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Liebe in Zeiten von Corona: Entbehrung und Zweifel in der Fernbeziehung

Charlotte Wagner

In Zeiten von Corona verzweifelt man daran, dass das nächste Wiedersehen in unerreichbarer Ferne liegt. Charlotte Wagner ist in einer Fernbeziehung, die es in sich hat: Ihren Freund Rafael und sie trennen 13.000 Kilometer und viele Landesgrenzen. Ein persönlicher Bericht.

Die Frühlingssonne lacht und es ist, als konterkariere sie meine Stimmung, die sich derzeit auf dem absteigenden Ast befindet. Heute wäre mein Freund von Mosambik aus angereist. Stattdessen drehe ich alleine eine Runde auf den Roßkopf und übe mich darin, "zu mir selbst zu finden". In meinem bewussten wie unbewussten Dasein sehe ich die ganze Zeit Rafael vor mir: Rafael, wie er mir strahlend die Haustür öffnet nach einem langen Arbeitstag im deutsch-mosambikanischen Kulturzentrum in der Hauptstadt Maputo. Rafael, wie er mir beim Umzug hilft und die Kisten vom ersten ins elfte Stockwerk ohne Aufzug hievt. Rafael, wie er meine Eltern und mich im Auto durch die holprigen Straßen der Stadt bugsiert. Und ich sehe uns: Wie wir einen Wochenendausflug zu einem Strand in die Nähe der Hauptstadt Mosambiks unternehmen. Auf Partys mit Freunden tanzen. Gemeinsam kochen. Liebe machen.

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Und dann kommt Corona. Ein viel zu schöner Name für so ein abscheuliches Virus, welches derzeit Tausende von Menschen dahinrafft und die bestehende Weltordnung aus den Angeln hebt. Auch meine!? Die Freiheit, mich in einen Flieger zu setzen und nach Mosambik zu fliegen, wurde mir nun genommen, wird uns allen genommen, die Umwelt freut sich.

Rafael und ich lernten uns im August 2018 im mosambikanischen Maputo kennen. Nach einem Master der Literatur- und Kulturwissenschaften hat es mich in das deutsch-mosambikanische Goethe-Zentrum verschlagen, hier arbeitete ich für ein Jahr in der Kulturabteilung. Er kommt aus Brasilien und arbeitet als Wirtschaftswissenschaftler beim Gesundheitsministerium, später bei der UNICEF. Anfangs platonisch, lernen wir uns auf einer Reise mit zwei weiteren Freunden durch das Land auch lieben lernen. Es folgen Monate gemeinsamer Aktivitäten in Zweisamkeit und mit Freunden im warmen, immer sonnigen Mosambik – mit viel Arbeit, aber auch viel Spaß. Nachdem ich ihm viele Unsicherheiten zugemutet habe, weil ich selbst nicht weiß, wohin mit mir nach dem Jahr und mich bloß nicht festlegen wollte, kommt er mich drei Monate nach meiner Rückkehr aus Mosambik in Deutschland besuchen. Auch diese Reise verläuft erst einmal ins Leere von meiner Seite aus – zu sehr bin ich mit meinen eigenen Zukunftssorgen sowie familiären Zerwürfnissen beschäftigt – doch spätestens nach seiner Rückkehr legt sich bei mir der Schalter um und ich weiß, was ich will: Ihn zurückerobern. Kurzerhand buche ich einen Flug nach Brasilien, wo er für einen Monat bei der Familie verweilt und wir verbringen gemeinsam Weihnachten und Silvester unter Palmen, ich bin dankbar und glücklich, dass er mir die Chance gibt.

Ich muss mich etwas Höherem fügen

Am 9. Januar dieses Jahres steige ich in den Flieger zurück nach Deutschland, zuversichtlich, dass wir uns bald wiedersehen. Im Februar bucht er einen Flug nach Deutschland, um mich Anfang April für zwei Wochen zu besuchen. Doch spätestens an dem Tag, an dem die Grenzen geschlossen werden, wird mir klar: Es gibt etwas Höheres, wogegen ich gerade nicht ankomme, dem ich mich fügen muss. Kein gemeinsames Ostern und meinem geplanten Besuch im Juli nach Mosambik stehe ich skeptisch gegenüber, denn auch Mosambik hat längst seine Grenzen geschlossen wie viele andere afrikanische Länder.

Die Pläne einer gemeinsamen Zukunft in Deutschland, ohnehin nicht einfach zu kombinieren, geraten immer mehr in die Schwebe, denn sowohl ich als auch er müssen im Sommer einen neuen Job finden. Was uns bleibt, ist die Hoffnung. Und die digitalen Medien.

Meine Großmutter heiratete per Ferntrauung

"Macht doch eine Ferntrauung", schlägt mir meine Mutter scherzend vor und erzählt mir von meinen Großeltern: Diese kannten sich erst kurz, als der Krieg meinen Großvater nach Stalingrad entführte. Im Oktober 1944 saß meine Großmutter beim Standesamt, als Ersatz für meinen Großvater diente ein Stahlhelm. Dieser hatte wiederum im Vorhinein eine Willenserklärung des Wehrmachtsangehörigen zur Niederschrift des Bataillonskommandeurs, eine eidesstattliche Erklärung über die "arische Abstammung" und die Heiratsgenehmigung des "Oberkommando der Wehrmacht" (OKW) einholen müssen für das Standesamt der Braut, die Zeremonie wurde von zwei Trauzeugen begleitet. Kurz darauf kam mein Großvater für eine Woche auf Heimaturlaub, in der die Hochzeit offiziell nachgefeiert wurde, bevor er Anfang Dezember wieder an die Front musste. Nach Beendigung des Krieges ging mein Großvater für weitere fünf Jahre in russische Gefangenschaft. Meine Großmutter wurde 1946 aus Böhmen zwangsausgesiedelt wie annähernd alle Sudetendeutschen zu jener Zeit.

Innerhalb von 24 Stunden musste sie alles an Hab und Gut zusammenpacken, was sie tragen konnte und wurde, mit einem Baby im Schlepptau und ihren Eltern, von einem Viehtransporter nach Deutschland gebracht, wo sie sich im hessischen Bad Soden niederließen, der Vater hatte dort eine Anstellung am Bahnhof gefunden. Anfang der 50er Jahre kam mein Großvater nach Hause und arbeitete zunächst als Maurer, kurz darauf trat er eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr an und die Familie zog in die Garnisonsstadt Idar-Oberstein. Es folgten drei weitere Töchter und ein Sohn und die Jahre der Entbehrungen waren lange nicht vorüber.
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Wenn ich mir diese Geschichte vor Augen halte, die Teil meines Stammbaums ist, erscheint mir meine Situation wie ein Klacks und ich schäme mich für meine egoistischen, ungeduldigen Gedanken. Im privilegierten Deutschland sitzen wir und betreiben "social distancing" – mit vollen Kühlschränken und Spaziergängen in die Natur während in Flüchtlingscamps und Ländern des globalen Südens nicht mal fließendes Wasser durch die Leitungen fließt, ganz zu schweigen von medizinischer Versorgung.

Wie kann er so entspannt mit dem Ausnahmezustand umgehen?

Wir sprechen und schreiben jeden Tag. Mein Freund legt meistens eine positive Attitüde an den Tag, ist zuversichtlich und baut mich auf. Das bewundere ich grundsätzlich an ihm und doch bringt er mich ab und zu auf die Palme, der Optimismus: Wie kann er so entspannt mit diesem Ausnahmezustand umgehen? Aber auch er hat ab und zu einen Tiefpunkt, dann versuche ich ihn aufzubauen. Die Auswirkungen der Corona-Krise kommen versetzt an in Mosambik, wer es bisher nur in den Medien gehört hat und nicht am eigenen Leib zu spüren bekommt, für den ist es ein drohendes Etwas, nicht greifbar. Doch inzwischen ist die Wahlheimat meines Herzens und eines der ärmsten Länder der Welt, die vor genau einem Jahr eine der schlimmsten Flutkatastrophen, den Zyklon Idai, über sich ergehen lassen musste, auch bei Stufe drei von vier (kompletter Lockdown) angekommen. Nur dass sich dort die Menschen nicht ausreichend schützen können, von sozialer Distanz und Desinfektion kann keine Rede sein, wenn ohnehin tagtäglich um das Überleben gekämpft werden muss und der Marktstand nicht schließen kann. Für meinen Freund wird es nicht allzu weit kommen, er ist jung, hat ein gutes Immunsystem und wohnt in einer schönen Wohnung im Zentrum der Stadt. Er lebt ein privilegiertes Leben im Gegensatz zu den meisten Menschen dort, wenn auch ohne Terrasse oder Garten wie viele unsereins, die nun Urlaub auf Balkonien machen können. Viele Expats sind in ihre Heimatländer geflogen, ein paar gute Freunde, die wie er seinen Lebensmittelpunkt in Maputo haben und Brasilien (vorerst) hinter sich gelassen haben, hat er aber dennoch. Dennoch wird sich einiges ändern, das unbeschwerte Leben im sonnigen Maputo mit seinen einfachen Straßenbars, den vielen ausländischen Kulturzentren und Musikkneipen ist zum Erliegen gekommen.

Und so unterstützen wir uns gegenseitig. Wir machen Pläne: Da der Chor wie auch der Französisch-Kurs wegfällt, den ich machen wollte, will ich die Zeit nutzen und autodidaktisch meine frankophilen Gehirnzellen auf Vordermann bringen. Außerdem hatte ich mir zum Ziel gesetzt, Gitarre spielen zu lernen. Daraufhin schickt er mir ein Lied, welches ich nun für ihn vorbereiten soll: "Raphaël" von Carla Bruni. Ich gebe ihm Hausaufgaben, damit er sein Deutsch verbessert: Eine Zusammenfassung von dem letzten Film, den er gesehen hat. Solche und andere Ideen haben wir, um unsere Zeit der Entbehrungen sinnvoll nutzen zu können. Manchmal fehlt mir die Motivation und ich muss mich anstrengen, nicht in Lethargie zu verfallen oder in Panik, vor lauter Ungewissheit, wann die Grenzen wieder geöffnet werden. "Irgendwann gewöhnt man sich an den Krisenzustand und er wird zur Normalität", sagt ein Wissenschaftler. Aber wer kann sich schon daran gewöhnen? Ich nicht, ich will schreien, will, dass ich aufwache und alles wieder normal ist, will keine Albträume mehr haben, in denen ich von der Trennung meines Freundes träume. Und manchmal, wenn der Schmerz unerträglich ist und die Sehnsucht nach ihm so groß, denke ich: Wäre es nicht einfacher, jetzt Schluss zu machen? Der Weg zu einer gemeinsamen Zukunft mit Kindern und Co. erscheint mir so fern. Doch ich will nicht aufgeben, jetzt, wo ich weiß, mit wem ich mein Leben gestalten will. Jetzt, wo ich weiß, dass ich selbst diese schwere Krise bewältigen will – ohne ihn und doch mit ihm.