BZ-Serie Liebe(s)leben

Kulturwissenschaftlerin über Pornos: "Wir Menschen haben jedes Medium benutzt, um Sex zu zeigen"

Tamara Keller

Der feministische Porno wird immer sichtbarer. Warum aber auch der Mainstreamporno nicht unterschätzt werden sollte, erklärt Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming im Interview.

BZ: Warum schauen wir eigentlich Pornos?

Oeming: Gute Frage. Die empirische Forschung zu Pornografiekonsum ist leider sehr dünn. Neben der Suche nach sexueller Erregung, tauchen in Umfragen aber auch immer wieder Neugierde und Langeweile auf. Grundsätzlich geht aus den wahnsinnig hohen Klickzahlen auf Pornoseiten hervor, dass der Konsum international weit verbreitet ist. Man kann es als ein menschliches Bedürfnis bezeichnen, Abbildungen von Sex anzugucken. Tatsächlich haben wir Menschen jedes Medium – Höhlenmalerei, Malerei, Fotografie, Film – benutzt, um Sex zu zeigen. Das mag purer Voyeurismus sein, aber hat auch viel mit Tabuisierung zu tun. Sex ist von vielen Regeln geprägt in unserer Gesellschaft. Und Porno ist ein Raum, in dem wir aus diesen Regeln ausbrechen können. Dort leben viele Menschen aus, was sie im echten Leben nicht ausleben können, oft auch gar nicht wollen.


Podcast: Wie ist es in einem Porno mitzuspielen?



BZ: Und was unterscheidet den Mainstreamporno vom feministischen Porno?
Oeming: Ich persönlich finde diese klare Abgrenzung vom "guten" feministischen Porno auf der einen Seite und dem "bösen" Mainstreamporno auf der anderen Seite problematisch, weil es eben suggeriert, dass im Mainstreamporno keinerlei Feminismus zu finden sei – das sehe ich definitiv anders. Auch schleicht sich in diese Unterhaltung oft die sexistische Annahme ein, dass Frauen grundsätzlich etwas anderes sehen und anders Sex haben wollen als Männer. Und auch, dass alle Frauen die gleichen Sehlüste hätten. Das ist natürlich quatsch. Das Label Feministischer Porno wird auch oft als "Porno für Frauen" missverstanden.
 
BZ: Was macht denn den feministischen Porno aus?

Oeming: Die Szene spricht oft von drei Komponenten, die wichtig sind.  Diversität, die Einvernehmlichkeit beim Sex (sogenannter Consent) und Sicherheit. Mit Diversität ist der Einbezug verschiedenster Körper, Hautfarben, sexueller Orientierungen, aber auch Praktiken gemeint. Darin zeigt sich auch die Kritik, die die feministische Pornobewegung an den Mainstreamporno richtet: Dass diese Diversität dort häufig fehlt. Dort seien nur normschöne Körper, vorwiegend heterosexuelle Praktiken und zum Beispiel nur wenige Transpersonen zu sehen. Alles aus einer männlichen Perspektive gedacht und gefilmt.

 "Der erfolgreichste Porno des Jahres war eine queere Coming-Out-Geschichte. Viel Dialog, viel Liebe zum Detail."

BZ: Ist die Kritik denn berechtigt?
Oeming: Zum Teil. Klar, hat sich die Bildsprache im Porno jahrzehntelang durch Männerhand und für Männeraugen geformt. Es ist absolut wichtig, Frauen und queere Menschen und deren Bedürfnisse in allen Schritten des Produktionsprozesses einzubeziehen. Aber auch der Mainstreamporno hat sich weiter entwickelt und ist sehr vielfältig. Zum Beispiel wurde der erfolgreichste Porno des Jahres, der quasi den Oscar der Pornos bekommen hat, von einer queeren Frau produziert und erzählt deren Coming-Out-Geschichte. Viel Dialog, viel Liebe zum Detail. Wie alles im Leben ist auch die Pornoindustrie nicht nur schwarz und weiß.
 
BZ: Aber wenn wir schon bei Körpern und Diversitäten sind –  hat die Mainstreampornoindustrie nicht auch ein Rassismusproblem? Schließlich verkauft sie bestimmte Körper als "exotisch"?
Oeming: Absolut. Schwarze Körper, ähnlich wie trans Personen, kommen im Porno oft nur als Fetisch vor und werden sehr stereotypisch dargestellt. Oft auch weniger gut bezahlt. Obwohl das ein legitimer Kritikpunkt ist, wird er von der Anti-Porno-Stimmen fast nie angesprochen. Das sollte einem zu denken geben, aus welcher politischen Ecke diese Stimmen kommen.

 BZ: Ist denn der feministische Porno ein neues Phänomen?
Oeming: Die feministische Pornobewegung begann bereits in den 70er-Jahren. Dort entfachte, was als die feministischen Pornokriege bezeichnet wird. Damals war durch Gesetzeslockerungen Pornografie plötzlich nicht mehr illegal und erlebte eine Blütezeit. Damit kam Widerstand – auch aus feministischen Kreisen – was zum Moment der Spaltung wurde: die anti-Porno-Feministinnen hielten Pornos für frauenverachtend und wollten Pornos wieder verbieten, die Anti-Zensur-Feministinnen wollten Pornos stattdessen besser machen und sich und ihre weibliche Lust darin sichtbarer machen. Der Krieg der zwei Fronten hält leider bis heute an.
 
BZ: Aber auch Männer können feministische Pornos drehen?
Oeming: Es ist ein grundlegendes Problem, dass Feminismus in unseren Köpfen immer noch nur mit Frauen verbunden ist. Das führ im Übrigen auch zu viel Transfeindlichkeit in der Bewegung. Aber auch Männer können Feministen sein und feministisch arbeiten. Also können feministische Pornos auch von Männern gemacht, und von Männern genossen, werden. Man sieht ganz oft in den Medien solche Formulierungen wie: Pornos für Frauen, Frauenporno, frauenfreundlicher Porno – das halte ich für absolut sexistisch. Es geht eher darum, dass bei der Gestaltung der Bilder, die uns umgeben, alle Geschlechter gleichermaßen beteiligt sind. Das gilt so für alle Medien: Fotografie, Malerei, Hollywood, Netflix, Pornos. Das ist Gleichberechtigung.

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BZ: Haben Pornos auch etwas mit Liebe zu tun?
Oeming: Haach, Liebe (seufzt) ein großes Wort, an dem mich vieles stört. Spontan würde ich sagen: Nein, haben sie nicht. Aber wenn man mit Liebe Partnerschaft und Intimität meint, dann kann das gemeinsame Pornoschauen dabei zum Beispiel helfen. Pornofantasien miteinander zu teilen kostet Vertrauen und schafft Nähe. Selbstliebe lässt sich über Masturbation und das Kennenlernen des eigenen Körpers natürlich auch üben. Und im Porno selbst kann es auch Momente von Zärtlichkeit und, meinetwegen, Liebe geben. Zum Teil drehen ja auch tatsächlich Paare miteinander und gerade im Amateurbereich kann man oft die Chemie zwischen Menschen beobachten.
Zur Person

Madita Oeming, 34 Jahre alt, ist Promovendin, Dozentin und Kulturwissenschaftlerin am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der Universität Paderborn. Derzeit schreibt sie an ihrer Dissertation über Pornosucht als Moralpanik in den USA. In Deutschland ist sie eine der wenigen, die im Bereich "Porn Studies" – einem in den USA geprägten Begriff – forscht und lehrt. Sie beschäftigt vor allem die kulturelle Rolle von Pornos, die Ängste dazu und wie Medien darüber sprechen.

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