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Krankenpfleger Léon Borgemeister: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Anna Castro Kösel

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Selbstständigen nach. Folge 14: Krankenpfleger Léon Borgemeister.

Léon Borgemeister, 23, ist Gesundheits - und Krankenpfleger und Pflegewissenschaftsstudent an der Uni Freiburg und arbeitet in Teilzeit in der Uniklinik auf der pneumologischen Station, wo er Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen behandelt. Seine Station wurde während Corona weitgehend abgeschottet. Was er während Corona in seinem Job erlebt und gelernt hat, erzählt er im fudder-Interview.

Léon, wie geht’s dir?

Mir geht´s eigentlich ganz gut, ich habe Urlaub.

Wie hast du die letzten Monate verbracht?

Die Pandemie ist, denke ich, für jeden ein einschneidendes Erlebnis gewesen. Ich hatte tatsächlich, als es mit den Lockdown Maßnahmen richtig los ging, Urlaub und das ist als Pflegekraft ein komisches Gefühl. In der WG und innerhalb der Familie musste ich natürlich auch soziale Kontakte einschränken, vor allem, weil meine Mutter eine chronische Lungenerkrankung hat. Ich habe mir auch einfach Sorgen gemacht. Nicht nur um meine direkten Mitmenschen, sondern um die ganze Bevölkerung.

Wie hast du als Pflegekraft das Klatschen wahrgenommen?

In meiner Nachbarschaft habe ich erstmal nicht viel davon gehört, aber einmal abends in Haslach, und das war schon ein schönes Gefühl um acht Uhr das Klatschen zu hören. Für mich war das zu dem Zeitpunkt ein Zeichen des Respekts für den Beruf und das hat mir auch gut getan.
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fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Übersicht: Alle Folgen von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?"

Hat sich das dann im Laufe der Pandemie für dich geändert?

Ich merke es bei meinen Kolleginnen und Kollegen, dass man einerseits diesen Respekt und die Anerkennung bekommen hat, auch in Reden, wie von Angela Merkel. Andererseits wurden die Arbeitsschutzrichtlinien so stark aufgeweicht. Auf einmal waren deutschlandweit 12-Stunden-Schichten möglich, Ruhezeiten sind verkürzt worden und das war dann schon ein Schlag ins Gesicht. Das wurde zwar nicht in allen Kliniken angewandt, aber eine Kollegin aus Hessen, die als Leiharbeiterin zu uns in die Uniklinik gekommen ist, hat berichtet, wie kräftezehrend 12-Stunden-Schichten auf Coronastationen sind. Zu wissen, dass aufgrund der Pandemie Pflegekräfte kaum Ruhezeiten haben und rundum die Uhr in ihrer Schutzausrüstung stecken, das ist sehr unschön.

Das gibt einem als Pflegekraft den Eindruck, dass auf der einen Seite auf dem Balkon geklatscht, auf der anderen Seite unsere Arbeitssicherheit dereguliert wird. Das sind sehr große Widersprüche. Nachdem jetzt auch die Lockerungen eingeleitet wurden, war es auch wiederum ein dicker Schlag ins Gesicht als Pflegekraft zu sehen, dass viele Leute in der Öffentlichkeit den Mundschutz nicht richtig oder gar nicht tragen. Krass finde ich auch, dass ich, als ich Menschen darauf aufmerksam gemacht habe, auch aggressiv angemacht wurde. Als ich dann erwähnt habe, dass ich als Pflegekraft arbeite, auch in der Hoffnung, auf mehr Verständnis zu stoßen, war das Erschreckende, dass die Leute dann zum Teil dann noch wütender wurden.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf deinen Beruf und deine Ausbildung?

Als die Pandemie los ging, war ich gerade mehr oder weniger frisch examiniert, als Gesundheits - und Krankenpfleger, also meine Ausbildung selbst hat es nicht betroffen. Bei den Azubis auf meiner Station dachte ich mir nur so, Gott sei Dank, bin ich nicht in deren Situation. Was meinen Berufsalltag angeht: Man kann jetzt nicht sagen, dass Krankenpflegerinnen - und pfleger automatisch durch die Pandemie viel mehr Stress hatten. Das war sehr davon abhängig, ob man in einem Hot-Spot in Deutschland gearbeitet hat.

Was ich mitbekommen habe, war, dass die Intensivpflegekräfte in der Uniklinik Arbeit ohne Ende hatten. Die chirurgischen Stationen wurden ganz schnell dicht gemacht und verkleinert. Es wurde gesagt: Hey, für jeden, für den das okay ist kann jetzt auf einer Corona-Station arbeiten. Auf meiner, die eine innere Station ist, da war das tatsächlich auch erstmal entspannter, weil dort auch geschaut wurde, was kann heruntergefahren werden, wie zum Bespiel die Besuchszeiten. Einige Angehörigen entlasten, bei anderen Angehörigen hat man aber auch oft das Gefühl einen zweiten Patienten zu haben. Das fiel dann erstmal weg.

Hast du in der Klinik eine andere Stimmung während der Pandemie gespürt?

Zumindest mir kam der Gedanke: Wie kommen wir da durch? Bei uns in der Klinik wurde ein Onlineportal erstellt, wo sich jeder melden konnte, der noch Arbeitszeit zur Verfügung hatte, im Notfall auch auf einer Corona-Station zu arbeiten. Bis Ende April war ja nicht absehbar, wann der Peak der Fallzahlen ist. Dadurch herrschte in der ganzen Klinik schon eine recht ausgeprägte Unsicherheit. Da fand ich die Informationspolitik der Uniklinik gar nicht schlecht, dass man fast täglich sehen konnte, wie viele infizierte Patienten es gibt und wie viele auf der Intensivstation sind.

Ich glaube aber, dass viele echt Angst hatten. Man hatte die Bilder aus Frankreich gesehen und es bestand ja die Gefahr, dass die Lockdown Maßnahmen nicht ausreichen. Wir in der Pflege können ja auch schlecht Home Office machen. Auch aufgrund der Ansteckungsgefahr, die im Krankenhaus durch den Kontakt mit vielen Kranken natürlich höher ist, hatten viele Angst. Ich arbeite auf der pneumologischen Station, das bedeutet, dort sind nur Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen also Hochrisikogruppe, die generell alle schon husten und manchmal auch Fieber haben. Diese mussten alle natürlich getestet werden. Was dann bei uns Pflegekräften auf Unverständnis gestoßen ist, dass als die Kapazitäten dann da waren, die Teams nicht alle regelmäßig durchgetestet wurden.
Krankenpfleger berichtet: "Wir könnten besser vorbereitet sein"

Hattet ihr in der Klinik zu irgendeiner Zeit Engpässe?

Auf den einzelnen Stationen wurde stark priorisiert. Meine Station wurde weitgehend abgeschottet, um die Patienten nicht zu gefährden, da aufgrund der chronischen Lungenerkrankung eine Corona-Infektion schnell hätte tödlich enden können. Daher waren wir recht gut versorgt. Einen Engpass denn ich mitbekommen habe, war ein, zwei Wochen für dem Lockdown, weil alle Menschen angefangen haben, wie verrückt einzukaufen und auf einmal die Lagerbestände bei uns niedrig waren. Was ich zur Zeit bemerke ist, dass die Qualität unserer Schutzmasken nachlässt. Nach einer Schicht habe
ich oft das Gefühl das mir meine Ohren schier abfallen. Wir versuchen, jetzt mehr wiederverwendbare Stoffmasken zu benutzen.

Was sich in ganz Deutschland gezeigt hat, ist das dadurch dass Krankenhäuser immer mehr zu Unternehmen umgebaut wurden, es weniger Lagerbestände gab, weil die "Just-in-Time"-Lieferungen ausgeblieben sind. Daher gab es in Deutschland ein massives Problem. Ich hätte es von der deutschen Regierung richtig gefunden, das medizinische Material, das auf dem privaten Markt kursiert ist, für das Gesundheitspersonal zu konfiszieren und dem Rest der Bevölkerung nahezulegen, erstmal auf Stoffmasken zurückzugreifen. Daher finde ich, dass Krankenhäuser nicht wie Unternehmen geführt werden können und Kosten für Lager in Kauf genommen werden müssen, um für Notfälle wie jetzt, besser vorbereitet zu sein.

Was hast du über dich und deinen Beruf während der Pandemie gelernt?

Die wertschätzende Grundstimmung, dass der Pflegeberuf wichtig und systemrelevant ist, war sehr wertvoll. Andererseits hat es mich sehr enttäuscht, dass die ganzen deregulierenden Maßnahmen für das Gesundheitspersonal zum Einsatz gekommen sind. Auch, dass die sogenannte "Corona-Prämie" für Pflegekräfte nur für Personal in Altenheimen vergeben wurde, war für uns als Krankenhaus-Pflegepersonal enttäuschend, weil wir ja auch an vorderster Front waren und da kommt jetzt nichts bei rum, obwohl es von Politikern großmundig versprochen wurde. Man fühlt sich belogen. Das ist auch oft das Gefühl, was in Gesprächen mit Kollegen zur Sprache kommt.

Wie geht es weiter und was glaubst du, was sich in deinem Beruf geändert hat?

Ich glaube, dass viele Menschen in der Pflege jetzt noch resignierter sind als davor. Daher ist auch nicht der Wille da, sich zu organisieren und gegen Missstände vorzugehen. Zum Ende meiner Ausbildung war es so, dass fast die Hälfte der Azubis gesagt hat, ich mache das nicht weiter, weil ich in dem Beruf keine Zukunft für mich sehe. Während der Pandemie aber, haben sich einige, die eigentlich aus der Pflege ausgestiegen waren, sich freiwillig gemeldet haben und gesagt haben: "Hey, wenn die Gesellschaft uns als Pflegekräfte braucht, sind wir da". Ich finde es merkwürdig, dass der Staat auf der einen Seite neun Milliarden Euro an die Lufthansa geben, aber nicht den fehlenden Corona-Zuschlag für Pflegekräfte zahlen kann. Da hat es die Politik meiner Meinung nach verpasst, die, die in die Pflege zurückgekommen sind, zu motivieren und dauerhaft einzubinden. Die Leute kriegt man jetzt glaube ich wirklich nicht mehr.

Dafür müssten dieArbeitsbedingungen drastisch verbessert werden. Aktuell arbeiten Pflegekräfte durchschnittlich nur fünf Jahre in ihrem Beruf. Ich war vor der Pandemie bereits gewerkschaftlich aktiv, und jetzt ist es für mich noch wichtiger, weiterzumachen. Ich würde mir wünschen, dass die Energie für das Rumjammern in meinem Berufsstand darauf verwendet werden würde, was zu verändern, auch wenn die Situation blöd ist und wir uns oft von unseren Arbeitgebern im Stich gelassen fühlen.

Was hättest du dir von der Politik während der Pandemie gewünscht?

Zumindest, dass das, was man verspricht, auch einhält. Und als konkrete Maßnahme, den Corona-Zuschlag für alle Pflegekräfte. Innerhalb der Berufsgruppe kam die Forderung "Einstiegsgehalt für 4000 Euro", was ein heftiges Lohnplus wäre. Ich erwarte auch nicht, dass das von heute auf morgen umgesetzt wird, aber es wäre gerechtfertigt für diesen auf allen Ebenen sehr anstrengenden Beruf. Durch die Personalmangel muss man in seiner Arbeit auch Abstriche machen. Das ist in einem Beruf, wo es nicht nur darum geht Geld zu verdienen, sondern Menschen gesundheitlich zu versorgen, psychisch enorm anstrengend. Und auf Dauer macht es fertig, so zu arbeiten. Aber da es aktuell so ist, dass für Profit gearbeitet wird, gibt es auch weniger Personal. Da muss meiner Meinung zurückgegangen werden, wie es vor ein paar Jahrzehnten war. Es muss klar gesagt werden, dass sich ein Krankenhaus nicht rentieren, sondern kranke Menschen versorgen muss.

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