Abhängigkeit

"Manche trinken Kaffee, ich nahm Crystal": Die Freiburgerin Nadira erzählt von ihrer Drogensucht

Felix Klingel

Es war ein sonniger Tag, als Nadira sich umbringen wollte: Das Ende einer vierjährigen Sucht nach Crystal Meth. Auf dem Youtube-Kanal "Die Schnibis" erzählt sie gemeinsam mit Freundin Mary von ihrer Abhängigkeit. fudder hat mit beiden gesprochen.

Nadira, wie war dein erstes Mal Crystal Meth?

Nadira: Ich war total aufgedreht und ich habe bei meinem damaligen Freund mega laute Musik gehört und bin da so richtig rumgesprungen - das habe ich vor ihm sonst nie gemacht. Und dann haben wir die ganze Nacht über die Welt philosophiert. Ich war 14 und hatte schon Heroin, Koks und andere Drogen probiert.

Und wie war dein 100. Mal Crystal?

Nadira: Da kamen sicher langsam die Paranoias. Ich habe Dinge gesehen, die nicht da waren.

Die Wirkung hat sich verändert?

Nadira: Ja, aber das hat mich noch nicht richtig gestört. Ich habe es genutzt als Mittel für den Alltag. Manche trinken Kaffee, ich nahm Crystal. Klar, das ist viel krasser als Kaffee. Aber ich wurde halt ein bisschen paranoid, das hat mich damals nicht gestört. Da war ich schon abhängig.
Nadira ist 24 Jahre alt und studiert in Freiburg soziale Arbeit. Ursprünglich kommt sie aus einer Stadt nahe Leipzig und hat dort mit 14 begonnen, regelmäßig Crystal Meth zu nehmen. Nach vier Jahren Konsum schafft sie den Absprung. Sie zieht zum Studium nach Freiburg und lernt dort Mary (22) kennen, mit der sie nun gemeinsam den Youtube-Kanal "Die Schnibis" mit inzwischen über 8.000 Abonnenten betreibt. Auf dem Kanal geht es um Drogen und Aufklärung, um die Geschichte von Nadira aber auch um andere Dinge aus dem Leben der beiden. Der Name des Kanals kommt vom Spitznamen "Schnibus", den beiden in ihrem Freundeskreis haben.

Wie war es nach vier Jahren, am Ende deines Konsums?

Nadira: Dann wurde es schlimm. Ich habe Krämpfe bekommen und nichts mehr gewogen. Ich konnte auch nicht mehr essen, habe nichts runterbekommen. Also habe ich nur Joghurt gegessen. Bei einem Familienfest habe ich im Zimmer meiner Schwester einen epileptischen Anfall bekommen.

Wie viel hast du damals konsumiert?

Nadira: Ich war die ganze Zeit auf Sendung. Aber ich bin nicht mehr glücklich durchs Zimmer gesprungen, sondern habe nur geballert, um irgendwie aktiv zu bleiben. Beim Runterkommen wurde ich depressiv und dachte über Selbstmord nach.

Auf eurem Youtube-Kanal erzählst du deine Geschichte - schonungslos und offen. Warum machst du das?

Nadira: Ehrlich gesagt ist das alles recht spontan entstanden. Aber es geht mir natürlich auch um Aufklärung. Es gibt sehr viele Leute, die konsumieren und die haben ein Umfeld, welches darunter leidet. So entstand zum Beispiel das Video "Junkies besser verstehen", in dem ich versuche, typische Verhaltensweisen von Junkies zu erklären. Zum Beispiel: Warum beklaut mich meine Tochter? Eben weil sie abhängig ist. Darum ist sie aber kein schlechterer Mensch.



Mary, du bist in den Videos oft die Fragestellerin, bist du selbst in deinem Leben in Kontakt mit Drogen gekommen?

Mary: Ja, ich kenne genau die Perspektive, die Nadira anspricht. Ich bin in einen Freundeskreis gekommen, in dem viel konsumiert wurde. Zwar kein Heroin oder Crystal, aber eigentlich alles andere. Ich hatte immer riesen Respekt davor und hab mich für die anderen verantwortlich gefühlt.

Wie bist du damit umgegangen?

Mary: Ich wusste nichts über Drogen. Nur, was einem in der Schule gesagt wird: Drogen sind illegal, Drogen sind böse. Also bin ich auf Youtube gegangen, um mich zu informieren, was meine Freunde da nehmen. Ich bin auf Kanäle wie OpenMind gestoßen, auf denen offen über Drogenkonsum geredet und aufgeklärt wird. Das hat mir sehr geholfen. Und deshalb finde ich es schön, dass wir nun selbst einen solchen Kanal haben.

Gibt es verantwortungsbewussten Drogenkonsum?

Mary: Ja, ich bin davon überzeugt.
Nadira: Aber dazu gehört ganz viel Selbstkontrolle und Aufklärung.

Nadira, warum hast du gerade bei Crystal diese Selbstkontrolle verloren – und nicht etwa bei Heroin?

Nadira: Heroin hat mir gegeben, was mir gefehlt hat. Allerdings habe ich schnell gemerkt, wie krass schädlich es ist. Beim ersten Mal Nase ziehen muss man meist direkt kotzen. Man ist aber so drauf, dass es einen kaum stört. Und ich hatte tatsächlich den Gedanken, ja, ich könnte sterben auf dieser Droge. Aber mein damaliger Freund war so extrem abhängig, dass ich gesehen habe, wie das einen Menschen kaputt macht. Daher habe ich eine Abneigung dagegen entwickelt, habe versucht ihn da rauszuholen und gemerkt: es funktioniert nicht. Nach der Beziehung bin ich dann richtig mit Crystal abgestürzt.

Wie schnell wurdest du abhängig?

Nadira: Das ist schwer zu beantworten, denn die Abhängigkeit fängt an, bevor man das überhaupt realisiert. Ich wusste lange, dass ich ein Problem habe. Aber dass ich wirklich Hilfe brauche, das hab ich erst nach Jahren gemerkt, als ich eigentlich schon total im Arsch war.



Gab es ein bestimmtes Ereignis, dass dir dabei geholfen hat?

Nadira: Es sind unheimlich viele Dinge passiert: Leute aus meinem Umkreis sind an einer Überdosis gestorben, einer hat sich umgebracht, Beziehungen gingen kaputt und der anhaltende Konsum hat mich immer schwächer gemacht. Und dann kam der Tag, an dem ich mich umbringen wollte. Ich weiß noch, dass war einer sehr sonniger Tag. Das hat mich extrem aufgeregt, dass ich mich an einem so sonnigen Tag umbringen will.

Du hast es nicht gemacht.

Nadira: Nein, ich bin zusammengebrochen und habe meine Mutter um Hilfe gebeten.

Wie fühlt es sich an, abhängig von einer Droge zu sein?

Nadira: Du merkst: Das ist die größte Scheiße, die ich hier mache. Und du kannst trotzdem nicht aufhören. Das ist schon witzig. Da fühlt man sich aber richtig ohnmächtig.

Warum konntest du es nicht sein lassen?

Nadira: Die Droge hat mir geholfen, Gefühle zu verdrängen, die ich nicht haben wollte. Ich konnte auf Crystal total kalt sein. Ein Kumpel von mir hat sich umgebracht, also zog ich eine Nase und es hat mich nicht mehr berührt. Es gibt mir zwar kein positives Gefühl, aber ich kann zumindest die negativen Gefühle wegdrücken.

Wie bist du dann davon losgekommen?

Nadira: Ich war in einer Entzugsklinik und habe eine Therapie gemacht. Der Entzug fiel mir dann sogar relativ einfach, da ich die Entscheidung getroffen hatte, aufzuhören.

Süchtig sein ist für viele eine Lebensdiagnose. Wie ist das bei dir?

Nadira: Ich habe schon immer mal wieder Suchtdruck. Mal mehr, mal weniger. Die beste Prävention ist eigentlich, ein gutes Leben zu führen. Man sollte nichts tun, auf dass man keine Lust hat und sich nicht überfordern. Ich bekomme gerade in Prüfungsphasen starken Suchtdruck. Dann scheiße ich eben drauf und nehme lieber eine schlechte Note mit.

Ihr erzählt in euren Videos, dass ihr gerne auf Techno-Partys geht. Wie seht ihr den Drogenkonsum in der Szene?

Mary: Auf Freiburger Techno-Partys wird teilweise schon viel konsumiert. Wir gehen meist nüchtern feiern oder trinken höchstens mal ein Bier. Es wird aber oft angenommen, dass wir drauf sind, weil wir einfach nur Spaß haben. Viele wollen uns auch etwas verkaufen – oder von uns etwas kaufen.

Wie geht ihr damit um?

Mary: Es gibt halt auch Leute, die komplett raus sind, die gar nicht mehr klar kommen. Und ich hab da immer das Gefühl, denen muss ich helfen. In dem Moment kann aber meist nichts machen, die Leute sind schon gar nicht mehr zu erreichen. Freunde ansprechen ist noch das Beste.

Nadira: Gerade, wenn man nüchtern ist, merkt man viel mehr, was da eigentlich abgeht. Es ist einfach supercool, voll raus zu sein. Das ist einfach so. Die angesagtesten Leute sind auf Partys ästhetisch total abgefuckt. Wir fänden es cool, wenn clean sein wieder cool wird.

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