Fazit

Mein Zoom-Semester an der Uni Freiburg: "Habe es mir schlimmer vorgestellt"

Christoph Giese

Ein Semester, das komplett digital ablief: Das war auch für fudder-Autor und Student Christoph Giese neu. Zunächst war er skeptisch, dann lief es doch ganz gut. Auf fudder teilt er drei Gedanken zum Ende der Vorlesungszeit.

Letzte Juliwoche, das quälend lange Online-Semester geht zu Ende. In einer Zoom-Sitzung hält ein Kommilitone ein Referat. Plötzlich stockt der Ton, irgendetwas funktioniert nicht mehr. Es sind nur noch unverständliche Wortfetzen zu hören. Die Dozentin unterbricht, es komme nur noch "Silbensalat" an. Ein anderer übernimmt.


Momente wie diese blieben – überraschenderweise – die Ausnahme während dieses Semesters. Denn eines gleich vorweg: Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Ich habe mehr Probleme erwartet, vor allem technischer Art. Doch die Internetverbindung erwies sich zumeist als verlässlich. Insgesamt lief dieses außergewöhnliche Online-Semester, das für Studierende wie Dozierende gleichermaßen Neuland war, recht gut. Trotzdem war nicht alles toll. Drei Gedanken zum Ende der Vorlesungszeit.
fudder-Autor Christoph Giese studiert Politikwissenschaft im Master an der Albert-Ludwig-Universität, aktuell ist er im 2. Semester.

1. Die neue Flexibilität

Ein strikter Stundenplan mit festen Vorlesungszeiten? Nicht in diesem Sommersemester! Lediglich in der ersten und der letzten Woche dieses Semesters hatte ich alle Kurse zu den ursprünglich vorgesehenen Zeiten. Zum Großteil lief das Semester asynchron, pro Lehrveranstaltung hatte ich im Schnitt nur alle vier Wochen eine Videokonferenz. Dazu wurden Dozierende angehalten, um die Uni-Server nicht zu überlasten, um Studierende mit schlechten Internetverbindungen nicht zu benachteiligen, um nicht an bestimmte eineinhalb Stunden in der Woche gebunden zu sein.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kann sich die zu bearbeitenden Aufgaben frei einteilen, Zeit und Ort spielen keine Rolle, womit wir bei den Nachteilen wären. Diese Flexibilität ging mit einem schwerwiegenden Strukturverlust einher. Der Bärenanteil war Selbststudium. Texte lesen, Fragen beantworten, kurze Essays schreiben. Das Semester mutierte so zu einem dauerhaften Prozess des Hausarbeit-Schreibens – was jetzt nach Semesterende wie üblich auch noch ansteht. Hinzu kommt die dauerhafte Vermischung von Wohnort und Arbeitsplatz. All das machte das Lernen schwerer.

2. Die neue Anonymität

Wer wusste Mitte April eigentlich schon, was Zoom ist? Die digitalen Live-Sitzungen ermöglichten zumindest ein wenig direkten Kontakt zwischen Studierenden und Dozierenden. Doch die Zoom-Schalten veränderten sich im Laufe des Semesters. Die vielen, in Freiburger WG-Zimmer gerichteten Webcam-Bilder, wichen bald mehr und mehr anonymen schwarzen Kacheln. So wurden Seminare eher Vorlesungen mit stillen, unsichtbaren Zuhörern.

Aber wer will es uns verdenken? Sich in einer Videokonferenz mit 25 Unbekannten zu Wort zu melden, ist nicht einfach. Die Hemmschwelle ist höher. Außerdem fällt man sich immer wieder versehentlich ins Wort. Echte Diskussionen entpuppten sich als schwer durchführbar. Natürlich kann man auch leichter untertauchen. Am eigenen Laptop dauerhaft konzentriert zu bleiben, ist schwieriger als im Hörsaal. Schnell schweift man ab, die Aufmerksamkeit ist dahin.

Deshalb habe ich die Erfahrung gemacht, dass es helfen kann, die Kamera einzuschalten – denn es diszipliniert. Man setzt sich an den Schreibtisch, tauscht Pyjama gegen andere Kleidung und schaut wenigstens etwas interessiert in die Webcam. Das führt zu ganz neuen Fragen. Wen schaue ich an? Und wer schaut mich an? Grüße ich jemanden auf der Straße, der dreimal in der gleichen Videokonferenz war?

3. Uni ist mehr als Stoffvermittlung

Insgesamt gehe ich mit einem gemischten Gefühl aus dem Semester. Die Technik streikte selten und die Dozierenden, für die das alles ebenso neu war, gaben sich wirklich Mühe, die Lehre den Umständen entsprechend erträglich zu machen. Doch auch ein noch so ausgefeilter Syllabus konnte die vielen Dinge, die dem Online-Semester zum Opfer fielen, nicht ausgleichen. Zu viel fehlte: Freunde an der Uni sehen, Menschen kennenlernen, ein geregelter Bibliotheks-Betrieb.

Zwar lief die Lehre weiter, doch eines ist mir in diesem Semester besonders klar geworden: Uni ist mehr als Stoffvermittlung. Ich will Online-Lehrelemente nicht pauschal verteufeln, denn es lief ja recht gut. Doch dieses Semester zeigte deutlich: Der persönliche Austausch mit Studierenden und Dozierenden lässt sich nicht auf Dauer ins Digitale verlegen. Der direkte soziale Kontakt ist unersetzlich. Hoffentlich bleibt das kommende das letzte Online-Semester.

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