Vereinsarbeit

Jungen Menschen in Brasilien eine Zukunft schenken

Lucia Bramert

Die Freiburger Leonie und Marcio Cardoso Feldmann haben sich einen Traum erfüllt. Das deutsch-brasilianische Paar hat einen eigenen Verein gegründet, um mit Spenden Kindern und Jugendlichen in Brasilien eine Zukunft zu schenken. Am Samstag findet ihr Sommerfest statt.

"Seit ich meine Heimat verlassen habe, hatte ich den Wunsch, die Menschen von dort zu unterstützen", sagt Marcio Cardoso Feldmann. Der 41-Jährige ist in Recanto do Sol, einem Vorort der brasilianischen Stadt Anápolis, in der Mitte des Landes aufgewachsen. Seine Frau Leonie Cardoso Feldmann ergänzt: "Viele Menschen dort leben in prekären Verhältnissen. Zwei Straßen am Dorfrand sind besonders betroffen, wo einige Menschen vom Straßenhandel und vom Recyclen von Müll leben." Marcio ist seit zehn Jahren in Deutschland, aber seine ganze Familie lebt noch dort.

"Viele Menschen dort leben in prekären Verhältnissen. Zwei Straßen am Dorfrand sind besonders betroffen, wo einige Menschen vom Straßenhandel und vom Recyclen von Müll leben."Marcio Cardoso Feldmann
Leonie und Marcio haben sich bei einem Aushilfsjob in der Freiburger Markthalle kennengelernt. Heute leben die beiden gemeinsam mit Tochter Luana in einer kleinen Wohnung in Freiburg Littenweiler. Leonie arbeitet als Sozialarbeiterin, Marcio als KFZ-Mechatroniker. Als Anfang 2020 die Corona-Pandemie ausbricht, entscheiden sich die beiden, aktiv zu werden. "Brasilien wurde von der ersten Welle schlimm getroffen", sagt Leonie. "Dadurch, dass zum Beispiel Schulen geschlossen wurden, fiel für viele Kinder eine warme Mahlzeit weg, die sie sonst jeden Tag bekommen haben. Vom Staat gab es kaum Unterstützung – nicht wie hier bei uns. Das hat uns unheimlich geärgert." Sie starten eine Spendenaktion, um Soforthilfe zu leisten.

Mit Erfolg: Innerhalb von zwei Wochen sammeln sie über 3000 Euro. Mit dem Geld kaufen sie Lebensmittelpakete mit Grundnahrungsmitteln, aber auch Medikamente und Masken für die Menschen in Recanto do Sol. Marcios Mutter packt und verteilt die Pakete vor Ort mit Hilfe von Freunden und Familienangehörigen.

Nothilfe ist nur der Anfang

Doch die Nothilfe ist nur der Anfang. "Wir haben gemerkt, dass wir nicht mehr nur akut helfen wollen. Wir hatten den Wunsch, etwas längerfristiges aufzubauen", sagt Leonie. Vor knapp zwei Jahren gründen die beiden deshalb einen Verein, den Associação Mauricio Cardoso. Der gemeinnützige Verein ist nach Marcios Bruder Mauricio benannt, der vor vier Jahren verstorben ist. Marcios Gesicht wird ernst, wenn er über seinen Bruder spricht. "Unsere Eltern waren früher häufig nicht da. Sie mussten viel arbeiten, um die Familie durchzubringen. Mein Bruder hatte kaum Möglichkeit zu lernen, hat keine Hilfe bekommen", sagt Marcio.

Viele Menschen der Region sterben sehr jung, erklärt er. Der Grund sei häufig Gewalt, oder aber auch Drogenabhängigkeit. Viele Städte in Brasilien sind von starker sozialer Ungleichheit geprägt. "Wenn man arm ist, ist es wirklich schwierig, nein zu den schlechten Dingen zu sagen", fährt Marcio fort, "Ich hatte Glück, dass ich Hilfe bekommen habe". Als junger Mensch bekam er Unterstützung in einem Kinder- und Jugendzentrum vor Ort: Lernhilfen, kostenlose Mittagessen und Freizeitangebote. "Leider musste es schon vor vielen Jahren schließen", sagt er.

"Es soll ein Safe Space für die Kinder und Jugendlichen sein, ein Ort zum Lernen, Spielen und Träumen." Leonie Cardoso Feldmann
Vergangenes Jahr hat der deutsch-brasilianische Verein deshalb ein neues Kinder- und Jugendzentrum in Recanto do Sol gegründet und aufgebaut. "Es soll ein Safe Space für die Kinder und Jugendlichen sein", sagt Leonie, "ein Ort zum Lernen, Spielen und Träumen." Mittlerweile organisiert der Verein viele verschiedene Projekte vor Ort: Es gibt zum Beispiel Englischkurse für Kinder, Nachhilfe, Fußballtraining und einen Ballettkurs.
Diesen Winter war die junge Familie zum ersten Mal seit Pandemiebeginn zu Besuch in Brasilien.

"Wir wollten sehen, wie die Lage vor Ort ist und selbst mit anpacken", sagt Leonie. Drei Monate lang waren sie dort. "Die Kinder erleben teils wirklich schwierige Situationen. Gewalt und Kriminalität, Armut. Oft fehlt eine Perspektive für die Zukunft", sagt Leonie, "Wir wollten an den Kern des Problems." Seit einiger Zeit bieten sie deshalb auch psychologische Hilfe an: Bei einem Gesprächskreis können verschiedene Altersgruppen über Themen wie die eigene Zukunft oder die Familie und über Ängste oder Sorgen sprechen. "Die jungen Menschen sollen gestärkt werden und sich selbstsicherer fühlen", sagt die 31-Jährige.

Über 30 Vereinsmitglieder

Mittlerweile hat der deutsch-brasilianische Verein über 30 Mitglieder. "Wir möchten den Kindern und Jugendlichen in Brasilien bessere Zukunftschancen ermöglichen. Sie sollen Lernen dürfen, und Tanzen und Lachen", sagt Marcio, die Arme fest um Tochter Luana geschlossen. Den beiden ist wichtig, dass die Projekte immer in Rücksprache mit den Menschen vor Ort geplant werden. "Vor Kurzem wurde zum Beispiel der Wunsch geäußert, dass wir einen Alphabetisierungskurs für ältere Menschen anbieten. An der Umsetzung arbeiten wir gerade", sagt Leonie.

Am 11. Juni feiert der Verein sein zweijähriges Jubiläum. Ein Sommerfest, mit buntem Programm: Live-Musik, brasilianisches Essen, Capoeira und Forró – das sind brasilianische Tänze. Außerdem verschiedene Workshops, wie zum Beispiel ein Collage-Workshop mit einer Kinderbuchillustratorin. "Wir möchten die brasilianische Kultur auch hier in Freiburg teilen und vorstellen", sagt Leonie. "Jede und jeder ist herzlich willkommen."
Was? Sommerfest des Associação Mauricio Cardoso
Wann? 11. Juni 2022, 14-21 Uhr
Wo? Decker Garage, Haslacher Straße 25
Link zur Website: https://mauriciocardoso.de/