Erfahrungsbericht Teil 2

Krankenpfleger berichtet: "Wir könnten besser vorbereitet sein"

Gina Kutkat

Im Raum Freiburg haben sich bisher 1009 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Sind Kliniken und Stationen darauf gut vorbereitet? Ein Krankenpfleger kritisiert, dass erst jetzt der Fachkräftemangel Thema ist.

Unsere Quelle arbeitet als Krankenpfleger in einer Klinik in Freiburg. Zum Schutz des Arbeitsverhältnisses und der Privatsphäre nennen wir weder seinen Namen noch den des Krankenhauses. Der Krankenpfleger erzählt in seinen eigenen Worten, das Protokoll erstellte Redakteurin Gina Kutkat.

Die Vorbereitung auf der Station und in der Klinik

"Wir haben bei uns viele Stationen verändert, ich habe dabei unterstützt: Habe Schutzkleidung, Schutzmasken, Infusionsgeräte und Messgeräte eingesammelt und die Stationen damit ausgerüstet. Insgesamt sind sehr viele Mitarbeiter involviert bis eine Station komplett neu befahren werden kann.

Wie gut alle anderen Krankenhäuser vorbereitet sind, kann ich nur schwer beurteilen. Ich lese viel – vor allem seriöse Nachrichtenportale – und stehe auch in Kontakt mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, die inzwischen woanders arbeiten. Ich bin der Meinung, dass wir fast überall die gleichen Probleme haben. Corona hin- oder her.
Unsere Quelle arbeitet seit vielen Jahren an einer Freiburger Klinik und hat Normalstation- als auch Intensiverfahrung. Seit ein paar Jahren arbeitet die Person in leitender Pflegefunktion.

Zur neuen Wertschätzung des Pflegeberufes von außen

Ich finde es bedenklich, dass es erst ein todbringendes Virus braucht, damit die Pflege endlich einmal in den Fokus gerät. Dass die Menschen unseren Beruf jetzt in dieser besonderen Situation wertschätzen ist nett – Stichwort Balkonkonzerte.

An unserer Situation hat sich allerdings nichts geändert. Es gibt einfach nicht genug Pflegekräfte. Bis ins Jahr 2030 rechnet das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung mit einem Mehrbedarf von 1,3 Millionen Fachkräften im Gesundheits- und Sozialwesen. Bis vor Kurzem wurden freie Stellen mit Leiharbeitskräften kompensiert, die teilweise fast das Doppelte verdienten als das Stammpersonal.
Am Donnerstag erscheint auf fudder der dritte Teil des Protokolls: Wie sieht es mit Selbstschutz und der mentalen Gesundheit aus?

Aktuell können wir sehr dankbar sein, dass wir zugewanderte Pflegekräfte aus dem Ausland gewinnen konnten: Schönen Gruß an die AfD. Allerdings bedeutet das auch eine Doppelbelastung für alle, da nun zu der ohnehin schon sehr herausfordernden Tätigkeit jetzt noch eine aufwändige Integration neuer Fachkräfte hinzukommt.

Wie gut sind Deutschland und Freiburg vorbereitet?

Die Pflege in Deutschland könnte grundsätzlich viel besser vorbereitet sein, als sie sich aktuell präsentiert. Laut der RN4cast-Studie aus dem Jahr 2012 liegt das Verhältnis von examinierten Pflegekräften zu Patienten bei 1 zu 13. In meiner Klinik liegen wir auf der normalen chirurgischen Station bei einem Verhältnis von 1 zu 12. In dieser Studie wurden 13 Länder diesbezüglich untersucht und andere Länder haben deutlich mehr Pflegekräfte pro Patient als Deutschland. Der Durchschnitt lag bei den teilnehmenden Ländern bei 8,77 Patienten pro Pflegekraft.

"Dass die Menschen unseren Beruf jetzt in dieser besonderen Situation wertschätzen ist nett – Stichwort Balkonkonzerte."

Medien und Politik weisen immer wieder stolz darauf hin, wie viele Beatmungsplätze wir in Deutschland haben. Worüber man nicht spricht, ist der Fachkräftemangel, den es nicht erst seit der Coronakrise gibt. Was nützt es uns also, wenn wir unsere Beatmungskapazität verdoppeln wie geplant? Vergleich: Was bringt es uns, 50.000 Züge zu besitzen, wenn wir aber nur 25.000 Lokführer haben? Die übrigen 25.000 Züge müssen nun von Schaffnern, die hierfür eine vierstündige Schulung erhalten, gesteuert werden.

Ich möchte die Politik nicht an den Pranger stellen. Diese außerordentliche Situation meistern unsere Politiker mit den vorhandenen Gegebenheiten sehr gut. Allerdings könnten wir besser dastehen und diese Coronakrise, so schlimm diese auch ist, darf gerne dazu beitragen, dass systemrelevante Berufe wie Polizei, Müllabfuhr, Pflege, Kassierer, Postboten und so weiter endlich besser entlohnt werden.

Es gibt genügend Berufsgruppen, die nicht ihrer Arbeitsbelastung und Qualifikation entsprechend bezahlt werden. Auch wir gehören dazu. Bessere Arbeitsbedingungen und höhere entgeltliche Wertschätzung seitens der Politik für systemrelevante Berufe, das wünsche ich mir."

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