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Liebe in Zeiten von Corona: Wenn aus der Fernbeziehung eine Nahbeziehung wird – und scheitert

Charlotte Wagner

Charlotte und Rafael schließen sich nach 7,5 Monaten Trennung – bedingt durch Corona – endlich wieder in die Arme. Doch nach zwei Monaten verlässt er sie überraschend. Ein persönlicher Bericht.

Die ersten Weihnachtsbaumverkäufe, der Lebkuchen im Supermarkt und die Glühwein-to-go-Schilder machen mir bewusst, dass die Zeit trotz allem rast. Trotz allem heißt: Obwohl sich die Welt gegen mich verschworen zu haben scheint.

Die schlimmste Woche ist vorbei: Mitte Oktober sprach ich Rafael darauf an, dass ich das Gefühl habe, etwas stimmt nicht. Mit ihm, mit mir, mit uns!? Er bejahte: Er fühle sich nicht wohl, könne sich ein Leben mit mir in Deutschland gerade nicht vorstellen, er sei froh, dass er Mitte November erst einmal wegen seines Visums nach Mosambik zurück muss.

Ein Schlag ins Gesicht für mich. Obwohl ich doch schon längst gespürt habe, dass er nicht mehr der leichtlebige, fröhliche, unbekümmerte junge Mann ist, den ich vor zwei Jahren in Mosambik kennengelernt habe.

Er hat damit nicht gerechnet, dass ihn dieser Umzug so aus der Bahn wirft, es ist plötzlich alles so final. Er hat Sehnsucht nach Brasilien. Er wusste selbst nicht, dass er jemals unter Heimweh leiden könnte. Ich bin sehr verständnisvoll und kann mich gut in ihn hineinversetzen: Ein Brasilianer im Home Office im unbekannten München mit basalen Deutschkenntnissen in Zeiten von Corona.

Hinzukommt, dass wir in einer Zweck-WG mit introvertierten Mitbewohnern sitzen, die Vermieterin des Reihenhauses ein absoluter Kontroll-Drache ist. Und mein soziales Netz ist noch nicht weit ausgereift, die Pandemie macht das nicht leichter. Auch nicht der nahende Winter.

Im Sommer war alles wie im Traum

Dabei schien sich dieses Jahr doch zum Guten zu wenden. Nach einem Frühling in der mittelhessischen Heimat ging es für mich im Sommer nach München: Ich habe tatsächlich mitten in Zeiten der Pandemie einen Job in der Kulturbranche gefunden. Ich zog in eine nette Zwischenmiete ins französische Viertel Haidhausen, erkundete mit dem Rad die neue Stadt und konnte mein Glück kaum fassen, als ich einen Monat später Rafael nach über sieben Monaten Trennung endlich in die Arme schließen konnte – zum 10. August wurden Einreiselockerungen für unverheiratete binationale Paare geschaffen.

Völlig aufgeregt fuhr ich nach Frankfurt, um meinen inzwischen Verlobten am Flughafen abzuholen. Er hat die Wohnung in Maputo aufgegeben, sich von seinen Freunden verabschiedet und freut sich darauf, die nächsten Monate in Deutschland zu verbringen – und sobald er die Möglichkeit hat auf ein Visum auch langfristig zu bleiben. Es kam noch besser: Er bekam die Zusage für einen Job bei UNICEF in Florenz, ein Arbeitsvisum für Italien, konnte im Home Office arbeiten und mit mir in Deutschland leben.
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Es war alles wie im Traum. Rafael war an meinem 30. Geburtstag mit mir vereint, wir hatten Sommerwetter und konnten schöne Momente im Englischen Garten und an der Isar verbringen. Wir unternahmen viel an den Wochenenden, unter der Woche war es eher monoton, wir kochen, schauen Serie, lesen. Aber auch das war in Ordnung.

Trauer, Verständnis, Wut

Innerhalb von einer Woche soll ich nun verstehen und akzeptieren, dass der Mensch, mit dem ich eben noch mein Leben verbringen wollte, dafür nicht bereit ist. Eine Woche ohne Schlaf, Essen und mit Zitterkrämpfen, jede Nacht. Nach zwei Tagen Verständnis schlägt meine Stimmung um in Aggression. Ich werfe ihm an den Kopf, dass er doch am besten sofort zurück nach Mosambik fliegen solle.

Er kann mit meiner Wut nicht umgehen, hat Angst vor meiner wechselhaften Stimmung, meint, dass er besser in ein Hotel gehen sollte, bevor er in den Flieger steigt. Ich werde noch aggressiver. Ich erwarte, dass er mich in den Arm nimmt und sagt, dass alle gut wird. Ich will, dass er mehr Geduld aufbringt, es doch noch zu versuchen. Ich bin total geschockt und kriege die beiden verschiedenen Versionen des geliebten Menschen, auf den ich so sehnsüchtig gewartet habe, nicht unter einen Hut.

Es bricht ein innerer Kampf in ihm los. Er hat sich vermutlich noch nie mit sich selbst beschäftigt und mit der Frage, wo er hingehört. Er ist bisher einfach weitergelaufen, hat das Leben so genommen, wie es kam und es ging ihm gut damit.

"Dass da noch Liebe ist, kann man nicht abstreiten"
Wir haben noch ein gutes Abschlussgespräch und liegen uns weinend in den Armen. Dass da noch Liebe ist, kann man nicht abstreiten. Doch offensichtlich ist Liebe nicht immer genug. Rafael fliegt – und ich sitze in einem Gefängnis mit einjähriger Mietdauer. Ich bin motivationslos, aber ich gehe zur Arbeit, meine Kolleginnen sind erstaunt, wie gut ich zurechtkomme, ebenso meine Freunde, mit denen ich telefoniere, meine Mutter, die sich sehr um mich sorgt.

Auch ich bin überrascht, wie abgeklärt ich mich erlebe. Und wie ich trotz allem neuen Lebensmut schöpfe. Und verdränge. Und Tiefpunkte erleide: Rafael taucht regelmäßig in meinen (Alp-)Träumen auf. Nach 2,5 Wochen gehe ich auf seinen Wunsch ein, mit ihm zu skypen: Er ist froh, wieder in Maputo zu sein, seine Freunde zu sehen. Aber er ist sehr deprimiert, antriebslos, er weiß nicht, wohin mit sich. Er weint. Er hat schon eine Online-Therapie-Stunde genommen und will sich damit zukünftig mehr beschäftigen. Ich finde das gut und rate ihm außerdem, so schnell wie möglich nach Brasilien zu reisen. Er bejaht. Dann sage ich ihm, dass ich erst einmal keinen Kontakt mehr zu ihm möchte, was er versteht.

Pläne und Träume und Erwartungen

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich so viel auf mich genommen und in eine Beziehung investiert. Ich, die ich noch nie verlassen wurde, sondern den Männern bisher immer den Laufpass gegeben habe. Und ich kreiere im Kopf eine Negativ-Liste, die all die Punkte aufführt, die das Aus der Beziehung sinnvoll erscheinen lassen.

Wir hatten Pläne und Träume und Erwartungen, die durch die Zeit der Trennung noch größer und dringlicher wurden. Fernbeziehungen machen ein leichtlebiges Kennenlernen und sich aneinander gewöhnen nicht möglich, es ist alles gleich festen Plänen und bürokratischen Prozessen unterworfen.

Noch dazu hatten wir auch vor der geographischen Trennung keine andauernde stabile Beziehung in Mosambik, sondern ein aufregendes Auf- und Ab, kein Alltagsleben. Rafael hat neben dem vielen Enthusiasmus sein Gepäck mitgebracht, dessen Gewicht wir unterschätzt haben. Trotz Verständnis bin ich sehr traurig, dass es so schnell vorbei ist. Und sein Aufenthalt erscheint mir wie ein Film, ein Film ohne Happy End – erst einmal.