Kickern, Knutschen, Party machen: Ein Besuch bei der Landjugend Tiengen

Christine Duttlinger

Wächst man auf dem Land auf, kann man als Jugendlicher nicht einfach spontan abends ins Kino oder in die Disko gehen. In Freiburg-Tiengen wird es trotzdem nicht langweilig: Die örtliche Landjugend, liebevoll LaJu genannt, veranstaltet Partys, dreht Filme und geht Kart fahren. Und oft hängt man auch einfach nur entspannt zusammen rum. Ein Besuch im LaJu-Raum des Tuniberghauses:



„Seid ihr ein Paar?“ Verlegen blicken Jonas und Anna-Lena sich an. Die beiden sitzen ziemlich eng beieinander auf einem der alten Sofas im LaJu-Raum der Landjugend Tiengen. Keiner der beiden will antworten; der Beziehungsstatus ist anscheinend noch nicht hundertprozentig geklärt. „Es geht schon ein paar Tage hin und her", sagt Dominik, der sich neben den beiden auf dem Sofa lümmelt.

„Was, ihr seid zusammen?“ ruft LaJu-Vorstand Frank Schlatter (Bild rechts) in voller Lautstärke quer durch den Raum. Schlatter steht hinter der Bar, begrüßt jeden der reinkommt und verteilt Bier und Cola. Jetzt grinst er, und obwohl mehr als ein Dutzend Jugendlicher in dem kleinen Raum sind, ist es plötzlich ruhig. Alle warten auf die Reaktion von Anna-Lena und Jonas. Der soziale Druck ist nun groß.

"Ja, also, irgendwie", murmelt Jonas. "Hm, ja schon, hm, also, hm", sagt Anna-Lena. Lautes Kichern und "Woohooo"-Rufe. Ein Junge klopft Jonas anerkennend auf die Schulter. Dann wäre das auch geklärt. Und überhaupt ist es in der Landjugend Tiengen schon öfter vorgekommen, dass zwei Teilnehmer sich ineinander verliebt haben. Auch Frank Schlatter hat hier seine heutige Ehefrau kennengelernt.

Früher war die Landjugend ein Treffpunkt für Jugendliche vom Land, für  Kinder von Landwirten und Winzern. Heute ist es egal, ob man wirklich ein Bauerskind ist, aus einem Neubaugebiet kommt oder eigentlich in der Freiburger Innenstadt wohnt.

„Wir sind ein Jugendtreff und gestalten unsere Freizeit zusammen", sagt Frank über die Landjugend Tiengen. Kart fahren, Bowling, Sandwiches und Waffeln selber machen, DVDs gucken, Volleyball oder Fußball spielen: Das Programm wird von den Mitgliedern selbst bestimmt. Alle zwei Wochen treffen sie sich außerdem im Gruppenraum im Tuniberghaus. Doch ein bisschen mehr als Spaß soll es dann doch sein: „Wir wollen auch was zum Dorfgeschehen beitragen", sagt Frank. So wird gemeinsam auch mal Altpapier gesammelt oder ein Kurzfilm über Tiengen gedreht.

Was das Schöne an der Landjugend ist? Der 25-jährige Martin erzählt: „Hier kann man Freunde treffen. Und die Ausflüge, die wir durchführen, machen großen Spaß.“ Eintreten darf man im Alter von 16; die Ältesten sind 28 Jahre alt. Im Moment hat die Tiengener Landjugend 19 aktive und 57 passive Mitglieder. „Bei unserer nächsten Mitgliederversammlung im März werden aber noch drei bis vier hinzukommen", sagt Frank. Es ist nicht so leicht, für Nachwuchs zu sorgen, aber die Tiengener LaJu ist engagiert. Sie haben cool designte Flyer und natürlich auch eine Facebookseite.

„Vor ein paar Jahren haben wir sehr viel für die Werbung getan, weil wir gemerkt haben, dass nichts Neues nach kommt", sagt Frank. "Jetzt haben wir Glück, dass sich hier eine Clique gefunden hat, die jetzt auch mit ihren Freunden hierher kommt. Wir freuen uns über jedes neue Gesicht.“ Frank glaubt auch, dass der Name Landjugend abschreckt, weil er zu altmodisch klingt. Die Abkürzung LaJu gefällt ihm schon besser.



Im Tuniberghaus hat die LaJu Zugang zu einem Billiardtisch und zu einem Kicker - beide Sportarten sind dementsprechend beliebt. Jonas schließt sein iPhone an, laut ertönt "Infinity". Am Tischkicker: David gegen Frank und Paul. Es steht 4:4. Der Ball saust so schnell von der einer zur anderen Seite, dass man mit den Augen kaum folgen kann. Blop! Der Ball ist im Tor. Ein weiterer Punkt für Frank und Paul.

Es ist ein heißes Match, präzise und schnell. David erzählt: „Frank und ich sind zusammen zur Schule gegangen. Von der 7. bis zur 10. Klasse haben wir viel gekickert.“ Fünf Spielzüge später führen Frank und Paul. Sie brauchen nur noch ein Punkt, um zu gewinnen. Wummm! Glassplitter auf dem Boden. Davids Bier ist runtergeflogen - noch vor dem entscheidenden Spielzug. Im hinteren Teil des Raums sitzen ein paar Mädels und spielen Tabu. "Wer hatte bei 'Kokowääh' die Hauptrolle?", fragt Nadine ihre Teamkolleginnenn. „Til Schweiger!“, ruft Lena.

Die Landjugend Tiengen gehört zum Bund der badischen Landjugend (BBL). Hier will man nicht nur in Sachen wie Lebensgestaltung vor Ort mitmachen, sondern auch bei bildungspolitischen Themen mitmischen. So organisiert der BBL Fortbildungen und Treffen mit anderen Landjugenden. Lena erklärt: „Ich habe den Freizeitleiterschein gemacht und die Jugendleiterkarte. Jetzt habe ich neben meinem Referendariat auch das Zertifikat für Jugendarbeit gemacht."

Finanziert wird die Landjugend Tiengen durch Mitgliedsbeiträge und Zuschüsse des BBL; bei Anschaffungen gibt’s auch mal ein bisschen Geld vom Ortschaftsrat. Für Finanzspritzen organisieren die Jugendlichen auch schon mal eine Schaumparty. Alle zwei Jahre wird auf dem Wein- und Dorffest eine Bar gemanagt.

Auf einmal ertönt ein lautes Kichern aus der Mädchenecke. Jonas hat Anna-Lena ein Herz aus Draht gebastelt. Aber nicht aus irgendeinem Draht, sondern aus Rähbdraht. Jonas betont auch das Ä. Auf Hochdeutsch heißt es eigentlich Rebdraht, und gemeint ist der Draht, mit dem man Weinrebenstöcke festbindet.

Lena verdreht die Augen: „ Oh, nein. Keinen Dialekt reden, sonst kommt doch keiner!“ Jonas hört allerdings gar nicht mehr hin: Er und Anna-Lena küssen sich. Scheint, als wären sie wirklich ein Paar.



Landjugend Tiengen

Die Landjugend Tiengen freut sich über Mitmacherinnen und Mitmacher ab 16 Jahren. Sie trifft sich jeden zweiten Dienstag um 19:30 Uhr im Landjugendraum im Tuniberghaus (Im Maierbrühl 2, 79112 Freiburg-Tiengen). Wer Lust hat, kann sich gerne bei Vorstandsvorsitzenden Frank Schlatter melden: Frank_Schlatter@gmx.de

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