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Liebe in Zeiten von Corona: Wie aus einer Wochenend- eine Tag-X-Beziehung wurde

Viola Priss

Es sind 184 Kilometer, die Jonny und Daniele derzeit trennen. Der eine lebt in Freiburg, der andere in der Schweiz. Wann sie sich wiedersehen, wissen beide noch nicht.

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Jonny, der in Freiburg lebt und arbeitet, seufzt schwer, als er erzählt, wie es am ersten Tag war. "Wir hatten ja keine Ahnung, was da genau kommt. Am 15. März saß Daniele noch hier, neben mir. Wir bangten aber schon, nachdem wir die Nachrichten verfolgt hatten, ob er überhaupt zurückkäme, in die Schweiz. Denn am nächsten Tag musste er dort ja arbeiten."

Hätte er damals gewusst, dass sie sich erst in einer unbestimmten Zeit X wiedersähen, wäre das anders gewesen? "Es war auch so ein Schock für uns beide", berichtet er und es ist zu spüren, wie er leidet. "Wir sehen uns ja nächstes Wochenende wieder", so trösteten sie sich sonst.

Zwischen Freiburg und Zug

Daniele, der gebürtige Schweizer, tut sich seit zweineinhalb Jahren Sonntag für Sonntag ohnehin besonders schwer mit Abschieden. Für den einen ist die Heimat des anderen inzwischen auch schon Heimat geworden. "Ich muss dann immer ganz stark sein, darf nicht auch weinen", erzählt Daniele. Der Flixbus als Ort des Dazwischens, als mobiler Raum zwischen der einen Welt in Freiburg und der in Zug bei Zürich. Die eine Welt bedeutet: Arbeit, Familie, Verein. Bedeutet aber auch immer: Sehnen, Vermissen, ohne ihn sein.

Heute würden beide alles dafür geben, in diesem "so oft verfluchten grünen Bus" sitzen zu dürfen. "Wir versuchen normalerweise, uns so oft es nur geht zu sehen. Da ich in Schichtarbeit tätig bin, geht das nicht mal jedes Wochenende", so Jonny. "Aber schon Anfang des Jahres verplanen wir unsere Urlaube so, dass wir beide Inseln haben, auf die wir uns freuen können. Zum Beispiel konnte ich im Februar die ganze Faschingszeit in der Schweiz bei ihm miterleben. Davon zehren wir jetzt noch." Das gab Trost, Woche für Woche. "Bis vor Corona".

Alltägliches teilen, gegen das "Corona"-Thema

Noch geben sie die Hoffnung nicht ganz auf. Der Mai war der Monat, auf den das Paar die ganzen letzten Wochen hingefiebert hatten. Die große Liebe zu Vergnügungsparks verbindet die beiden. Und die Eröffnung des Europaparks wurde von beiden schon sehnsüchtig erwartet. "Ich hab mir da mit Mühe und Not ein freies Wochenende erkämpft", erzählt Jonny. "Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es vielleicht doch klappt. Wer weiß."

Es sind diese kleinen Hoffnungen, die die beiden derzeit durch die Tage bringen. Die verbringen sie teilweise arbeitend, teilweise gezwungenermaßen daheim. "Manchmal lesen wir uns Neuigkeiten über Freizeitparks auf der ganzen Welt vor, teilen Tweeds und Posts zu diesen Themen. Oder ich schicke ihm Bilder vom Schauinsland, den muss ich ihm endlich mal zeigen." Sonstige Rituale? "Zum Glück gibt es ’Die Simpsons’, die schauen wir quasi parallel. Da muss man einfach lachen. Und sich einfach dran erinnern, wie es war, die gemeinsam auf der Couch staffelweise geguckt zu haben."
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Lockerungen in Deutschland? Schön und gut. Doch: Was passiert mit den Grenzen?

Es gibt aber auch Tage, berichtet Jonny, da klappt es nicht, mit dem Trost. "Wenn ich dann diverse Nachrichten höre von hier und da, in denen es mal heißt ’noch drei Wochen’ seien die Grenzen dicht, dann aber auch ’drei Monate’, da wird mir ganz schlecht." Denn, wenn die Kanzlerin von Lockerungen in Deutschland spricht, so kann das im Falle des Paares bedeuten "dass die Krise einfach weitergeht."

Ob sie überlegt haben, sich an der Grenze zu treffen und immerhin zu sehen? "Klar, das haben wir alles in Erwägung gezogen", sagt Jonny. Man kennt die Bilder aus Konstanz, in denen Paare durch einen Maschendrahtzaun und mehrere Meter Sicherheitsabstand getrennt so etwas wie ein Treffen simulieren. Selbst der kleine Radweg, über den man die Schweiz via Lörrach erreicht, wird seit Wochen streng überwacht und kontrolliert. "Die Schotten sind überall dicht", resümiert Jonny.

Den anderen sehen und doch nicht sehen zu können, fanden letztendlich beide, wäre nur noch grausamer. Und so harren sie aus und portionieren sich die Tage in Facetime- und Chat-Einheiten. Wenn es ganz schwer ist, zum Beispiel wie an Ostern, haben die beiden ihre symbolischen Ringe. "Das ist immerhin etwas, das man anfassen kann. Hier und dort. Das gibt uns Kraft."

Sowieso findet Jonny, trotz allem: "Es ist ein Geschenk, das merke ich in dieser Zeit nur noch mehr. Das wir uns haben und uns so lieben. Das ist ein so starkes Element, das kann keiner, auch kein Virus zerstören." Im November wollen sie nach Disneyland in Paris fahren. "Da war Daniele noch nie. Und wir freuen uns wahnsinnig drauf", strahlt Jonny. Da ist sie wieder: die Hoffnung in seinem Gesicht.

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