fudder-Kolumne

Mein zuckerfreies Jahr (5): Ich fange an zu nerven

Christian Engel

Nach einem halben Jahr seines zuckerfreien Jahres muss unser Autor Christian Engel aufpassen, mit seinem Missionieren nicht all seine Freunde zu vergraulen. Komm runter, Junge!

Ich bin gut drauf, euphorisiert, ein neuer Mensch. Seitdem ich dem Haushaltszucker den Mittelfinger entgegenrecke, habe ich mehr Energie, bessere Haut, wohl auch gesündere Zähne. Ich war zwar seither noch nicht beim Zahnarzt, aber der wird mir sicherlich ein Sonderlob aussprechen, wenn er nach einer halbstündigen Forschungsreise durch mein Gebiss keinerlei Spuren von Karius und Baktus entdeckt. Um es kurz zu machen: Ich bin absolut überzeugt von meinem zuckerfreien Leben.
So sehr, dass ich anfange zu nerven.
Mein zuckerfreies Jahr (4): Jetzt bin ich immun

Meine Frau hats eines Abends nach einem Essen mit Freunden gesagt: Werde mir nicht zum Missionar, mein Lieber. Ich glaube "mein Lieber" hat sie noch nicht einmal gesagt, also war’s wirklich ernst. Sie meinte, es sei ja schön und gut, dass ich zuckerfrei lebe, sie unterstütze mich dabei, mache sogar selber hier und da mit beim Verzicht. "Aber du musst es doch nicht jedem auf die Nase binden!", sagte sie, schüttelte den Kopf und setzte ihren gekonnten vorwurfsvollen Blick auf, der mich manchmal bis in meine Träume hinein verfolgt.
"So jemand wollte ich nie werden."

Fühlst du dich, lieber fudder-Leser, der eventuell mein zuckerfreies Jahr bisher ein wenig verfolgt hat, von mir missioniert? Gar genötigt, meinen Glauben an das Gute anzunehmen? Oder habe ich dich, der so wehrlos war wie ein Boxer in Zwangsjacke, vielleicht längst schon dazu gebracht, keinen Zucker mehr – außer natürlichen Milchzucker, Fruchtzucker und Co. – anzurühren?

Bin ich etwa schon so eine Nervensäge geworden wie manch ein Veganer, der dir beim Grillen aufs regionale Rindersteak rotzt, dein Omelette mit Füßen tritt, der dir beim Schlagen süßer Sahne sauer eine klebt?

Ich muss eben manchmal nerven

So jemand wollte ich nie werden. Andererseits: Wenn man von einer Sache überzeugt ist und meint, die Welt zum Guten verändern zu können (das meine ich wirklich so), wieso dann nicht auch davon berichten, seinen Glauben lauthals in alle Welt hinausposaunen? Hätte Martin Luther seine 95 Thesen nicht mit viel Brimborium am Portal der Wittenberger Schlosskirche gepostet, verstaubten seine Reformationsideen wohl heute noch in irgendeinem Sekretär.

Also müssen die Dinge doch zur Sprache kommen. Also muss ich meine Freunde, deren Gesundheit mir am Herzen liegt, doch zur Vernunft bringen: mit Taten des Vorlebens, mit Worten des Vertrauens und der Begeisterung. Also muss ich manchmal eben nerven.

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