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Liebe in Zeiten von Corona: Wie sich Dating in Freiburg verändert hat

Viola Priss

Auf Abstand gehen und gleichzeitig Liebe leben. Wie geht das? Die fudder-Redaktion sammelt in dieser Serie Geschichten aus dem Liebesleben in den Zeiten von Covid-19. Heute: Dating.

Wir suchen noch mehr Geschichten! Wie erlebt, gestaltet, rettet ihr Sex, Kennenlernen, Partnerschaft, Streit und Alltag in dieser Zeit? Lebt ihr in Isolation mit eurem Partner/eurer Partnerin zusammen, habt ihr eure Hochzeit verschoben oder tindert ihr mehr als sonst? Wir freuen uns, wenn ihr eure Erfahrungen mit uns teilt, gerne auch anonym. Schreibt uns eine Mail an info@fudder.de.

Heute beginnen wir damit, womit Beziehungen häufig beginnen: dem Flirt. Doch wie anbandeln, wenn das oberste Credo "Social Distancing" genau das Gegenteil fordert? Draußen Frühling, der Magen schreit nach Waffel-Eis vom Italiener. Und nicht nur der, ganz besonders auch die Seele. Hätte die doch gerne eine Hand zum Halten, bei der nächsten Runde zum Supermarkt. Wie das junge Single-Freiburger dennoch anstellen? Wir haben beobachtet, getestet und uns umgehört.

Alte Schule feiert Revival

Was bisher als zu dick aufgetragen war, ist nun, den besonderen Umständen sei Dank, völlig ok. So erzählt zum Beispiel Hannes, 28, wie er fast dankbar ist, sich derzeit nicht irgendeinen verzweifelt um Coolness ringenden Anmachspruch ausdenken zu müssen. Als er zum zweiten Mal beim Spazierengehen der Joggerin mit "den tollsten Grübchen Freiburgs", begegnet ist, berichtet er:"Ich dachte, ich kann sie ja gar nicht fragen, was sie heute Abend vor hat! Das war für mich ehrlich gesagt entspannend. Diese Art Dates finde ich sowieso unendlich gezwungen. Wenn man denn keinen Korb bekommt."

"Irgendwie gelten im Moment keine der alten Regeln mehr."

"Aber", so erzählt der Programmierer weiter, "als wir da beide an der Ampel standen und ich ihr zugelächelt habe, hatte das was völlig Natürliches, denn irgendwie passiert das zur Zeit ja sowieso öfter. Man lächelt sich an, nickt sich zu. Dankt, wenn man die 1,5 Meter achtet. Wir sitzen da ja alle in einem Boot. Irgendwie." Und dann? Er habe sie tatsächlich angesprochen, erzählt er. Vor der Krise hätte er sich das nicht getraut, aber "irgendwie gelten im Moment keine der alten Regeln mehr." Sie heißt Monique, soviel verrät er, und dass er jetzt mal vortrainieren geht. "Da sind wir nämlich zum Joggen auf Distanz verabredet."

Wenn die Kneipen und Discos zu haben, ist eigentlich überall Flirt-Zone

Der spezielle Flirt-Verhaltenskodex, der vornehmlich für Wochenend-Locations wie Stammkneipe und Club gilt, fällt jetzt weg. Das heißt noch lange nicht, sich nicht in Schale und auf den oder die andere ein Auge werfen zu können. Lara, 27, erzählt, wie entspannt sie es findet, nicht freitagabends Stunden am Aussehen für die Party zu feilen. Dafür trägt sie ihre Lieblings-Outfits jetzt einfach täglich spazieren.

"Ich nehm mir fest vor, dieses Wochenende traue ich mich, ihm einen Wein vor die Tür zu stellen und auf ein Skype-Gläschen einzuladen."

"Sonntag hatte ich Lust, meine Fingernägel regenbogenfarben zu malen. Wenn ich sonst in der Gastro jobbe, darf ich das nicht. Jetzt, im Homeoffice, stört das keinen." Wie nimmt sie das Flirten in Corona-Zeiten wahr? "Wenn ich jetzt rausgehe, ist das viel weniger gehetzt und nicht nur schnell von A nach B. Ich nehme die Leute um mich herum richtig wahr." Offenbar gilt das auch andersherum. So erzählt die Sozialpädagogik-Studentin : "Ich hab selten soviel Blickkontakt gehabt wie in den letzten Tagen. Und zwar solcher mit Gänsehautfaktor, nicht die Sorte "Abschleppzwinkern". Noch ein paar Tage, glaubt sie und sie wird angesprochen werden.

"Oder selbst ansprechen, endlich. Zum Beispiel meinen Nachbarn. Der scheint auch von Zuhause aus zu büffeln und Pause auf dem Balkon zu machen, so wie ich. Da ging schon was an Lächeln, Knistern oder auch einfach nur was Verbindendes, das in der Luft lag. Ich nehm mir fest vor, dieses Wochenende traue ich mich, ihm einen Wein vor die Tür zu stellen und auf ein Skype-Gläschen einzuladen." Fortsetzung folgt bestimmt.

Hingucken, Hinhören, entdecken

Oder man macht es wie Pavel. "Wenn das Wetter schön ist, würde ich normalerweise jetzt schon Grillen gehen. Mit Gitarre und allem, was so dazugehört. Da ist mir dann eigentlich meistens auch egal, wenn ich der Single unter Kuschelpärchen bin. Jetzt geht das nicht, Verweilverbot und so. Das kann man derzeit ja bloß auf dem Balkon oder im Garten. Ich habe beides nicht, aber ich habe festgestellt, dass meine Gitarre Leute, die auf der Straße vorbeigehen, immer noch glücklich macht."

"Die Musik ist einfach ein Türöffner, klar, aber besonders zur Zeit freuen sich die Leute drüber, ist so mein Eindruck."

Im Sommer stand der 25-Jährige sonst gerne auch mal mit Hut auf dem Münsterplatz. Jetzt ist er viel zuhause anstatt auf Europareise. Das war eigentlich sein Plan, bevor der Master im Wintersemester losgehen sollte. "Der klappt jetzt erstmal nicht, klar. Aber es ist so schön, wie viele Leute sich derzeit umdrehen und hochblicken, wenn ich so ein bisschen zupfe und singe. "Auch Frauen". Der Wahlfreiburger freut sich zwar darauf, wieder an der Dreisam zu sitzen, sagt er.

Aber andererseits: "Das hat auch was irre Romantisches. Die Musik ist einfach ein Türöffner, klar, aber besonders zur Zeit freuen sich die Leute drüber, ist so mein Eindruck. Als ich gestern zum Beispiel was von den Red Hot Chili Peppers gespielt habe, ist ein Mädel auf der Straße stehen geblieben und hat geklatscht. Sowas ist mir auf der KaJo noch nicht passiert. Das hat auf jeden Fall Flirt-Potenzial."
Klar, finden wir. Ist doch trotz Allem Frühling.

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