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Liebe in Zeiten von Corona: Man kann sich auch über Facebook verlieben

Julia Jung

Jemanden wiedertreffen, den man von früher kennt: Das geht in Corona-Zeiten nur im Internet. In der aktuellen Folge "Liebe in Zeiten von Corona" schreibt die 29-jährige Julia, wie sie sich in einen alten Bekannten verknallte. Über Facebook.

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Meistens heißt es momentan, dass sich Paare nicht sehen können. Dating würde jetzt quasi fast unmöglich werden, außer, man würde seine Internetverbindung quälen und sich durch Dating-Portale wuseln.

So viele schwere Herzen, die ihre Partner, Freunde oder Familie vermissen. Natürlich ist das nicht schön, aber ich erlebe gerade genau das Gegenteil und ich dachte, dass ich so vielleicht das eine oder andere schwere Herz etwas erwärmen kann.

Freundschaftsanfragen verschickt

Vor fast genau einem Monat hatte ich die Eingebung, mich nach Jahren der Abstinenz mal wieder bei Facebook anzumelden. Mal schauen, was die alten Freunde so machen.

Aus jeder Klasse fand ich mindestens ein paar bekannte Gesichter und verschickte Freundschaftsanfragen. Natürlich war ich mir der Tatsache bewusst, dass sie lediglich Namen in der Liste bleiben werden, weil wir absolut verschiedene Leben gelebt haben und es ein massiver Zufall wäre, wenn man auf einen Nenner kommen würde.

Tiefblaue Augen und Grübchen

Tja, genau dieser Zufall ist passiert. Gerade, als ich mich von der Idee von Liebe verabschiedet hatte und es mir tatsächlich auch selbst abkaufte, schrieb mich ein Bekannter aus der Liste an. Nennen wir ihn mal Lukas.

Mit etwa siebzehn sind wir uns damals das erste Mal begegnet, weil wir gemeinsame Freunde hatten. Mir sind sofort seine tiefblauen Augen und die Grübchen aufgefallen, wenn er spitzbübisch gegrinst hat. Zu dem Zeitpunkt war ich allerdings vergeben (nicht glücklich, aber das ist eine andere Geschichte) und hatte tatsächlich kein echtes Interesse an Lukas. Er war zurückhaltend und sehr höflich, wenn wir uns gesehen haben.

Da wir beide aus einer bestimmten Szene kamen sind wir schon bald gemeinsam mit den anderen Freunden auf ein Festival gefahren. War chaotisch, aber schön.
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Alleinerziehend mit Mitte 20

Danach hatten wir uns etwa noch zwei oder drei Mal gesehen, aber waren nicht großartig "Freunde" geworden. Irgendwann mit Anfang Zwanzig haben wir uns verloren. Auch die anderen Freunde verschwanden aus meinem Leben und so ging es dann weiter. Mit meinem damaligen Freund bekam ich vor vier Jahren einen Sohn. Die Beziehung zerbrach kurz darauf und ich war alleinerziehend. Kind, Hund und meine mentale Gesundheit forderten meine ganze Aufmerksamkeit. Ich bin oft eingebrochen und hatte mental, sowie körperlich zu kämpfen.

So, dachte ich, kannst du keine Beziehung führen, geschweige denn jemanden aufrichtig lieben. Also arbeitete ich erstmal an meiner eigenen Baustelle.

Die erste Nachricht nach acht Jahren

Besagte Baustelle war gerade fertig. Der Putz war noch nicht ganz trocken, noch nicht alle Geräte weggeräumt, da schreibt mich Lukas nach acht langen Jahren an. Sicher, ich hab mich gefreut, aber nie hätte ich geahnt, wie sehr das ausarten würde.

Wir kamen sofort ins Gespräch und telefonierten knapp drei Stunden beim ersten Mal. Wir lernten uns im Blitzverfahren kennen. Zeitgleich wütete der Coronavirus durch die Welt. Das erste Mal seit Jahren hatte ich aufrichtiges Interesse an jemandem, obwohl ich ihn quasi schon kannte.

Eine Woche, nachdem er mich angeschrieben hatte, war ich bereits aus dem Häuschen. Ich merkte, dass da was passiert und ich hab die Bremse gezogen. Blöd, nicht? So lange bin ich die Strecke des einsamen Wolfes und der starken Single-Mama gefahren, dass ich mich beim ersten Anzeichen von Zuneigung selbst drosseln wollte. Aber Lukas schaffte es, dass ich sogar an Fahrt zu nahm.

Unweigerlich und unumkehrbar verknallt

Seitdem er mich angeschrieben hat, haben wir nicht einen Tag ausgelassen um einander von unserer persönlichen Corona-Front zu berichten. Zig mal telefoniert, Videoanruf mit wackeliger Internetverbindung versucht und uns in kürzester Zeit sehr gut kennengelernt. Ich befürchte, ich hab mich unweigerlich und unumkehrbar in diesen Mann verknallt.

Nachdem ich sämtliche Foren durchwälzt hatte, auf der Suche nach der Frage, wie man erkennt, dass sich jemand via Text in einen verliebt und meine beste Freundin zum zigsten Mal interviewt hatte, sah ich ein, wo ich mit Lukas hin steuerte.

Keiner hat bisher offiziell seine Gefühle gestanden, aber mittlerweile sieht das sogar ein Blinder mit dem Krückstock.

Es fühlt sich fast illegal an

Wir befinden uns gerade in der Phase, in der wir uns immer mehr Hinweise geben, dass wir einander gut finden. Und es fühlt sich himmlisch an, wenn mein Handy blinkt und ich genau weiß, wer mir da in aller Frühe einen guten Morgen wünscht.

In Zeiten der Isolation, Krankheit und leider auch Tod haben wir uns gefunden. Es fühlt sich schon fast illegal an, weil soviel Leid in der Welt passiert, aber vielleicht hab ich genau das gebraucht: Liebe in Zeiten von Corona.

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