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Liebe in Zeiten von Corona: Wenn geschlossene Grenze ein spätes Happy Ende verhindern

Sonja Tscharner

Ihre Liebesgeschichte begann 1994, wurde durch die Distanz beendet – und flammte 25 Jahre später wieder auf. Kurz bevor die Autorin dieses Serienteils in die USA zu ihrer großen Liebe ziehen konnte, wurden die Grenzen geschlossen.

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Meine Liebesgeschichte begann im Jahre 1994 in Florida, wo ich eine längere Auszeit verbrachte. Ich bestellte den "cable guy" um meinen TV auf Vordermann zu bringen. Er klingelte an der Türe, ich öffnete und da stand er. Wir schauten uns in die Augen und es machte "wummmmm". Als er mir den Fernseher in seinem Southern-Slang erklärte, verstand ich nur Bahnhof. Da er mich aber so richtig nervös machte mit seiner Anwesenheit, tat ich, als hätte ich alles kapiert und schob ihn schon fast wieder zur Tür raus. Ich wollte einfach wieder durchatmen können. Der Mann hat mich mit seiner Nähe echt umgehauen. Er spukte noch den ganzen Tag und Abend in meinem Kopf herum und ich versuchte mich zu beruhigen. Schließlich war er ein Fremder und mein Verhalten und die Reaktionen auf ihn schienen mir ziemlich absurd.

Am nächsten Tag fuhr er doch tatsächlich in seinem Truck wieder in die Einfahrt und mein Herz begann unkontrolliert zu hämmern. Ich versuchte beim Öffnen der Tür cool zu wirken oder zumindest entspannt. Er stieg lässig aus und kam mit seinem umwerfenden Lächeln auf mich zu. Er hätte was liegen lassen am gestrigen Tag und ging wie am Vortag ums Haus herum, um das vergessene Werkzeug zu holen. Er war schnell zurück und fragte mich, ob er mir die Gegend zeigen dürfe. So viel verstand ich noch mit meinem kläglichen Englisch. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass ich das nicht möchte, es gefährlich fände, weil er ja ein Fremder war. Das sah er ein und fragte dann, ob er mich in dem Fall abends besuchen kommen dürfe. Wir könnten ja im Garten abhängen. Damit war ich einverstanden, da ich damals nicht allein in dem Haus lebte.

So kam es, dass Jon allabendlich geschlagene zwei Wochen lang bei mir im Garten saß und wir einander anhimmelten. Mit der Konversation war es schwierig, wenn auch lustig. Nach dieser Zeit hat er mich von seinen redlichen Absichten überzeugt und er durfte mich "ausführen". Wir gingen auf einen Spaziergang in einen nahegelegenen Park und kamen uns da endlich näher. Amor hatte wirklich ganze Arbeit geleistet.

Schließlich zog ich bei ihm ein und wir verbrachten eine wilde und sehr intensive Zeit miteinander. Aber irgendwann wurde mein Heimweh zu stark und ich war orientierungslos wegen meiner Zukunft. In den Staaten durfte ich nicht arbeiten, das Geld ging aus und so flog ich schweren Herzens wieder in die Schweiz zurück. Der Abschied war hochdramatisch, wir kamen fast zu spät am Flughafen an, trennten uns tränenreich und waren beide am Boden zerstört. Bei der letzten Umarmung sagte er: "Ich weiß nicht wie oder wann, aber eines Tags werde ich dich wiedersehen".

Die Zeit nahm ihren Lauf, das Leben ging weiter, die Telefonate wurden weniger, weil auch kaum bezahlbar, aus Briefen wurden Postkarten und schließlich hörte auch das auf.

So vergingen 25 Jahre – bis ich eines Morgens eine Nachricht auf dem Messenger von ihm hatte. Wäre ich nicht gesessen, hätten wohl meine Beine nachgegeben. Es war nur eine kurze Nachricht und ich schrieb gleich zurück, musste dann aber los zur Arbeit. Jon war wieder in meinem Leben zurück. Das spukte mir den ganzen Tag im Kopf herum. In der Vergangenheit hatte ich schon aus purer Neugier versucht, ihm im Internet zu finden – immer erfolglos.

Ich dachte mir nichts weiter dabei, wieder mit ihm zu korrespondieren, obwohl ich in einer 14-jährigen Beziehung war. Wir tauschten uns ganz nett aus. Er betonte immer wieder, dass es ihn glücklich mache, da er nun wisse, dass ich glücklich sei. Das wäre alles, was er sich immer gewünscht habe. Jon hat mich offenbar niemals ganz vergessen können, trotz einiger weiterer Beziehungen. Er suchte mich anscheinend immer wieder im Internet, aber da ich noch nicht lange einen Facebook-Account hatte, war er lange daran gescheitert. So kam es, dass wir ab und an etwas in Kontakt waren, aber alles ganz freundschaftlich.

Niemals aufgehört zu lieben

Eines Morgens hatte ich eine Sprachnachricht von ihm auf meinem Handy. Als ich den ersten Ton seiner Stimme hörte, wummerte mein Herz wieder genau wie damals vor 25 Jahren. Ich lauschte seinen Worten und war im siebten Himmel. Er müsse das jetzt loswerden, er liebe mich immer noch aufrichtig, hätte niemals aufgehört, mich zu lieben. Er wolle meine Beziehung auf keinen Fall zerstören, er wolle nur, dass ich über seine Gefühle Bescheid wisse. Er sagte auch, dass ich immer einen Freund in Florida hätte, egal was sein werde. Tja, da war es also wieder, dieses Gefühl für diesen Mann, intensiv und einmalig wie niemals etwas anderes in diesem Leben. Der Gedanke machte mich von da an halb verrückt, schließlich war ich ja in der langjährigen Beziehung eingebunden mit Freunden und Familie. Der Gedanke, dass ich nur noch in Jons Arme wollte, wurde immer stärker. Ich unterdrückte diese Gefühle lange, weil ich es für unmöglich hielt.

Schließlich telefonierten wir miteinander und von da an gab es kein Halten mehr. Jede Nacht fünf oder sechs Stunden, atemloses Lauschen dem Klang der anderen Stimme, diesen Worten. Es war immer noch genau wie damals. Eine ganz besondere Art der Zuneigung mit so viel Tiefe und Ergebenheit. Es flossen Tränen und wir lachten, es war intensiver als je zuvor.

Plötzlich wusste ich, dass ich mich aus meiner bisherigen Beziehung lösen musste. Es wurde mir bewusst, dass diese Liebe schon vor langen Jahren gegangen war und auch niemals diese Bedeutung und Tiefe hatte wie die Liebe zu Jon. Eines abends erzählte ich meinem damaligen Partner von allem und er reagiert absolut souverän. Das war sicher nur möglich, weil auch er schon lange wusste, dass wir zusammen gehören. Ich war so dankbar um seine Reaktion, wusste aber schon im Vorfeld, dass es sicher keine Szene geben würde. Zu lange hatten wir wie in einer friedlichen WG zusammen gelebt und jeder lebte sein Leben. Lange Rede, kurzer Sinn – wir trennten uns räumlich und sind gute Freunde. Das ist wirklich wundervoll und ich bin sehr dankbar.
Liebe in Zeiten von Corona: Wenn der Lockdown zusammenschweißt

Ich flog dann erstmals wieder im August 2019 nach Florida, um Jon zu sehen. Es gibt gar keine Worte für all die durchlebten Emotionen, bis wir uns schließlich am Flughafen wieder in die Arme sanken. Das Gefühl war noch das gleiche, sein Duft, seine Haut, seine Berührung. Es war als wären wir nie getrennt gewesen. Auch wenn wir inzwischen sichtbar gealtert sind, sehen wir uns immer noch wie damals. Liebe altert nicht.

Ich flog alle zwei bis drei Monate zu ihm und wir verbrachten immer drei Wochen Ferien zusammen. Es war der Himmel auf Erden. Der Abschied immer umso schmerzlicher und es gab Tränen und fast schon Verzweiflung.

Bald war klar, dass ich meine Sachen in der Schweiz packen und zu ihm nach Florida ziehen werde. Diesmal definitiv. Ich gab meine Arbeitsstelle nach 23 Jahren auf, um mich frühzeitig pensionieren zu lassen. Es gab so unendlich viele Dinge zu tun, alles wurde hektisch, der Abflugtermin stand fest, wir beide waren überglücklich.

Dann kam Corona und mit ihm die Grenzschließung. Ich stand ohne Job und ohne Wohnung da, das Auto verkauft und ich hatte nur noch ein paar wenige Habseligkeiten. Wir konnten es nicht glauben, dass wir nun, wo wir uns endlich wieder gefunden haben, doch nicht zusammen sein konnten. Erst dachten wir noch, dass die Grenzschließung bestimmt nur eine ganz kurze Zeit aufrecht erhalten würde. Inzwischen wurden wir eines Besseren belehrt und ich sitze hier und warte und versuche mich täglich neu zu motivieren und Hoffnung zu haben und diese auch ihm zu geben, immer wieder aufs Neue. Wir telefonieren täglich mehrere Mal, mal kurz, mal lang, sind so in Dauerkontakt und versuchen nicht die Wände hoch zu gehen. Manchmal ist die Sehnsucht wie körperlicher Schmerz. Es zerreißt uns fast. Wir wollen doch nur zusammen sein, das ist alles. Wenn ich endlich zu ihm fliegen darf, werden wir so schnell wie möglich heiraten, damit nichts uns je wieder trennen kann. Sicher gibt es noch große Hürden zu bewältigen, betreffend Visa und Aufenthaltsberechtigung, aber das lässt sich bestimmt alles lösen. Wenn wir zusammen sind sowieso.

Aber bitte, macht den Himmel wieder auf, so dass wir uns für immer in die Arme sinken können.

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