Kleinststadtgeheimtipps (11): Denzlingen

Anita Reiter

"Das ist ja gar nicht so klein, wie ich dachte", hört man von Leuten, die sich Denzlingen (aka Denztown) mal näher angeschaut haben. Hier kommt das, was man über die Storchturmgemeinde wissen sollte: Die Rivalität zwischen Unter- und Oberdorf, das Pokalspiel gegen den HSV, Weizenparty im Juze, Erster-Mai-Hock am Hallerhof und vieles mehr.



Gibt’s seit: Denzlingen wurde erstmals schriftlich im Jahre 984 als Denzilinga in einer Urkunde erwähnt. Diese Urkunde wird heute noch im Benediktinerkloster Einsiedeln aufbewahrt. Der Namensgeber des Dorfes ließ sich aber schon im 5. Jahrhundert im heutigen Denzlingen nieder.

Entstehung des Ortsnamens: Namensgeber ist der alemannische Stammesfürst Denzilo. Im Mittelalter erstreckte sich Denzlingen entlang der Glotter, was zwischenzeitlich den Ortsnamen Langendenzlingen mit sich brachte.

Einwohner: Am 30. Juni 2008 lebten 13.536 Einwohner in Denzlingen. Tendenz steigend. Die Denzlinger bilden sich einiges auf diese Zahl ein. Mit Waldkirch und Emmendingen kann man zwar nicht mithalten, aber alle anderen umliegenden Dörfer werden problemlos übertroffen. Ein Denzlinger verweist immer dann auf die Einwohnerzahl, wenn ihm mal wieder ein Kommentar à la „euer Dorf da“ begegnet. Nicht ohne den Zusatz, Denzlingen könne theoretisch auch den Status einer Stadt haben.



Pflichttermine: Während die Nachbargemeinden mit Wein- und Stadtfesten glänzen, die in der ganzen Umgebung bekannt sind, sieht es in dieser Hinsicht in Denzlingen eher mau aus. Bei Hocks ist Denzlingen aber auch ganz groß mit dabei: Der Erste-Mai-Hock am Hallerhof ist hier genauso zu nennen wie der Rathaushock der Musikvereine.

Der Weihnachtsmarkt an einem Wochenende Mitte Dezember ist sicherlich auch einen Besuch wert. Genauso wie der jährliche Rosenmontagsumzug. Das relativ neue Kultur- und Bürgerhaus macht möglich, dass auch schon mal Prominente wie Ingo Appelt und Fools Garden nach Denzlingen kommen.

Das hört der Bürgermeister: Dr. Lothar Fischer, seit 1996 im Amt, hört am liebsten Pop- und Rock-Oldies von Santana, den Beatles und anderen. Auch klassische Musik darf es zwischendurch mal sein, vor allem von Tschaikowsky.



Städtepartnerschaften: Saint-Cyr-sur-Mer (Frankreich), North Hykeham (England), Città della Pieve (Italien). Diese Städte werden mit drei Kreisverkehren in Denzlingen geehrt. Außerdem ist Denzlingen Teil des Gemeindeverwaltungsverbandes Denzlingen-Vörstetten-Reute.

Das sagt die Jugend: Selina (14) findet gut, dass Denzlingen endlich das Kultur- und Bürgerhaus bekommen hat, wo Veranstaltungen stattfinden können. Außerdem mag sie den Jugendtreff und die Skater-Möglichkeiten. Selina bezeichnet ihren Heimatort allerdings als „zu zugebaut“. Jürgen (19) findet vor allem toll, dass es in Denzlingen eigentlich alle Einrichtungen gibt, die man so braucht: Schulen, Schwimmbad und Sporthallen. Bessere Einkaufsmöglichkeiten und ein McDonalds fehlen Denzlingen seiner Meinung nach aber zur Perfektion.



Kulinarische Besonderheiten: Das Gasthaus Hirschen bietet ein „Jägerpfännle“ als einheimisches Gericht an. Es besteht vor allem aus Reh-, Hirsch-, und Wildschweinfleisch, wobei das Wild, das dafür geschossen wurde, aus den Wäldern der Umgebung kommt.

Spitznamen: Bei den Unter-25-Jährigen ist Denzlingen als „Denztown“ bekannt. Ein beliebtes Synonym ist auch „die Storchenturmgemeinde“. Dies geht auf die Tatsache zurück, dass auf dem Turm der ehemaligen Michaelskirche seit 25 Jahren Störche hausen.



Kicker: Der FC Denzlingen spielt mit seiner ersten Mannschaft in der Verbandsliga Südbaden und ist dort im Moment stolzer Tabellenführer. Beim FCD gibt es Spielmöglichkeiten für alle Altersklassen – von der F-Jugend bis zu den Altherren. Die Vereinsfarben sind weiß-blau, was schon mal den Schlachtruf „Allez les bleus“ im Einbollenstadion hervorruft.

Seine stärkste Zeit hatte der FC Denzlingen Ende der 1990er Jahre. Damals gelang der Aufstieg in die Oberliga Baden-Württemberg und der Gewinn des Südbadischen Vereinspokals. Letzteres ermöglichte, dass der FC Denzlingen 1998 in der ersten Runde des DFB-Pokals mitspielte. Gegen den Hamburger SV gab es nach gutem Kampf zwar eine 0:3 Schlappe, aber zumindest war Denzlingen ein paar Minuten lang Thema in der ARD-Sportschau.



Fasnet: Es gibt gleich zwei örtliche Zünfte. Die Steinbruchhexen und die Welschkorngeister. Am „schmutzige Dunschdig“ werden die Schüler der beiden Grundschulen, der Hauptschule, der Realschule und des Gymnasiums von den Welschkorngeistern und Steinbruchhexen befreit und in die Fasnachtsferien entlassen.

Dann ziehen die Narren zum Rathaus weiter, wo sie den Bürgermeister absetzen und selbst die Regentschaft in Denzlingen übernehmen. Wenn auch nur bis zum sechs Tage entfernten Aschermittwoch. Jedes Jahr gibt es den großen Rosenmontagsumzug mit anschließender Feier. Sehr großer Beliebtheit erfreute sich der alle zwei Jahre stattfindende „Fasnetabend der Vereine“; eine zentrale Fastnachtsfeier mit lustigen Vorträgen und Büttenreden. Dieser wurde 2008 leider abgesetzt.

Panorama: Hinter dem Neubaugebiet gibt es einen großen Rebberg mit einem weißen Häusle drauf. Wenn man sich dort auf die Bank, die davor steht, setzt, sieht man fast ganz Denzlingen aus luftiger Höhe. Vor allem bei Sonnenschein ist dies ein schöner Anblick, der zum Träumen und Nachdenken einlädt. Wenn man den Kopf nach links dreht, hat man einen guten Blick auf das benachbarte Heuweiler und die Öffnung des Glottertals.

Relaxtipps: Wenn es warm und sonnig ist, ist Denzlingen reich an Orten, wo grenzenloses Relaxen möglich ist. Man kann zum Beispiel mit einer Decke in den Stadtpark gehen und sich dort auf eine der großen Rasenflächen legen. Wer unter relaxen eher exzessives Sportreiben versteht, kann ins Denzlinger Sportbad gehen, das wegen seines zehn Meter hohen Sprungturms in der ganzen Umgebung bekannt ist. Allerdings wird das Sportbad gerade saniert, was noch bis 2010 andauern wird.

Außerdem gibt es mehrere Tennisplätze und die Gelegenheit, Boule oder Minigolf zu spielen. Wanderfreunde müssen in der Umgebung von Denzlingen nichts missen: Zahlreiche gut beschilderte Wanderwege führen über Berg und Tal und auch die Nordic-Walking-Fraktion ist in Denzlingen stark vertreten.



Gastrotipps: Von den zahlreichen Restaurants ist das Gasthaus Hirschen zu empfehlen. Wenn der Teller leer ist, gibt’s dort nämlich gern noch eine zweite Portion (die man aber sowieso nicht mehr essen kann). Ansonsten gibt's noch den "Humpen" (Waldkircherstr. 13). „Ich geh dann mal in Humpen Fußball schauen“ ist ein gern geäußerter Satz.

Der besondere Verein: Das Denzlinger Vereinsregister führt stolze 89 eingetragene Vereine. Die bekanntesten sind sicherlich die Sportvereine wie der FC Denzlingen oder der Tennisverein. Hinzu kommen verschiedene Fördervereine, politische und kirchliche Gruppierungen und Musikvereine. Ein paar Vereine gehören eher in die Gruppe der skurrilen Zusammenschlüsse: So gibt es die Öko-Biker Denzlingen, den Freizeitverein Doppelpunkt und den Filmclub Breisgau.



Tanzschuppen: Schon immer hatten die Denzlinger das Privileg, nicht erst mit 16, sondern schon einige Jahre früher die ersten Disko-Erfahrungen zu machen: Sowohl die katholische als auch die evangelische Gemeinde organisierten Teenie-Feten; natürlich ohne jeden Alkoholausschank. Ob das Ganze jedoch der Erziehung von Teenagern zuträglich ist, sei mal dahin gestellt.

Heute gibt es solche Veranstaltungen im Jugendtreff. Für Ältere finden Tanzabende und Partys in unregelmäßigen Abständen zum Beispiel im Kultur- und Bürgerhaus statt. Auch die Schulen organisieren immer wieder Feten in der Aula des Bildungszentrums. Außerdem gibt es das Jugendzentrum (Juze, Mühlengasse 7), wo auch schon mal Bands aus der Umgebung auftreten. Das Juze ist allerdings eher was für Leute, die es tendenziell rockig mögen. Nächste Fete: Freitag, 19. Dezember, Weizenparty!

Hier trifft sich die Jugend: Auch in Denzlingen sind vor allem Bushaltestellen, Spielplätze und der örtliche Bahnhof Orte, wo man Jugendliche rauchen, rumgrölen und vor sich hin spucken sieht. Ortsbekannt ist „der Bunker“ vor der Sporthalle: Drei kleine, komisch geformte, überdachte, und an einer Seite offene Bauten, in denen ebenfalls geraucht, gegrölt und vor sich hin gespuckt wird.

Das Gerücht: Es soll mal ein Geist, der Welschkorngeist, in den Maisfeldern um Denzlingen herum sein Unwesen getrieben haben. Dort hat er junge Liebespaare erschreckt. Doch vorzugsweise soll er Gutes getan haben: Geizigen Bauern hat er Lebensmittel weggenommen, um sie armen Menschen zu geben und verirrten Kindern hat er den richtigen Weg gezeigt. Wenn man heute mit mehr als einem Promille mit dem Fahrrad von einem der umliegenden Weinfeste über die Felder zurück nach Denzlingen fährt, kann man ihn ja vielleicht immer noch sehen. Nach diesem Geist sind die Denzlinger Fastnachtsnarren, die Welschkorngeister, benannt.

Das lahme Projekt: Die Bürgerinitiative Pro Storch, die die Interessen des Unterdorfes in Rathaus und Gemeinderat nicht ausreichend repräsentiert sieht und schon mal Parolen wie „Wir sind das Volk!“ ausgibt, nennt die Fertigstellung der Hauptstraße im Unterdorf „eine Geschichte ohne Ende“. Zwar gab es im Juni 2007 schon eine feierliche Eröffnung, jedoch fehlten immer noch Straßenbeleuchtungen und Teerbeläge, kritisiert „Pro Storch“. Außerdem warte man noch auf die Entfernung der restlichen Dachleitungen.

Häufige Nachnamen: Am größten ist die Wahrscheinlichkeit, dass man in Denzlingen auf jemanden mit den Nachnamen Nübling oder Schlegel trifft.

Ortsrivalität: Die Ortsrivalität spielt sich in Denzlingen eher innerhalb des Ortes ab. Dort heißt es Unterdorf gegen Oberdorf. Wo genau die Grenze zwischen diesen beiden Ortsteilen liegt, ist umstritten. Die Bahnlinie wird hier oft genannt. Altstadt und Gewerbegebiet bilden das Unterdorf. Das Oberdorf umfasst den jüngeren Teil Denzlingens mit den Neubaugebieten Heidach Eins, Zwei und Drei. Da das Unterdorf tiefer liegt als das Oberdorf, gibt es im Oberdorf die Gewissheit, dass bei einer Überschwemmung das Unterdorf zuerst absäuft (wie in der Vergangenheit schon geschehen).

Berühmte Denzlinger: Vor allem für Radsportler scheint Denzlingen ein Magnet zu sein. Hanka Kupfernagel, Weltmeisterin im Cyclocross und Zeitfahren, wohnt ebenso in der Storchenturm-Gemeinde wie Christian Meyer, der bei den Olympischen Spielen 1992 Gold im Mannschaftszeitfahren gewann.

Mehr dazu:

fudder.de: Serie Kleinststadtgeheimtipps

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