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Liebe in Zeiten von Corona: Wenn die Grenzschließung zermürbt

Lena Walter

Lena Walter lebt in einer deutsch-dänischen Fernbeziehung. Trotz der Einsicht, dass die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus wichtig sind, kommt sie an ihre Grenzen, ob der Ungewissheit, wie lange die deutsch-dänische noch geschlossen bleibt.

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Zu Beginn habe ich alle Maßnahmen zur Einschränkung des Coronavirus begrüßt, unterstützt, für sinnvoll erachtet. Auch vorübergehende Grenzschließungen, auch innerhalb Europas. Alle Expert*innen, Wissenschaftler*innen, Politiker*innen sprechen die ganze Zeit davon, dass die Lage jeden Tag neu bewertet werden müsse, verschiedene Interessen abgewogen werden und die Gesundheit der Menschheit stets an erster Stelle stehen müsse. Ich glaube jeder kann verstehen, vor welch ungekannter Herausforderung die Regierungen stehen und alle eint, dass ja alle "nichts wissen", keiner die Situation abschätzen kann, vor allem auf lange Sicht.

Seit einigen Wochen werden aber natürlich auch die Stimmen laut, die die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen diskutieren. Trotz aller wunderbarer Solidarität ist sich auch in dieser Krise jeder selbst der Nächste und es ist unglaublich, welch vielfältige, individuelle Schicksale die Corona-Krise beschreibt. Wirtschaftlich, sozial, psychisch.

Ich stehe für jene Gruppe von Menschen, deren größtes Problem darin besteht, eine transnationale Fernbeziehung zu führen. Und das ist zurzeit richtig richtig beschissen. Wann sehe ich meinen Freund wieder? Diese Frage stelle ich mir 24 Stunden am Tag. Es ist zermürbend. Und spannend. In einer Fernbeziehung bin ich es gewohnt, meinen Partner über Wochen nicht zu sehen. Mein sonstiges Netz aus Freunden, Hobbys und Arbeit kann mich diesmal aber nicht durch die Zeit der Trennung tragen. Das ist das eine. Das andere ist, dass sich unweigerlich, obwohl ich versuche es wegzuschieben, Szenarien auftun, bei denen mir ganz schlecht wird. Monatelange Grenzschließungen, absolute Planungsunsicherheit. Und wenn die Grenzen öffnen, schließen sie dann bald wieder? Die Kombination dieser beiden Punkte schlägt mir heftig auf die Psyche.

Den Partner sehen ist kein "triftiger Grund"?

Mein Freund lebt in Dänemark, immerhin Europa. Wir können so viel telefonieren, skypen, facetimen wie wir wollen, können uns durch die Medien trotz allem nah bleiben. Natürlich denke ich an Kriege, in denen sich Partner über Monate und Jahre nicht sehen, man nichts voneinander hört und davon ausgehen muss, dass dem andern jederzeit etwas Schlimmes passieren kann. Ich habe einen sicheren Job, Lohnfortzahlung, kann meine zwei besten Freunde auf Abstand zum Spazieren gehen treffen. Das ist mir alles bewusst.

Noch dazu kommt, dass mein Freund als deutscher Staatsbürger theoretisch jederzeit einreisen darf. Seiner Firma geht es derzeit aber nicht gut, es wurden schon viele Leute entlassen, er ist froh, dass es ihn noch nicht erwischt hat. Er weiß, dass es seine Firma gerade nicht gern sieht, wenn die Mitarbeiter "ohne triftigen Grund" ins Ausland reisen. Genau das gleiche in Dänemark. Ich darf nicht einreisen, weil es kein triftiger Grund ist, meinen Freund zu sehen. Was soll das? Gibt es einen wichtigeren Grund, gerade in diesen Zeiten? In denen die Welt aus den Fugen gerät, man gar nicht weiß, wie einem geschieht und man gerade dann den Halt des andern so sehr bräuchte?

Ich wusste nicht, wie viel ich weinen kann

Alle Relativierung, jedes "mir geht es doch eigentlich gut"-Mantra hilft nicht darüber hinweg, dass die Situation der Ungewissheit und des Sich-nicht-Sehens eine unglaubliche psychische Belastung ist. Ich versuche nicht zu jammern, wirklich. Trotzdem habe ich nicht gewusst, dass ich so viel weinen, mich so ohnmächtig fühlen kann. Ich habe Mails an das Gesundheits- und Außenministerium geschrieben, das deutsche und das dänische. Ich schreibe in meiner Ohnmacht diesen Artikel, den ich an Zeitungen schicken werde, ohne ernsthaft zu glauben, dass er Beachtung findet. Aber es ist das einzige, was ich tun kann, um mich nicht völlig hilflos zu fühlen in dieser Situation.
Liebe in Zeiten von Corona: Wie sich Dating in Freiburg verändert hat

Ich möchte appellieren, dass bei allen wichtigen Maßnahmen und allen Regelungen, Liebespaare zueinander gelassen werden. Dass das keine Utopie ist, zeigt Österreich. Transnationale Paare dürfen sich dort ohne ärztliches Attest und ohne Quarantäne-Regelungen sehen. Das Sehen des Partners wird dort als Grundrecht gesehen und daher erlaubt. Ich würde mir wünschen, dass sich ganz Europa daran schnellstmöglich ein Beispiel nimmt.

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