Liegestütze, Katzensprung und blaue Flecken: Als Anfängerin beim Parkour-Workshop

Christine Duttlinger & Florian Forsbach

In YouTube-Videos sehen Parkour und Freerunning ziemlich einfach aus. fudder-Autorin Christine hat am vergangenen Wochenende beim Workshop des französischen Parkour-Star Williams Belle den Selbstversuch gewagt - und hat festgestellt, dass hinter den spielerisch-lockeren Bewegungen verdammt hartes Training steckt. Wie's war:



Der Katzensprung. Ich soll also ein Hindernis so überspringen wie das besagte Tier. "Hört sich eigentlich ganz simpel an!", denke ich. Die zu überwindende Barriere ist ein holzig-hellbrauner Kasten mit gepolstertem Deckel, wie er mir zuletzt in längst vergangenen Schulsporteinheiten begegnet ist. Auch der Gummifußbodengeruch, der in dieser und allen Turnhallen vorherrscht, erinnert ein wenig an die ungeliebten Unterrichtsstunden.

Williams Belle, der Workshop-Trainer, lässt uns zwei Reihen bilden und es geht los. Ich stehe hinten in der Schlange und verfolge gespannt, wie die anderen Teilnehmer mit perfekten Bewegungen in einem wahnsinnig schnellen Tempo das Hindernis überfliegen. Nun bin ich dran.

Ich laufe auf den Kasten zu, stütze meine Arme auf und drücke mit aller Kraft meinen Körper nach oben. Allerdings reicht mein Schwung nicht ganz aus, um wie die anderen einfach darüber hinweg zu sausen und ich muss meine Füße kurz oben abstellen um dann erneut Energie zu sammeln und runterzuspringen. Hoppla, das ist doch schwerer als gedacht!

Bei meinem zweiten Versuch habe ich das Gefühl, dass es schon etwas eleganter aussieht, obwohl ich immer noch nicht in einem Zug über das Sportgerät gelange.  „ Très bien!“ ruft Williams mir begeistert zu, und meine Laune steigt rasant an. Der Katzensprung zählt zum kleinen Einmaleins des Freerunning- und Parcoursports. Deshalb üben wir ihn auch noch eine ganze Weile weiter.



Parkour ist die aus den Pariser Vororten stammende Sportart, bei der die Akteure stets den kürzesten Weg von A nach B suchen. Dabei überwinden sie geschickt Hindernisse, indem sie beispielsweise Mauer erklimmen, auf Balustraden balancieren und Abgründe überspringen. Freerunning beschreibt eine eng verwandte Disziplin, deren Ziel jedoch nicht das schnelle Ankommen, sondern das Bewegen des ganzen Körpers ist, also auch Tricks wie Salti, die nicht dazu dienen, schneller ans Ziel zu kommen. Charakteristisch für beide Sportarten ist, dass man sie eigentlich nur im urbanen Umfeld ausführt. Parkour und Freerunning sind Stadtsportarten, bei denen man kreativ und einfallsreich seine Umgebung auf ungewohnte Art und Weise nutzt, ohne ihr zu schaden. Entwickelt wurde diese Kunst in den siebziger Jahren von der Pariser Gruppe „Yamakasi“, über die auch 2001 der Spielfilm „ Yamakasi – Samurai der Moderne“ gedreht wurde.

Williams Belle war Mitglied bei Yamakasi - und ist eine Ikone in der Parkour- und Freerunningszene. Er vereint Elemente aus beiden Strömungen unter dem Namen "L'art du déplacement“ - Kunst der Fortbewegung. Dabei bleibt der Begriff „Kunst“  bezogen auf mich etwas fragwürdig – ich bin mir noch nicht sicher, ob die einfachen Sprünge und Übungen, an denen ich mich beim Workshop versuche, ästhetisch besonders wertvoll sind.

Zu Beginn des Trainings am Samstagmorgen betrete ich aufgeregt die Turnhalle der Pestalozzi-Schule. Überall in der Halle sind schon verschiedenste Turngeräte aufgebaut: ich sehe Barren, Schwebebalken, Bockkästen, alle umsäumt von vertrauten blauen Weichbodenmatten. Williams begrüßt uns alle herzlich mit einem Handschlag und sein Übersetzter erklärt auch gleich, dass Williams sich wübscht, dass wir die Namen der anderen Teilnehmer  lernen.

Das Training beginnt mit einem Warm-Up. Trotz Verletzungen am Fuß führt er fast alle Aufwärmübungen selbst vor. Die ganze Gruppe läuft in großen Kreisen am Rand der Halle entlang, mal schnell, mal im Sprung, mal rückwärts. Wir krabbeln wie Kriechtiere am Boden, um anschließend im Wechsel Liegestütze und Sprünge auszuführen. Das Warm-Up funktioniert. Nach kürzester Zeit rinnt mir der Schweiß von der Stirn.

Der Rest der Gruppe erscheint mir etwas fitter als ich. Aus kurzen Gesprächen zwischen den einzelnen Aufgaben erfahre ich, dass fast alle bereits regelmäßig Parkour und Freerunning machen. Unser Team ist sehr heterogen – Große, Kleine, Ältere, Jüngere, Frauen, Männer, mehr oder weniger Erfahrene und ich, die Komplett-Anfängerin. Die Atmosphäre ist sehr angenehm: als ich bei meiner x-ten Liegestütze fast aufgeben will, werde ich angefeuert und meistere doch noch ein paar mehr. Das tut gut! Nach dieser anspruchsvollen Trainingseinheit fühle ich mich schon ziemlich ausgelaugt und bin felsenfest davon überzeugt, dass wir eine längere Pause machen. Leider nein. Anscheinend war das auch nur ein winzig kleiner Bruchteil von Williams (Bild unten rechts mit Sven Feix) Standardaufwärmprogramms. Mit den Worten „ Jetzt erst beginnt das Vergnügen!“ leitet unser flinker Trainer die nächste Übung ein.



Es folgt das Basis Training. Nachdem wir den Katzensprung verinnerlicht haben, versuchen wir so schnell wie möglich auf und über die Reck-Stange zu gelangen. Ungefähr fünf Sekunden hat jeder Zeit. Manche brauchen nur drei. Ich brauche sechs. Auch lernen wir gleich, nach jedem Sprung über unsere rechte Schulter abzurollen. Weil Parkour- und Freerunningsport eigentlich draußen praktiziert wird, üben wir diese Rückwärtsrolle auf dem harten Hallenboden. Alle blicken Williams erstaunt an als dieser bescheiden berichtet, dass er diese Abrolltechnik um sie vollkommen perfekt zu beherrschen hundert Mal an einem Tag im Freien auf Beton ausgeführt hat. Beeindruckt von Williams rollen wir nach diesem kurzen Moment des Innehaltens noch viel motivierter über den Boden. Williams und sein Übersetzer laufen beobachtend zwischen uns herum und helfen uns, unsere Technik zu verbessern.

In der Pause lehne ich erschöpft an der Wand und schaue vergnügt den ehrgeizigeren  Workshopteilnehmern zu, wie sie noch Energie und Wille aufweisen sich auch in dieser kurzen freien Zeit zu bewegen und die verschiedensten Parkour- und Freeruninngtricks zu perfektionieren.  Unser Workshopleiter steht auch hier, außerhalb der regulären Trainingszeit, mit Rat und Tat zur Seite, beantwortet Fragen, korrigiert Haltungen und demonstriert diverse akrobatische Finessen.



Die ersten Schmerzen, die während des Kurses noch von Spaß und Adrenalin gedämpft wurden, merke ich am Abend dann doch. Blaue Flecken an meiner Schulter beweisen mir, dass ich mich wirklich ausgepowert habe. Allerdings haben wir nicht nur wichtige Grundtechniken erlernt, sondern sind zwischendurch auch einfach nur mit Genuss und Spaß an der Bewegung durch die Halle gesprungen.

Besonders gefallen hat mir der Moment, als sich immer zwei von uns, angefeuert vom Rest der Gruppe, durch die verschiedenen Sportgeräte jagen. Rückwärtssalto, Flickflack, Sprünge mit Drehungen in alle Richtungen und vor allem eines: viel Leidenschaft. Ich war tief beeindruckt zu sehen, mit welcher Leichtigkeit und Freude die Workshopteilnehmer durch die Halle turnen und war hingerissen davon mit welcher Kunstfertigkeit sie die schwierigsten Bewegungen ausführen. Allerdings werde ich selbst wahrscheinlich noch viele weitere Kurse besuchen bis ich mein erstes Katzensprungvideo auf YouTube stellen kann.



Mehr dazu:

Der Workshop wurde organisiert von der Freiburger Parkour- und Freerunning Crew Blackout und der Freiburger FT.  

Foto-Galerie: Florian Forsbach

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