Meerjungfrauentreffen in Freiburg: Wenn ich groß bin, will ich Meerjungfrau werden

Carolin Buchheim

Einmal wie Arielle oder die Meerjungfrauen-Teenies aus der Hitserie 'H2O' durch das Wasser gleiten! Diesen Wunschtraum erfüllt die Meerjungfrauenschwimmflosse 'Magictail', die von Kirsten Söller aus Sexau erfunden wurde. Am Sonntag trafen sich mehrere hundert Flossen-Fans im Freiburger Westbad. Ein Besuch mit Selbstversuch:



Kein Zweifel: Lotta hat die Sache raus. Mit einem eleganten Schwung gleitet die Siebenjährige vom Beckenrand ins Wasser, zwei Schläge mit der violettfarbenen Schwanzflosse, zwei schwungvolle Armbewegungen, fertig ist die Unterwasserrolle. Mit einem strahlenden Lächeln taucht Lotta auf: “Papa, guckst du?”

Das tut er natürlich: Alexander Rupp (Bild oben) filmt seine Tochter mit einem wasserdichten Fotoapparat. Zusammen sind die beiden aus Flonheim bei Mainz angereist, der Ausflug ist Lottas Geburtstagsgeschenk. “Wasser ist einfach ihr Element”, sagt der Papa stolz. Lottas Langzeitziel ist klar: “Wenn ich groß bin, will ich Meerjungfrau werden!” Lotta ist eine der jüngsten Meerjungfrauen, die am Sonntagnachmittag durch das Sprungbecken und eine Hälfte des 50-Meter-Beckens des Freiburger Westbads tollen.

Während im Becken nebenan hartgesottene Sportler heute nur auf 25 Metern verkürzte Bahnen ziehen können - “Ein paar haben sind heute stattdessen ins Faulerbad gegangen”, sagt eine Mitarbeiterin an der Kasse - wimmelt es im Becken von bunten Flossen an jungen Mädchen, Durchschnittsalter 9 bis 12.

1100 Gäste sind am Nachmittag im Westbad - rund dreimal so viele, wie an einem gewöhnlichen Sonntag, nicht mitgezählt die Gäste auf der rappelvollen Besuchertribüne. Damit im Meerjungfrauenansturm keine Meerjungfrau untergeht, stehen heute elf Bademeisterinnen und -bademeister am Beckenrand, neun mehr als sonst.

Für einen Euro können Neugierige sich für 20 Minuten in eine Meerjungfrau verwandeln und die Meerjungfrauenflossen der Firma Magictail aus Sexau ausprobieren. Das Angebot ist beliebt, alle 35 Leihflossen in den Größen S bis L (Bild unten) den ganzen Nachmittag über in Benutzung. Das Meerjungfrauenoutfit besteht aus einer Monoflosse für die Füße und dem mit Schuppen bedruckten Meerjungfrauenschwanz aus dünnem Stretchmaterial.



Flossen-Erfinderin Kirsten Söller schneiderte vor etwas mehr als drei Jahren die erste Flosse für ihre Tochter Moja, die großer Fan der australischen Meerjungfrauen-Teenie-Serie H20 war. Dass das Geschenk für ihre Tochter zu einem eigenen Unternehmen und zu einer Veranstaltung wie dieser führen sollte, hat sich nicht erwartet. “Es ist so toll, dass so viele Leute da sind, und alle so viel Spaß haben”, sagt sie. Von weit her sind die meisten Jung-Nixen und ihre Eltern angereist, Bayern, NRW, Hessen, Zürich, alles dabei, der Magictail-Newsletter hat die Flossenbesitzerinnen über das heutige Treffen informiert.

Die längste Anreise haben vielleicht zwei Nixen aus Kärnten gehabt: Zusammen mit Mama Christine sind Margaux Janschitz und ihre Freundin Anna Allmayer mehr als zehn Stunden Zug gefahren, um ihre Meerjungfrauenflossen im Westbad auszuführen. Seit zwei Jahren haben die beiden Elfjährigen schon ihre Flossen, auch im heimischen Schwimmbad sind sie damit gerne unterwegs. “Da fragen immer alle neugierig, wo die Flosse herkommt”, sagt Margaux.

Neugierig beäugt werden die Nixen im Westbad nur von der Zuschauertribüne aus: Im Becken selbst sind die Flossenträgerinnen in der Überzahl und haben ausreichend Platz für Flossentricks. Ihre Rundumversorgung ist heute gesichert: An einem Schminkstand können sich die Nachwuchsnixen mit wasserfestem Make-up in grellen Farben und mit viel Glitter verschönern lassen, an einem anderen Stand werden bunte Haarsträhnen in die Mähne geflochten und Accessoires für den perfekten Unterwasserlook verkauft. Ein Meerjungfrauenclub wirbt um Mitglieder. Zwei Fotografen im Taucheranzug und mit Sauerstofftanks auf dem Rücken bieten Unterwasserfotos der aufgestylten Jungnixen an.

Die Veranstaltung ist auch ein Medienevent: Drei Fernsehteams sind am und im Pool unterwegs, zum Teil ebenfalls im Taucheroutfit. Einem Privatfernsehsender säuft bei den Dreharbeiten gleich mal eine GoPro-Kamera ab.



Am Beckenrand assistiert derweil Sabine Müller Neulingen beim Anziehen der Flossen auf weichen blauen Gymnastikmatten. “Man muss zuerst den Flossenstoff zusammenraffen und ganz nach unten ziehen”, erklärt sie, heute nicht zum ersten Mal. “Dann kann man mit den Füßen in die Gummihalterung schlupfen, wir nennen das anflossen.” Kleinfüßigen Nixen empfiehlt sie dabei das Tragen von Socken, damit die Flosse schon eng sitzt. “Jetzt muss man nur noch den Stoff vorsichtig nach oben ziehen, am besten nicht mit den Fingernägeln.” Das Flossenhüllenmaterial ist empfindlich - deswegen gibt’s die Matten. Vom Stehen in der angezogenen Flosse rät Sabine Müller ab: “Da reißt man leicht Löcher in den Stoff.”

Also gut. Dann jetzt mal Schwimmen, als Meerjungfrau. In der hautengen Meerjungfrauenschwanzhülle sitzen Füße und Beine eng wie in einer Presswurst - der erste Impuls, wie sonst beim Schwimmen erstmal einen Brust- oder Kraulschwimmbeinschlag zu machen, scheitert zwangsläufig. Ein Schluck Chlorwasser, noch einer, leichte Panik macht sich breit. So leicht, wie das Flossenschwimmen bei der siebenjährigen Lotta aussieht, ist es nicht.

“Der Trick ist, viel mit den Füßen zu machen, und nur ein bisschen mit den Knien”, erklärt Mermaid Katja (Bild unten). Die 17-Jährige aus dem Ruhrgebiet hat ihre Flosse zwar erst seit einem halben Jahr, ist aber ein richtiger Profi. Elegant liegt sie mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken im Wasser und schlägt entspannt mit der Flosse. Über Cosplay kam Katja auf der Suche nach einem neuen Charakter zum Meerjungfrauenschwanz.



Passend zur Flosse hat sie das serienmäßige Bikinioberteil mit Netzmaterial aufgewertet, in den Haaren leuchten blauviolette Strähnen, eine Seestern-Haarspange hält die Frisur unter Kontrolle. Langfristig möchte sie gerne als Meerjungfrau auftreten, vielleicht bei Geburtstagen oder bei Werbeaktionen, auf der Boot in Düsseldorf war sie in diesem Jahr bereits; auch eine Facebook-Seite hat ihr Meerjungfrauen-Ich.

Katjas Traum: ein Flossen-Upgrade. “Silikonflossen sind noch besser”, erklärt sie, und schwärmt von den Schwänzen des US-amerikanischen Flossenhersteller The Mertailor,  der bereits Lady Gaga und Germany’s Next Topmodel mit Meerjungfrauenschwänzen versorgt hat. “Wie meine Flosse aussehen soll, das habe ich schon geplant.” Noch ist allerdings sparen angesagt. Der Listenpreis der Mertailerflossen liegt bei 2700 US-Dollar. Während Katja sich treiben lässt, steht ihr Freund steht derweil am Beckenrand, schaut zu, oder macht Fotos. Für ihn kommt der Selbstversuch als Neptun nicht in Frage: “Ich hab einfach nicht die Figur für eine Meerjungfrauenflosse."

Ein paar Männer zeigen heute allerdings tatsächlich Mut zur Flosse. Der 25-jährige Sven ist heute zusammen mit Katja aus dem Ruhrgebiet nach Freiburg gekommen, er trägt zum ersten Mal seine Flosse im Wasser. “Zuhause habe ich sie nur mal im Wohnzimmer anprobiert”, verrät er. Warum genau er auf die Flosse steht, das kann er gar nicht so richtig sagen. “Im Wasser fühle ich mich einfach wohl.”

Ein anderer Wassermann ist Sascha aus Bayern. Er hat seine blaue Flosse erst heute gekauft, und sie zum ersten Mal an. Auch er kann gar nicht so genau sagen, was ihn zur Flosse treibt. “Ich wollte das einfach mal ausprobieren”, sagt er. Den schwungvollen Flossenschlag hat er an seinem ersten Tag als Wassermann schon gut drauf; wenn er zwischen den vielen kleinen Mädchen am Beckenrand hängt, ist er zudem ein beliebtes Motiv für Fotografen und Fernsehteams.

Am späten Nachmittag wagt sich eine kleine Gruppe Jungs mit Hipsterfrisuren und -bärten in die Leihschwänze, sie scheinen einen lockereren Bezug zum Meerjungschwanz zu haben, als die anderen anwesenden Männer. Parole: Den Quatsch einfach mal ausprobieren. Ihr Urteil, während sie prustend versuchen, nicht zu viel Wasser zu schlucken: “Das ist viel schwerer, als es bei den kleinen Mädchen aussieht.”

Die kleinen Mädchen vertreiben sich ihre Zeit mit einem Tauchwettbewerb, schauen den Meerjungfrauschwimmshows von Profis mit bunten Riesenflossen zu, zeigen sich gegenseitig Tipps und Tricks oder schwimmen auch einfach nur um die Wette. Am späten Nachmittag dann der Weltrekordversuch: die meisten Meereslebewesen in einem Schwimmbecken. 148 Nixen und Neptuns werden schließlich von Kirsten Söller und einem Helfer gezählt, jede und jeder einzeln von zwei Bademeister aus dem Wasser an Land gehoben. Dort sind Meerjungfrauen ja bekanntlich ziemlich hilflos unterwegs.





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Foto-Galerie: Michael Bamberger

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