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Liebes Coronavirus, hoffentlich lernen wir uns nie persönlich kennen

fudder-Redaktion

Es wurde viel über Schule und Corona gesprochen – jetzt kommen die Schülerinnen und Schüler zu Wort. Bei einem Projekt des Kreisgymnasiums Hochschwarzwald haben sie ihre Gedanken aufgeschrieben. fudder veröffentlicht ihre Geschichten. Teil 3: Briefe an das Virus.

Was denken Schülerinnen und Schüler über das Coronavirus und dessen Auswirkungen? Für ein Projekt des Kreisgymnasiums Hochschwarzwald haben 100 Schülerinnen und Schüler der Klassen fünf, acht, neun und zehn ihre Gedanken und Gefühle zur Pandemie aufgeschrieben. Entstanden sind 163 Geschichten und Gedichte. Dirk Philippi ist Lehrer für Deutsch und Sport am Kreisgymnasium und hat den Anstoß zum Projekt gegeben. Er hat die Geschichten in einem E-Book zusammengefasst. fudder veröffentlicht einige der so entstandenen Geschichten.

Thema 3: Briefe an das Virus

Persönlicher Brief an das Corona-Virus "SARS-CoV-2", in welchem dem Virus Gedanken mitgeteilt oder Fragen gestellt werden.

Niklas, 9a

Sehr geehrtes SARS-CoV-2,

ich bin einfach nur überrascht, wie du es geschafft hast unseren Alltag so drastisch zu verändern. Hätte man mir vor einem halben Jahr erzählt, dass eine weltweite Pandemie auf uns zukommt und wir seit jetzt schon zwei Monaten keine Schule mehr besucht haben, hätte ich das nicht geglaubt und die Person für verrückt erklärt. Was mich aber an uns so überrascht ist, dass diese Situation so schnell "normal" für uns wurde, wir haben uns so schnell daran gewöhnt. Man muss sich das einmal ins Gedächtnis zurückrufen, die Schulen, Restaurants, Hotels, viele Geschäfte, Konzerte, Freizeitparks, Musikschulen, Trainings im Sportverein, Treffen mit Freunden, Treffen mit den eigenen Großeltern, der geplante Urlaub, all das wurde von heute auf morgen verboten oder geschlossen.

Wir Menschen sind eine so dynamische und schnelllebende Spezies, wir vergessen so schnell Dinge, die uns vor kurzer Zeit noch stark emotionalisiert und berührt haben. Nehmen wir nur einmal die Transporter des Militärs in Bergamo. Vor einem guten Monat sahen wir dort Hunderte von Leichen, weil so viele Menschen gleichzeitig an dem Virus erkrankt sind und schließlich an den Folgen der Infektion, oder zumindest durch die Infektion in Lebensgefahr gebracht wurden, gestorben sind.

Wie schaffen wir es diese Bilder so schnell aus unseren Köpfen zu löschen? Viele wollen, dass die Wirtschaft nun schnell wieder hochfährt. Natürlich brauchen wir eine gute Wirtschaft, denn was bringt es uns, wenn wir die Pandemie gut überstehen, dann aber eine marode Wirtschaft haben? Dann ist nicht mehr das Virus unser Problem, sondern große Armut, Arbeitslosigkeit und Hunger.

Was auch durch dich zum Vorschein kam war, dass sich Verschwörungstheorien sehr schnell verbreiten, weil sie einfache Erklärungen für so komplizierte Fragen versprechen. Beispielsweise soll Bill Gates für das Virus verantwortlich sein und seine Profite daraus ziehen. Auch bei sogenannten Hygiene-Demos treffen sich viele Verschwörungstheoretiker.

Aber auch Menschen, die sich berechtigt um ihre Grundrechte sorgen, sind dort anwesend. Keiner möchte, dass die Grundrechte längerfristig eingeschränkt sind. Aber auch keiner möchte gerade in der Haut eines ranghohen Politikers stecken, der, egal was er macht, sich vorwerfen lassen muss nicht genügend für die Wirtschaft oder die Gesundheit getan zu haben. Diese Pandemie zeigt ganz deutlich, dass man noch Vertrauen in die Menschheit haben sollte, da sich die Mehrheit der Menschen vorbildhaft an die Bestimmungen hält. Traurig ist nur, dass die Leute, die sich nicht an die Beschränkungen halten, zwar recht wenige sind, dafür aber sehr viel Aufmerksamkeit bekommen und so eventuell ein falsches Bild gezeichnet wird.

Was jedoch das Beste wäre, wenn du dich, liebes Coronavirus, nicht mehr verbreitest. Dann müssten wir uns keine Gedanken mehr um vielleicht zu vorschnelle Lockerungen zum Wohle der Wirtschaft Gedanken machen und die Welt wäre zweifelsohne in einer weit weniger prekären Situation bis zur nächsten großen Katastrophe.

Mit freundlichen Grüßen und Gesundheitswünschen an die Menschheit,
Niklas.

Cedric, 5d

Liebes Corona-Virus,

ich bin echt verzweifelt. Ich stehe kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Ich möchte wieder in die Schule, denn erst waren Spiel – und Bolzplätze, Restaurants, Eisdielen und Frisöre geschlossen. Nur ein paar Freunde durften nach ein paar Wochen raus, zum Glück haben wir einen Garten. Wegen dieser Situation haben meine Eltern ein neues und größeres Trampolin gekauft.

Jetzt müssen wir Masken tragen beim Einkaufen, Frisör und beim Busfahren. Allerdings bekomme ich unter der Maske sehr schlecht Luft. Jetzt im Sommer können Freibäder wieder aufmachen, da das Wasser gegen Bakterien gechlort ist. Ich habe gehört, dass Du nur eine Grippe bist und angeblich nicht so viele infiziert hast und trotzdem hört man im Fernsehen, dass es ohne Impfstoff nicht mehr normal wird. Mittlerweile wurden einige Verbote aufgehoben, aber unfair ist, dass die Bundesliga wieder spielen darf und wir Kinder nicht. :-(

Wie du siehst war die Welt ohne dich viel besser dran. Also verschwinde wieder !!!!
Grüße Cedric

Maneesha, 8b

Liebes Corona,

derzeit wird viel Negatives über dich berichtet und das auch zurecht. Du hast viele Menschen getötet, vor allem ältere. Du hast große Unternehmen in eine wirtschaftliche Krise gebracht und für viel Chaos auf dieser Welt gesorgt. Aber all diese Sachen wurden schon so oft thematisiert und heute möchte ich die etwas positiven Aspekte beleuchten, die du mit dir bringst. Dank dir mussten die Menschen wieder auf einfache Bedürfnisse zurückgreifen und Urlaub oder jeglicher anderer Luxus war nicht möglich. Im Alltag sind die Menschen oft nur auf sich selber fixiert und nehmen selten Rücksicht, aber durch dich wurde die Solidarität der Menschheit enorm gestärkt.

Wir mussten Rücksicht auf die Menschen mit höherem Risiko nehmen und halfen ihnen bei Tätigkeiten, die ihnen in dieser Lage nicht möglich waren. Außerdem hast du die Umwelt auch um einiges geschont in dieser Zeit, was auch wirklich mal nötig war. Die ganze Menschheit wurde entschleunigt. Neue Erfindungen wurden geschaffen, die vor allem auf die Lehre, die diese Zeit uns gebracht hat, beruhen: Firmen, die darauf bestimmt sind, anderen zu helfen oder die in diese Richtung aufgebessert wurden. Corona, du hast uns eine harte Prüfung gestellt, die uns aber einiges gelehrt und vielen Menschen die Augen geöffnet hat.

Du hast uns gezeigt, auf wen wir uns verlassen können und auf wen nicht. Danke!
Maneesha

Alexander, 10a

Liebes Corona-Virus,

ich finde es beeindruckend, wie schnell Du groß und berühmt geworden bist. Ausgehend von China über Italien bis hin zu uns. Außerdem befürworte ich Dein effizientes Umweltengagement, welches in so einer kurzen Zeit mehr gebracht hat als alles andere zuvor.

Wer sonst hätte die Menschen dazu bewegen können, mit 85 Prozent weniger Flugverkehr auszukommen, dass die Hälfte aller Autos nicht benutzt wird, dass die Familien wieder den Tag miteinander verbringen, dass andererseits Großeltern ihre Enkel nicht mehr sehen, Verwandte einander nicht besuchen dürfen und sie merken, wie teuer die Zeit miteinander ist?

Fische und Delfine jubeln und kehren zurück in die Häfen und Kanäle Venedigs. In China sehen Kinder zum ersten Mal den blauen Himmel. Seit 40 Jahren ist die Luft nicht mehr so sauber gewesen. Die Erde atmet auf! Die Menschen lernen neu zu schätzen, wie wertvoll ein Spaziergang im Park ist, und wie gut es tut, einmal innezuhalten, nicht mehr von Termin zu Termin zu hetzen. Ich kann nicht mit Worten beschreiben, wie dankbar ich Dir dafür bin! Aber schau Dir an, für welchen Preis Du das alles gemacht hast: Menschen haben aufgehört, einander zu umarmen.

Sie haben Angst! Ältere Menschen in Altenheimen dürfen nicht besucht werden, Familien sind voneinander getrennt. Es wird nicht mehr zusammen gefeiert, gelacht und Urlaub gemacht. Kirchen bleiben leer, Konzerte und Partys finden nicht mehr statt. Die Menschen distanzieren sich voneinander, Kranke können nicht mehr versorgt werden, viele müssen sterben. Dass Du da bist, hat zwar seine Vorteile, aber der Preis ist einfach zu hoch.

So hoffe ich, dass Du die Welt schnellstmöglich wieder verlässt! Wir werden Dich nicht vermissen, aber das, was wir durch Dich erfahren haben, möge uns für immer eine Lehre sein.

Hoffentlich lernen wir uns nie persönlich kennen,

Alexander

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