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Liebe in Zeiten von Corona: Wenn die Pandemie die Zukunftspläne auf Eis legt

fudder-Redaktion

Unsere Autorin und ihr Partner führen seit zweieinhalb Jahren eine Fernbeziehung über Kontinente – und hatten sich schon entschieden, ein gemeinsames Leben in Deutschland aufzubauen – bis das Coronavirus alles veränderte.

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Vor ziemlich genau 2,5 Jahren habe ich eine Art Brieffreund über die App "Botteled" gesucht. Vermutlich kennt keiner diese App. Abdulhadi und ich sagen heute noch, dass die App wahrscheinlich nur für uns erfunden wurde. Bei dieser App ging es gar nicht darum, die Liebe zu finden, sondern tatsächlich einfach darum, zufällig Nachrichten von Menschen auf der ganzen Welt in Form einer Flaschenpost zu erhalten. Und so erhielt ich am 22. Dezember 2017 eine Nachricht von Abdulhadi, der damals in Australien, Adelaide, lebte. Ich dachte damals, er sei Australier. Da ich nur seinen Nicknamen kannte, habe ich auch auf nichts anderes schließen können und habe erst später erfahren, dass er Araber ist.

Ich war damals in einer unglücklichen Beziehung und Abdulhadi hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, nicht alleine zu sein. Das beruhte auch auf Gegenseitigkeit denn auch er war ziemlich alleine in Australien – war erst seit ein paar Monaten dort. Er tat mir Leid, weil er an Weihnachten ganz alleine war und so integrierte ich ihn quasi in mein Weihnachtsfest. Mit und mit schlich er sich weiter in mein Herz. Er verstand mich mit meinen Problemen und ich war für ihn da. Ziemlich verrückt, wie wir waren, haben wir schon recht früh, nach rund zwei Wochen, beschlossen, dass wir uns treffen müssen. Insbesondere, nachdem wir das erste Mal einen Videochat gemacht haben. Ich war ab der ersten Sekunde, als ich ihn sah, wie schockverliebt. Das war ein Grund, warum ich am Tag darauf die Partnerschaft mit meiner damaligen 7-jährigen Beziehung beendet hatte.

Trotz der Vorurteile aus dem Umfeld hielten wir zueinander

Ab dem Tag, an dem wir uns das erste Mal per Videochat gesehen haben, haben wir jede freie Sekunde miteinander verbracht. Ich hatte ihn am Telefon, wenn ich einkaufen gegangen bin, in der Mittagspause auf der Arbeit, Morgens auf dem Weg zur Arbeit, Abends auf dem Weg nach Hause, vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen und sogar teilweise noch dazwischen. Die Gespräche gingen tiefer, wir haben regelrecht einen Seelenstriptease voreinander hingelegt und waren unzertrennlich – und sind es auch immer noch. Die Monate zogen ins Land und wir haben unseren damaligen Entschluss, uns zu sehen, am 18. Mai 2018 endlich umsetzen können. Bis dahin haben wir schon jeglichen Vorurteilen gestrotzt – sowohl er, mit den Vorurteilen, die seine Familie über mich geäußert haben, als auch ich, mit den Vorurteilen die ich mir täglich von meinen Freunden und meiner Familie anhören musste.
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Am 18. Mai 2018 bin ich dann, gemeinsam mit meiner Mutter, zum Kölner Flughafen gefahren und habe am Gate "D Ost" um 09 Uhr morgens auf ihn gewartet. Ich war so unglaublich nervös, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Wie würde es wohl werden? Entsprach er meinen Vorstellungen? Was wäre, wenn er ganz anders als am Telefon ist? Werde ich ihm gefallen? Was, wenn wir uns nicht "riechen" können? All diese Fragen schwirrten mir im Kopf umher, während ich dagegen ankämpfte, nicht in Ohnmacht zu fallen oder an einem Herzinfarkt zu sterben. Immer wieder ging die milchige Glastür auf und Reisende kamen mit ihren Koffern aus dem Gate. Viele von ihnen feierten das Wiedersehen mit ihren Liebsten doch mein Fokus blieb auf dieser einen Tür. Fünf Minuten vergingen, 10... 20... 30... Nach 45 Minuten war der große Moment gekommen. Er kam endlich aus dieser Tür und ich habe alles um mich herum vergessen. Ich bin sogar einfach durch die Absperrung gelaufen, um ihm in die Arme zu fallen. Und er roch sogar ziemlich gut! Meine Mutter hat sich im Hintergrund gehalten, aber für uns ein Erinnerungsfoto geschossen, was nun eines der größten Schätze für uns ist.

Der schönste Kuss meines Lebens

Wir waren die ersten 3 Tage bei meinen Eltern und sind dann zu mir nach München gereist. Obwohl wir uns gedacht haben, dass wir bestimmt ein paar Tage brauchen, um uns näher zu kommen (Abdulhadi wollte sogar am Anfang unserer Planung ein Hotel buchen, damit er mich nicht auf meinen 29 Quadratmeter "belästigt") war das Eis direkt gebrochen. Unser erster Kuss fiel circa vier Stunden nach seiner Ankunft und es war wirklich der schönste Kuss, den ich je in meinem Leben erlebt habe. All die Gefühle, die sich innerhalb des letzten halben Jahres, in dem wir jeden Tag Kontakt hatten, angestaut hatten, wurden in diesen einen Kuss gelegt. Ab dem Moment war mir klar: ich will diesen Mann, sonst niemanden. Auch wenn wir noch 14 gemeinsame Tage vor uns hatten, habe ich ab dem ersten Abend jeden Tag geweint, weil ich wusste, er muss mich bald wieder verlassen.

Vermutlich kennt jeder, der eine Fernbeziehung führt, dieses Kehle-zuschnürende Gefühl. Wir haben jede Sekunde miteinander genossen – uns so leidenschaftlich geliebt, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte und dann kam dieser besagte Tag, an dem wir Abschied voneinander nehmen mussten. Dieser Tag hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Stille auf meinen 29 Quadratmeter war so erdrückend, dass ich dachte, ich ersticke. Das noch feuchte Duschhandtuch, was er vor Kurzem noch benutzt hatte, hing im Bad. Sein Duft hing in der Luft. Seine Berührungen waren förmlich noch spürbar und doch war alles einfach nur... leer. Das Einzige, was ich an dem Tag machen konnte war weinen und vor Erschöpfung schlafen.

Von einem Treffen hangelten wir uns zum nächsten

Und so ging es weiter: Teilweise kam man mit dem Umstand irgendwann halbwegs zurecht und wir haben uns von einem Treffen in Istanbul, dort war die Mitte zwischen unseren Wohnorten, zum nächsten Treffen in München gehangelt. Ich habe immer die Tage bis zum nächsten Treffen gezählt. Manchmal waren es um die 60 Tage, teilweise auch doppelt so lange. Aber es war immer ein Ziel in Sicht. Die gemeinsame Zeit war so unendlich wertvoll, dass sich die Tage dazwischen wie die reinste Verschwendung angefühlt hatten.

Unsere Beziehung wurde schnell ernster und wir schmieden schon seit circa 1,5 Jahren Zukunftspläne. Leider ist der Beginn eines gemeinsamen Lebens in Deutschland nicht so einfach, wie viele Leute glauben. Es gibt zig verschiedene Visum-Arten, die gefühlt alle zu nichts führen (wir haben schon fast alles ausprobiert). Wir haben bei jedem Versuch alle Hoffnung darauf gesetzt und sind immer wieder gefallen. Vor drei Monaten haben wir endlich den Beschluss gefasst, zu heiraten. Wir sind reif für unser Happy-End und ich dachte mir: bald haben wir es endlich geschafft. Bald sind wir zusammen und das Kämpfen in den letzten Jahren hat sich endlich ausgezahlt. Doch dann wurde uns wieder ein Strich durch die Rechnung gemacht. Dieser Strich heißt Corona. Ich bin einfach nur fassungslos über diesen Rückschlag, den wir gerade wieder einstecken müssen. Vielleicht kennt ihr das Gefühl, wenn ihr denkt, ihr seht endlich das Ziel in greifbarer Nähe und dann ist es plötzlich so, als würde das Stück Eis auf dem ihr sitzt, von eurer Eisscholle abbrechen und beide Teile in völlig verschiedene Richtungen driften. Diese Hilflosigkeit und Machtlosigkeit, die wir derzeit erleben ist die bisher schlimmste Feuerprobe für uns. Geduld ist wahrlich nicht meine Stärke aber nicht zu wissen, wann dieser Zustand vorbei ist, bringt mich um meinen Verstand. Es ist schon so schlimm, dass es körperlich wehtut. Ich bete zu Gott und versuche irgendwie meine Gedanken so zu lenken, dass sie das Universum davon überzeugen, dass wir endlich zusammen gehören.
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Ich habe ihn das letzte Mal vor 4,5 Monaten gesehen.
Auch, wenn er immer per Telefon für mich da ist, ist er doch so weit entfernt und ich fühle mich so alleine. Viele bedeutungsvolle Tage ziehen ins Land, wie mein Geburtstag oder sein Geburtstag, und wir müssen versuchen uns nicht zu verlieren. Es gibt keine Tage, die ich zählen kann, bis ich ihn wieder sehe. Es gibt derzeit keine Aussicht auf Besserung bezüglich des Coronavirus, insbesondere in Saudi Arabien, wo er seit Januar 2018 wieder lebt, und es gibt niemanden, der uns helfen kann. Eine unerfüllte Liebe ist noch so viel schmerzhafter, als eine Liebe, die langsam in die Brüche geht.

Alles, was mir am 18. Mai 2020 bleibt, ist die Erinnerung an unsere erste Begegnung, den ersten Kuss und die unendliche Liebe. Doch das Wichtigste fehlt bis auf unbestimmte Zeit - Abdulhadi.

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