, erstes Beispiel: Mayonnaise. Absolutes Teufelszuckerzeug, aber nicht selten als Zutat in Nudelsalaten verbaut. Ein Sommer ohne Nudelsalat ist bei all den Grillaktivitäten fast noch unwahrscheinlicher als ein 80er von Opa ohne Eisbombe. Da das Wetter über den Sommer so lausig war, blieben auch die Grills häufiger als üblich kühl. Dennoch hatte ich oft genug die Schöpflöffel in der Hand und überlegte, während mir von unten der Mayo-Duft in die Nase zog, ob ich jetzt zugreifen darf oder nicht, oder ob Gott gleich einen Blitz auf die Erde schickt und mich für meine Sünden mitsamt der nebenan brutzelnden Auberginen und Nürnberger kross grillt. Aber die Seele legte ihre beruhigende Hand über den Verstand, sagte: "Lass gut sein, gönn ihm die Nudelsalatfreude. Den Zucker wird er wegstecken."

Essen ist ja auch gesellig

Zweites Beispiel sind Kidney-Bohnen. In den meisten Dosengerichten sind Spuren von Zucker enthalten, für den Geschmack, für die Konservierung. Manche Hersteller verzichten aber darauf, kurz: Es gibt Kidney-Bohnen, die kriegt man ohne Zucker, andere nicht. Wenn ich also bei einem Grillfest einen gemischten Salat mit Mais, Paprika, Kidney-Bohnen vor mir hätte, müsste ich rein theoretisch zuerst den Schnibbler oder die Schnibblerin ausfindig machen und ihn oder sie bitten, mir die verwendete Kidney-Bohnen-Marke zu nennen, um auf meiner recherchierten und stets in der Gesäßtasche der Jeans steckenden Kidney-Bohnen-Vergleichsliste nachzusehen, ob ich den Salat nun anrühren dürfte oder nicht.
Mein zuckerfreies Jahr (4): Jetzt bin ich immun

Ich hab das Gefühl, das wäre äußerst gestört. Denn Essen soll doch auch immer noch ein Stück gesellig sein und Freude bereiten. Das kann es auch ohne Zucker, das habe ich in den vergangenen neun Monaten meines Zuckerfrei-Experiments erfahren. Es geht nach einer Weile sogar besser als je zuvor gedacht. Die zweite Erkenntnis ist die, dass ich hier und da – mal mehr, mal weniger wissentlich – sündige, aber trotzdem nicht rückfällig werde: Dass der Körper weiterhin ohne Zucker kann und nicht gleich wieder das Zittern anfängt, wenn er mal paar Stunden nix von dem Stoff kriegt; dass der Geschmackssinn nicht gleich wieder vor die Hunde geht; dass der Geist mal durchwinken, dann aber wieder wochenlang abwinken kann.

Und die dritte Erkenntnis: Eine Nudelsalatsaison geht mit den letzten Sommerstrahlen vorbei – und außerdem verzichtet manch einer ja auch auf Mayonnaise in der Sauce.

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