Mein Hobby: Postkarten verschicken

Meike Riebau

Ihre Freunde halten sie für verrückt, in einer Internet-Community aber ist sie eine kleine Berühmtheit: Kerstin B. aus Karlsruhe verschickt pro Monat 80 Postkarten – an Leute, die sie gar nicht kennt und deren Adressen ihr per Zufallsgenerator zugewiesen werden.



1158 Karten hat Kerstin B. (Bild unten rechts) mittlerweile verschickt. Unter den „Postcrossern“, wie sich die Kartengrußsüchtigen selbst nennen, rangiert sie damit in Deutschland auf Platz 2, weltweit auf Platz 3.

Während der Rest der Menschheit vorwiegend Rechnungen und Werbung im Briefkasten vorfindet, ist die Ankunft des Postboten für Kerstin B. immer ein kleines Fest: Vier bis fünf Karten aus der ganzen Welt bringt er ihr täglich vorbei. Ist der Briefkasten ausnahmsweise doch mal leer, ist die 37-Jährige richtig enttäuscht –  so sehr hat sie sich an den täglichen Kartensegen gewöhnt.

Angefangen hat alles mit Kerstins anderem Hobby: Bookcrossing (fudder-Artikel). Schon seit Anfang 2004 betreibt die Angestellte den aus den USA herüber geschwappten Trend des  Büchertauschs. Im Bookcrossingforum las sie auch irgendwann zum ersten Mal von Postcrossing. „Die Idee fand ich toll. Aber anfangs war ich skeptisch, weil man seine Postadresse ins Netz stellen muss und mir Zweifel an der Sicherheit kamen.“  Die Neugier überwiegt aber doch; sie meldet sich an und schickt am 8. August 2005 ihre erste Karte  – Motiv: Heidelberger Stadtansicht – auf die Reise nach Kalifornien.

Das Prinzip von Postcrossing beruht auf einem Austausch: Der Internet-Nutzer erhält per Zufallsgenerator die Adresse eines anderen Mitglieds. Sobald er die Karte auf die Reise geschickt hat, registriert er diese online –  und landet dadurch selbst wieder in dem Adressentopf. Zehn Tage, nachdem Kerstin die erste Karte losgeschickt hatte, trudelte bei ihr Post ein aus Texas.  „Das war wie Weihnachten“, beschreibt sie den Moment.



Die zweite Karte ging dann gleich an ein etwas weniger exotisches Ziel: Nach Karlsruhe, an eine Frau, die sie sogar über Bookcrossing-Kreise kannte. Ein Beweis dafür, dass selbst in einem globalen Netzwerk die Regel zutrifft, dass die Welt ein Dorf ist. „Ich finde es reizvoll, Nachrichten aus Orten zu bekommen, in denen ich noch nie war“, sagt die gebürtige Fränkin. Den Wunsch, all diese Orte einmal selbst zu besuchen, hat sie aber nicht: Papieransichten reichen aus. „Anfangs hatte ich schon gehofft, dass vielleicht so etwas wie Brieffreundschaften entstehen. Aber daraus ist nicht wirklich etwas geworden.“ Ein einziges Mal hat sie sich mit einer anderen Postcrosserin verabredet.

Welche Karten die Leute verschicken, und vor allem, was sie darauf schreiben, bleibt jedem selbst überlassen.  „Ich habe schon eine Karte bekommen, auf der stand gar nichts drauf, nur die Adresse des Absenders. Andere sind wahnsinnig liebevoll gestaltet, selbst die Briefmarke ist auf das Kartenmotiv abgestimmt.“

Für Kerstin ist es spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Postkartenkultur in den einzelnen Ländern ist. Aus Estland etwa hat sie anfangs fast nur Werbepostkarten bekommen. Andere, wie ein taiwanesischer User, basteln liebevolle Origami-Motive.



Auch als politischer Gradmesser können die harmlosen Grüße dienen: Während der Olympischen Spiele in Peking brauchte eine Karte von China nach Deutschland gerade einmal zehn Tage –  um danach wieder quälend lange 40 bis 50 Tage unterwegs zu sein.

Eine Stunde investiert Kerstin täglich in ihr Hobby – das ist nicht ganz billig: 80 bis 100 Euro gehen im Monat dafür drauf. „Aber daran denke ich nicht. Andere gehen eben Skifahren, ich mache dies. Ich  werde damit bestimmt nicht aufhören.“

Eigentlich wollte Kerstin nach der 1000. Karte, die sie verschickt hat, aufhören.  Irgendwie kam sie dann aber doch nicht von ihrer kleinen Sucht los. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie das ist, wenn morgens auf einmal keine Post mehr im Briefkasten liegt.“

Manch ein Internetnutzer hat bereits ehrfürchtig reagiert, als ihm klar wurde, dass er eine Karte von der prominenten Dauerpostkartenschreiberin (Postcrossing-Name: „tigerle“) bekommen hat. Nicht nur im  Netz ist sie eine Berühmtheit, auch zu ihrem Postboten hat sie ein Verhältnis wie der Stammkunde zum Barkeeper. „Da kommt die Post sogar an, wenn die Adresse unvollständig ist“, sagt sie. „Meine Freunde dagegen denken eher, dass ich spinne“, gibt sie ganz unverblümt zu. Aber spätestens, wenn der Briefkasten morgens wieder mit Grüßen aus der ganzen Welt gefüllt ist, sind solche Bemerkungen vergessen.

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