Kastanienfudder: Freiburgs beste Kastanienkunst

Martin Jost

Vor ein paar Wochen haben wir euch aufgefordert, uns Fotos eurer besten Kastanienbasteleien zu schicken. Heute stellen wir euch alle Einsendungen vor. Die fünf besten erhalten eine kunstkritische Einordnung:

Kategorie Skulptur: „Kastanienpunkerin mit Kind und Kinderwagen“


Elisa Frizzi



Ein künstlerischer Reflex auf Berlin-Prenzlauer Berg: Eine unangepasste junge Frau und Mutter schiebt fröhlich ihr Baby in einem tiefergelegten Vintage-Kinderwagen durch die Stadt. Ein Thema für Freiburg, denn die fortschreitende Berlinifizierung von Südbadens Hauptstadt erfüllt die einen mit Vorfreude, die anderen mit Abscheu. Die Skulptur von Elisa Frizzi besticht durch Komplexität, Gründlichkeit in der Ausführung, und Ausstrahlung. (Weitere Ansichten in der Fotogalerie unten.)

Sonderpreis Instagram: „Max und Klärchen“


J. Dilara Arslan (Idee),
Sonia Starosta & Ali Arslan (Ausführung)



Die fünfjährige Künstlerin macht es wie Jeff Koons: Sie desgignt und lässt ihre Skulpturen ausführen. Das Produkt sind aber keineswegs Objekte, denen durch die Distanz zwischen Künstlerin und Werk die Seele fehlte. Ganz im Gegenteil: Ein echter Arslan zeigt Tiere, die gleichzeitig verfremdet und vertraut wirken.

„Max und Klärchen“ schauen verschmitzt, neugierig und erwartungsfroh. Im Wesentlichen ähneln sie einander, sind aber durch Accessoires ganz individuell. Obwohl nur Skulpturen, scheinen sie auf uns zuhüpfen und mit uns spielen zu wollen. – Der 'Sonderpreis Instagram' wird vergeben an Werke, die auch ohne Instagram-Filter gut aussehen könnten.

Kategorie Found Art: „Ist das Kunst oder kann das weg“



Sarah




Im Umgang mit Kunst müssen wir uns auch immer mit der Frage beschäftigen: Was ist Kunst? Woher kommt Kunst? Ab wie viel menschlichem Eingriff wird aus Natur Kunst? Alle Kunst besteht aus Kastanien, aber das trifft auch auf einen Haufen Kastanien zu, die auf der Straße liegen. Mutter Natur könnte sie arrangiert haben, aber hat Mutter Natur dann Kunst gemacht?

Das vorliegende Werk ist natürlich ein beabsichtigtes Arrangement der Künstlerin Sarah, das nur so aussieht, als hätte es auch einfach auf der Straße liegen können. Es zwingt uns, unseren Naturbegriff, unsere Definition von Kunst und auch die Beziehung zu den kleinsten Teilen, aus denen unsere künstliche Welt besteht, zu hinterfragen.

Kategorie Fett: „Juggle Daggel“


A|S|S & Friends



Ein Künstlerkollektiv brilliert in der Streber-Kategorie mit den größten Kunstwerken. Ein halber Wald aus Kastanien ist für diese nahezu lebensgroße, anatomisch korrekte Skulptur eines Hundes abgesammelt worden, der wie ein echtes Tier in der Sonne liegt und scheinbar gleich mit dem Schwanz wedeln könnte.

Der „Wackel-Dackel“ zeigt uns, was Kunst im großen Stil und mit entsprechendem Budget für Zeichen setzen kann: Mal eben den Reichstag verhüllen oder einen täuschend echten Hund aus Kastanien nachbilden. Doch hat große Kunst auch immer große Aussagen, oder ist sie nicht mehr ein Trotz-Reflex? Weil wir es können! Immerhin: Ein Statement gegen überbordenden Cat Content lässt sich herauslesen.

Kategorie Pop-Art: „Älteres Kastanienild“


Anonym




Das „ältere Kastanienbild“ (so die Betreffzeile der Einsendung und vermutlich auch der Titel) sagt schon im Namen, dass es uns eine andere Zeit zeigt: Der starke Weichzeichner-Effekt (Laien würden es für ein unscharfes Foto halten) lässt die rehäugige moderne Mona Lisa mit den langen Wimpern, dem großen Mund und der Stupsnase unnahbar erscheinen.

In einer bonbonbunten US-Fernsehserie aus den Sechzigern wäre diese Point-of-View-Perspektive das Letzte, was man vom Gaststar der Woche sieht, bevor der Held sie küsst: Ihre Haare und ihr Make-up sind bereits überirdisch, aber der Weichzeichner-Effekt zeigt die Verliebtheit und Überhöhung in den Augen des Helden. Mit „Älteres Kastanienbild“ denken wir darüber nach, ob die Demokratisierung und Ent-Bullshittung des Fernsehens in den letzten Jahren uns nicht einiges an Fluchtmöglichkeiten und Schönheit gekostet hat.

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