Hanau

Kurz nach dem Attentat kam das Vergessen

Marius Buhl

Im hessischen Hanau erschoss vor rund sechs Wochen ein Mann zehn Menschen. Doch die so wichtige Trauerarbeit ist wegen der Corona-Krise zum Erliegen gekommen. Ein Besuch.

Will man den Oberbürgermeister der Stadt Hanau in diesen Tagen am Telefon erreichen, braucht man es an einem Ort nicht zu versuchen: im Rathaus. An seinem angestammten Amtssitz war Claus Kaminsky von der SPD, 60 Jahre alt, seit Wochen nicht mehr. Zunächst, nach dem Attentat vom 19. Februar, konnte man erfahren, dass er ins Kongresszentrum der Stadt gezogen sei, dort leitete er den Krisenstab. Und dann, im Anschluss? "Sind wir ins Gefahrenabwehrzentrum gewechselt", teilt seine Assistentin mit .


Wie soll Normalität einkehren, wenn es Normalität nicht mehr gibt?

Ein Krisenstab löst den nächsten ab. Ein Bürgermeister regiert aus einem Gefahrenabwehrzentrum. Eine Stadt im Ausnahmezustand vom Ausnahmezustand. "Dieses Virus", sagt Kaminsky schließlich am Telefon, "trifft uns zur absoluten Unzeit. Wir hätten jetzt nichts dringender gebraucht als Zeit. Zeit, um zur Ruhe zu kommen, Trauerarbeit zu leisten, Kraft zu schöpfen." Zeit, die es nicht mehr gibt.

Die Stadt Hanau, 100 .000 Einwohner, bislang vor allem bekannt für seine drei berühmtesten Bürger, die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sowie Rudi Völler, teilt sich jetzt das Schicksal mit Städten wie Brüssel, Christchurch, Halle oder Paris. Sie befindet sich in diesen Tagen in einem Prozess: Steht sie zusammen? Oder lässt sie sich spalten, wie der Attentäter das wollte? Während andere Anschlagsorte ihr Trauma in Ruhe aufarbeiten konnten, stellen sich in Hanau aber zusätzlich ein paar brutale Fragen: Wie soll eine Stadt zusammenrücken, wenn es plötzlich keine Öffentlichkeit mehr gibt? Wie sollen Wunden in der Isolation heilen, ohne Betreuung, Hilfe? Wie soll Normalität einkehren, wenn es Normalität nicht mehr gibt?

Mittwochabend Anfang März, zwei Wochen nach der Tat. Noch ist Corona bloß eine dunkle Wolke am Horizont. In Hanau pilgern die Menschen zum Marktplatz. Auf einer Leinwand wird gleich die Trauerfeier aus der Kongresshalle übertragen. Die Kanzlerin und der Bundespräsident flimmern über den Schirm, die Hanauer drängen sich dicht an dicht, eine Abstandsregel gibt es noch nicht. Zuerst spricht Oberbürgermeister Kaminsky. Er schwört die Stadt auf die kommenden Wochen ein. "Die wehrhafte Demokratie muss endlich ihr wehrhaftes Antlitz zeigen", ruft er. Auch Volker Bouffier, Hessens Ministerpräsident, hält eine Rede, der Bundespräsident. Und Kemal Kocak.

In Kesselstadt wohnen viele Familien mit Migrationsgeschichte, viele leben auf sehr engem Raum mit wenig Einkommen, viele haben kleine Kinder. Hier hat auch Kocak, 45 Jahre alt, einen Kiosk. Hier erschoss der Attentäter sechs Menschen. Kocak kannte alle. Er erinnert an jeden einzelnen der Toten, stockt, aus jedem seiner Worte tropft der Schmerz. "Der Mensch", sagt Kocak am Ende, "vergisst schnell. Aber diese jungen Menschen dürfen wir nicht vergessen!" Da weinen die Leute auf dem Marktplatz.

"Die Leute haben Angst, bleiben zuhause. Wegen des Attentats und wegen Corona." Mitarbeiter von Kemal Kocak
Vom Marktplatz sind es nur ein paar Schritte zu Kocaks zweitem Kiosk im Zentrum, er ist noch offen. Die Tür zum Laden öffnet sich unter Glockengebimmel. Drinnen gibt’s Kaugummis, Bier und Zeitschriften. Kocak ist noch nicht da, aber sein Mitarbeiter Murat. "Kommt ja keiner mehr jetzt", sagt er. "Die Leute haben Angst, bleiben zuhause. Wegen des Attentats und wegen Corona."

Murat lädt ein ins Hinterzimmer des Kiosks. Mehrere Männer sitzen an einem runden Tisch, sie rauchen, reden, trinken Kaffee und Tee. Die Luft ist stickig. Wieder und wieder erzählen sich die Männer, wie sie die Tat erlebt haben, seit Tagen gehe das so, sagen sie. Da ist ein junger Mann im Parka, der berichtet, dass er eigentlich gern an Automaten zocke, aber seit dem Attentat keinen mehr angefasst habe. Ihm gegenüber sitzt ein älterer Herr mit verbundenem Arm, der dabei war, als Tobias R. das Feuer eröffnete, er habe nur einen Streifschuss abbekommen. Und da sitzt gebeugt Cetin Gültekin, Schreiner, strubbelige Haare. Er ist der Bruder von Gökhan Gültekin, genannt Gogo, der im Kiosk erschossen wurde. "Gogo hat noch meinen Sohn angerufen, ob er mit ihm Nudeln essen will. Aber mein Sohn war müde, ging nach Hause. Sonst wäre er jetzt auch nicht mehr hier", sagt Gültekin. Sein Sohn sitzt gegenüber und sagt nichts. Gültekin erzählt, wie er am Telefon von den Schüssen erfuhr, zum Tatort raste, wie die Polizei alle Angehörigen in einer Halle versammelte, wie er um 6 Uhr morgens erfuhr, dass sein Bruder es nicht geschafft hat. Er erzählt, wie er ihn gewaschen habe, "drei Schüsse hat er abbekommen, einen direkt in den Kopf ".

"Die Gruppe hier, die gibt uns Halt. Das Reden, das Teilen von Erinnerungen. Er war so ein guter Mensch", sagt Gültekin. Und er erzählt noch etwas anderes. "Bis zum 18. Februar wusste ich nicht, was Angst ist. Jetzt weiß ich es."

Rund 30 Prozent der Menschen, die eine Terrorattacke miterleben, tragen eine posttraumatische Belastungsstörung davon, sagen Wissenschaftler. 70 Prozent dagegen bewältigen das Erlebnis ohne Folgeschäden, für dies kennt die Wissenschaft einen Begriff: Resilienz. Sie ist, wenn man so will, das Immunsystem der Psyche.

Wie resilient ein Mensch ist, hängt von vielem ab: den Lebensbedingungen, dem sozialen Netz. Resilienz ist kein Persönlichkeitsmerkmal, man kann sie entwickeln und wieder verlieren. Was die Männer in Kocaks Kiosk machen – reden, sich verletzlich zeigen, verarbeiten –, heißt noch nicht, dass sie es gesund aus der Krise herausschaffen.

Es dauert an diesem Nachmittag noch eine halbe Stunde, bis auch Kocak zur Runde stößt. Seine Augen sind leer, er wirkt müde. Auch er habe Angst, sagt er. Und er spürt Wut. "Politiker schieben diese Tat jetzt auf die AfD. Das ist scheinheilig. Seehofer hat noch vor ein paar Monaten gesagt, Migration sei die Mutter aller Probleme. Auch der Bouffier hat solche Sachen gesagt. Aber ich frage mich: Ist jemand unschuldig, der bei einem Banküberfall den Fluchtwagen fährt? Natürlich nicht." Auch um den Kiosk sorgt sich Kocak. "Wir haben richtig viel Geld investiert. Wie soll ich die Mieten bezahlen? Und jetzt kommt noch Corona."

"Das ist auch kaum zu glauben, es gibt aber solche Menschen auf der Welt." Kemal Kocak
Ein paar Minuten später betreten zwei Beamte des BKA Wiesbaden den Kiosk. Sie haben einen Recorder dabei, darauf sind die Aufnahmen der Überwachungskamera aus Kocaks Kiosk. Die Beamten haben das Material gesichtet, jetzt geben sie es Kocak zurück. Aus seiner Sicht repräsentieren sie in diesem Moment den Staat. Und an den hat er noch Fragen. "Das größte Problem der Angehörigen ist das Nichtwissen um den Täter. In Hanau herrscht Angst. Was wissen Sie?", fragt Kocak. Die Beamten schauen sich an. "Was wir sagen können: Es gab nur einen Täter, und der ist tot." – "Also hat einer allein aus dem Nichts gehandelt, einfach so?" – "Ja." – "Das ist nicht zu glauben für mich." – "Das ist auch kaum zu glauben, es gibt aber solche Menschen auf der Welt." – "Natürlich", sagt Kocak, "es gibt auch Muslime, die so krank sind." – "Christen, Juden, Muslime, es ist scheißegal", sagt der Beamte. – "Ja, aber wie soll ich mich hier drin wieder sicher fühlen?" – "Ich meine", sagt der Beamte, "im Prinzip ist Deutschland ein sicheres Land." – "Den letzten Satz können Sie durchstreichen", sagt Kocak. "Sicher ist hier gar nichts mehr."

84 Ermittlungsverfahren wegen Hetze im Internet

Beim Verabschieden sagen die Beamten, dass die Männer im Kiosk sich melden sollen, wenn ihnen etwas verdächtig vorkomme. Kemal Kocak schaut zu seinem Verkäufer. "Los Murat, erzähl, was gestern war." Und Murat erzählt. Mit einem Freund sei er auf die Autobahn aufgefahren, da habe ein Wagen gedrängelt, Lichthupe gegeben. Der Fahrer, ein älterer Mann mit Bundeswehrkäppi, habe sich aggressiv gezeigt. "Der hat uns aufgefordert, am nächsten Parkplatz rauszufahren. Das haben wir gemacht." Der Fahrer sei langsam neben sie gerollt – und habe durchs Fenster mit einer Pistole auf sie gezeigt. Murat schluckt. "Wir sind dann Vollgas durchgebrettert."

Dass nach Terroranschlägen die sogenannten Hate Crimes zunehmen, ist nicht neu. Nach dem Attentat auf das Konzert von Ariana Grande in Manchester am 22. Mai 2017 stieg die Zahl der Körperverletzungen und Beleidigungen gegen Muslime drastisch an. In Hanau trifft man Leute, die anonym erzählen, sie hätten sich nach dem Attentat Waffen zugelegt, ein Junge soll tagelang mit schusssicherer Weste umhergelaufen sein. Kemal Kocak berichtet von einem ihm bekannten türkischen Taxifahrer, der den Spruch zu hören bekommen habe: "Schade, dass es dich nicht erwischt hat." Im Internet bricht sich der Hass ohnehin Bahn. 84 Ermittlungsverfahren leitete die Staatsanwaltschaft Hanau schon wenige Tage nach der Tat ein gegen Onlinehetzer.

Seit den Kontaktbeschränkungen ist das öffentliche Leben auch in Hanau quasi tot. Die Straßen sind leer, die meisten Geschäfte zu, die Menschen zuhause. Aber man kann anrufen in Hanau. Zum Beispiel bei Günther Kugler in einem Jugendkulturzentrum (Juz) nur wenige Meter von Kemal Kocaks Kiosk entfernt. "Die Situation ist ein Desaster", sagt Sozialarbeiter Kugler. "Es gibt hier eine hohe dreistellige Zahl Menschen, die potenziell traumatisiert sind. All diese Menschen hätten jetzt Gespräche gebraucht. Therapie." Im Juz hatten sie Gruppentherapien organisiert für Menschen, wie es Kugler sagt, "die von sich aus eher nicht zu einem Psychologen gehen würden." Sie haben auch Einzelstunden vermittelt, "und uns so viel umarmt wie noch nie, aber auch das darf man jetzt nicht mehr." Drei Arbeitsgruppen seien abgesagt .

Auch Bürgermeister Kaminsky erzählt, was Corona in Hanau verhindert. Ein Treffen mit den Angehörigen aller Opfer, bei dem es darum gehen sollte, eine Gedenkstätte zu planen. Einzeltreffen mit den Angehörigen. Die geplanten internationalen Tage gegen Rassismus, in diesem Jahr so wichtig wie nie. Alles abgesagt.

Kemal Kocaks Kiosk ist weiter offen. Vor ein paar Tagen, sagt er, seien sieben Leute da gewesen zum Reden. Bis die Polizei vorbei kam und die Runde auflöste. Kocak droht jetzt ein Bußgeld.
Rap gegen rechts
Nach dem Anschlag von Hanau wollen mehrere Musiker ein Zeichen gegen rechts setzen und die Hinterbliebenen unterstützen. An diesem Freitag erscheint der Benefiz-Song "Bist du wach?", dessen Erlöse komplett den Opferfamilien zugutekommen sollen, wie das Label Warner Music in Hamburg mitteilte.

Auf dem Song versammelt sich eine Riege von 18 deutschen Rappern, darunter Kool Savas, Manuellsen, Rola, Celo & Abdi, Credibil sowie Azzi Memo aus Hanau, der Initiator der Aktion ist.

Es gehe darum, den Menschen die Augen zu öffnen, auch jenen, die kein rechtes Gedankengut haben – zu zeigen, dass man mit Hass nicht weiterkomme. Alle Einnahmen des Songs sollen an die Amadeu-Antonio-Stiftung gehen, die sich für die Hinterbliebenen und Überlebenden des Anschlags von Hanau einsetzt.