Marteria im Waldsee: Hiphop im Neonlicht

Daniel Weber & Janos Ruf

Konsole an, das Spiel kann beginn'. So wie das Album "Zum Glück in die Zukunft" von Marteria anfängt, so begann auch sein Konzert im Waldsee. Vor ausverkauftem Häuschen zockte sich der Berliner in der Folge auch mit kaputter Daddelhand von Level zu Level und zeigte dabei, wieso er zugleich Deutschraps Szeneliebling und Sprachrohr nach außen ist.



Ein schwarzes Jacket, stilecht mit Einstecktuch. Kombiniert wird der edle Zwirn mit T-Shirt, Jeans und Nike-Sneakern. So kommt der Mann des Abends auf die Bühne und trägt sein Trademark-Lächeln zur Schau. Das Mikrofon in der linken Hand, ein weißer Handschuh über der rechten. „Aber nicht wegen Michael Jackson, sondern weil die Hand komplett kaputt ist“, sagt Marten Laciny a.k.a. Marteria und erklärt, dass er sich einen Tag vor der gerade gestarteten Tour den Greifer beim Kochen verbrüht hat. Autsch.

Es ist kurz nach 21 Uhr, Marteria selbst ist noch gar nicht lange in Freiburg. Der 28-Jährige ist erst rund drei Stunden zuvor zum Soundcheck im Breisgau aufgeschlagen, nachdem er in Stuttgart zu Gast bei BigFM im Radio war. Die Promo-Maschine muss am Laufen gehalten werden, gerade während einer Tournee.

Die Verstrahlt-Tour ist nach der überaus erfolgreichen ersten Tour im vergangenen Jahr nun die zweite zu seinem aktuellen Album „Zum Glück in die Zukunft“, mit dem sich der gebürtige Rostocker und in Berlin lebende Karrierenmensch (Ex-Fußballer, Ex-Model, Immer-Musiker) nicht nur zum Liebling innerhalb der deutschen Hiphop-Szene generierte, sondern für diese auch zum Sprachrohr nach außen wurde. Fernab von klischeebehafteten Images fanden Marteria und sein Team einen Weg, gehaltvolle Musik zu machen, die tief im Rap verwurzelt und doch gleichzeitig in alle Richtungen offen ist. Vor wenigen Wochen ist er damit bei der "Wir beaten mehr"-Konzertreihe in Berlin und Hamburg in den dortigen o2-Welten aufgetreten.



Und nun also im kleinen Freiburg im noch kleineren Waldsee. „Ein wunderschöner Laden. Ich hätte nicht gedacht, dass hier in diesem kleinen Raum 500 Leute Platz haben“, kommuniziert Marteria auf der kniehohen Bühne. Es ist wie im Landschulheim:

Ein abgelegenes uriges großes Häuschen, das von Jugendlichen geflutet ist. Im Vorraum stapeln sich Stühle - die werden sowieso nicht gebraucht. Die Garderobe ist in die Wirtstheke integriert; die Hauptbar befindet sich im Konzertsaal (lies: Aufenthaltsraum). Diese wird vor allem von älteren Semestern frequentiert, die sich das Geschehen aus den hinteren Reihen anschauen, während die Jugendlichen sich selbst vor die Bühne und den Sauerstoff aus dem Raum pressen. Ausverkauftes Häuschen. Als „jung und sehr euphorisch“, beschreibt Soundmann Tropf hernach das Publikum.



Neben Marteria und seiner als Roboter verkleideten Band (bestehend aus DJ Nobodys Face, dem knöpchendrehendem-auf-Drum-Machine-einhauenden Kid Simius sowie zwei Backgroundsängerinnen und einem Sänger im sauerstoffarmen Bühnenbereich) hat Tropf hinten auch schwere Arbeit zu verrichten. Der Hamburger Soundmann pegelt seine Anlage normalerweise in den ganz großen Hallen der Republik auf Tour mit Jan Delay ein. Im Waldsee verwandelt er den kleinen Raum mit den niedrigen Decken so gut es geht in eine Bass-Oase. „Die Anlage war immer am Limit“, erzählt er danach. Beim Song "Verstrahlt" erliegen die Boxen einem kurzen Infarkt. Das macht aber nichts, denn es geschieht genau in dem Teil des Songs, in dem das ganze Waldsee gerade den Refrain intoniert: „Ich bin so schön verstrahlt / Ich heb ab zum Mars / Zehntausend Farben / Zehntausend Grad“.

Rund zwei Stunden dauert das Konzert, das um die gesamten zwölf Albumsongs gestrickt ist und immer wieder geschickt Stimmungen transportiert und wechselt. Viele Songs werden nach der Hälfte von den Robotern und ihrem Anführer in ein wildes Mash-Up umprogrammiert. Zwischen Rage Against The Machines „Killing In The Name of“ und Fedde La Grands „Let Me Think About it“ werden so die neuen Nikes an den Füßen abgefeiert, Verbotenes zur Pflicht gemacht, sich die Frage gestellt, wie man das dir nun alles klar machen soll oder halt einfach dein Sound gecrasht.



Die Bühne ist dabei stets in Neonlicht getaucht, mal rot, mal blau. Und taucht nach dem äußerst gelungenen High-Speed-Rap-Intermezzo von Support Chefket dann in grünes Nebelgeschwader ab, als Marterias Alter Ego Marsimoto die Bühne betritt. Mit grünglänzendem Hoody über der grünen Gesichtsmaske à la MF Doom rappt das alienartige Wesen mit hochgepitchter Stimme und Hang zum Marihuana-Konsum auf kruden Elektrobeats übers Kiffen, den Heißhunger auf Döner oder den Heimatplaneten Green Berlin. Aus Marsi wird dann wieder Marteria, und das Konzert geht nach rund zwei Stunden seinem Ende entgegen. Nach „Sekundenschlaf“, der Hymne aufs (Ab-)Leben mit dem Älterwerden und den letzten 20 Sekunden (viermal gefolgt von den letzten 20 Sekunden) ist dann Schluss.

Zu Ende ist der Abend an diesem Punkt allerdings noch lange nicht. Keine zehn Minuten danach erscheint Marteria am Merchandise-Stand, schüttelt (mit links) Hände, plaudert, gibt Autogramme und lässt sich mit den Fans fotografieren. Er macht das anderthalb Stunden lang bei bester Laune, bis auch der letzte Wunsch erfüllt ist. „Jetzt bin ich erschöpft“, sagt er danach mit einem Longdrink in der Hand im leeren Waldsee, während hinter ihm gerade alles abgebaut wird. Es ist nach 1 Uhr, erst jetzt geht es schnell unter die Dusche, bevor später in der Nacht der Bus in die Schweiz nach Bern fährt, wo heute das nächste Konzert auf der Tour ansteht. So schön sympathisch verstrahlt. Und das alles mit Links.

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Foto-Galerie: Janos Ruf


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