JNR Freiburg: Ein Sprüher packt aus

David Weigend

Die JNR-Crew gehört zu den wichtigsten Graffiti-Crews Freiburgs und hinterlässt ihre illegalen Spuren auch jenseits der Landesgrenze. Ein Mitglied von JNR spricht erstmals ganz offen über sein Leben als Sprayer: Graffiti als Sucht, die Angst, erwischt zu werden und der Reiz, durch Bombing aufzufallen. Das große Interview.



Nick*, aus wem besteht die JNR Crew?

Wir sind elf Leute, zwischen 20 und 40 Jahren alt, und kommen aus diversen gesellschaftlichen Schichten. Manche von uns haben schon Kinder oder sind verheiratet. Gegründet wurde die Jump'n'Run-Crew (JNR) 1997 von drei Personen. Ihre Sprühernamen waren Mafia, Herbi und Irak. Inzwischen gibt es JNR in der dritten Generation.

Wann kamst du in die Crew?

Im Jahr 2000. Die Leute aus der Gruppe wurden auf mich aufmerksam, weil ich damals recht aktiv war. Wir sind sehr gute Freunde geworden. Neben unserer Leidenschaft fürs Sprühen unternehmen wir auch viele andere Dinge. Wir vertrauen uns. Das ist das wichtigste an der ganzen Sache.

Wie hat man sich eure ersten gemeinsamen Aktionen vorzustellen?

Die Anfangszeiten waren ziemlich wild. Wir liefen nach dem Feiern, den Rucksack voller Dosen, durch die Stadt und hinterließen unsere Spuren. Das lief meist spontan und unüberlegt ab. Oft hatten wir einen sitzen. Das hatte schon was Rowdymäßiges, so nach dem Motto: was dich nicht umhaut, macht dich stärker. Wir waren von Anfang an eine Bombing Crew.

Was bedeutet Bombing?

Farbe zu hinterlassen, auf eine schnelle, effiziente Art und Weise. Viele fragen sich: warum überall diese riesigen Silberbuchstaben? Wir würden in der kurzen Zeit, die wir jeweils haben, auch gern bunte Buchstaben sprühen. Das geht aber nicht immer. Der Strahl von einer Silber-Sprühdose ist sehr breit. Man kann damit schnell sprühen. Das wird im Jargon Bombing oder Throw up genannt. Mittlerweile haben einige von uns damit aber aufgehört.

Warum?

Es ist gefährlich geworden. Jeder hat ein Handy. Alte Leute, die nachts nicht schlafen können, schauen gern aus dem Fenster. Die Polizei gibt Ratschläge, dass sich Augenzeugen bis zum Eintreffen der Streife ruhig verhalten sollen. Nun, wir haben uns aufs Zügebemalen spezialisiert.

Seid ihr nur in Freiburg aktiv?

Nein, überregional. Wir fahren viel rum, haben Graffiti-Kontakte in ganz Deutschland. Wir verreisen oft gemeinsam, zum Beispiel nach Italien. Da lassen wir es dann eine Woche lang krachen. Unsere Spuren findest du aber auch in vielen anderen Ländern.



Euer Logo ist seit einem Monat überdimensional auf Höhe der Schwabentorbrücke zu sehen, an einer Hauswand direkt an der Dreisamstraße. Wie habt ihr das angebracht?

Mit einem Feuerlöscher. Es gibt Tricks, wie man den öffnet, Flüssigkeit und Pulver rausfüllt und die Farbe verdünnt reinfüllt. Dann hat man eine Art Riesensprühdose. Damit dauert es nur wenige Sekunden, bis wir unseren Schriftzug angebracht haben.

Warum gerade an dieser Stelle?

Wir wollen auffallen. Das gehört zum Charakter des Bombens. Wir wollen die besten Stellen haben, die von möglichst vielen Leuten gesehen werden. Es gibt viele andere, die in Hinterhöfen für sich und fürs Fotoalbum sprühen. Das ist schon okay. Fame ist nicht alles.

Die Leute sehen JNR, aber sie wissen nicht, wer dahintersteckt.

Genau darin liegt für mich auch der Reiz. Ich habe in der Nacht zuvor einen Zug angesprüht mit einem lustigen Spruch. Dann stehe ich am Bahnhof und höre zu, wie sich die Leute darüber unterhalten. Manchen gefällt es sogar. Sehr interessant, die Vorstellungen der Bürger über uns. „Punks, Hooligans, halbstarke Rapper mit breiten Hosen.“ Alles schon gehört. Gern wird auch gemutmaßt, wir seien alles Gammler, die Hartz IV beziehen. Die Menschen würden sich sehr wundern, wenn sie uns kennen würden.

Meinst du?

Es könnte auch ein Anzugträger sein, der mit seinem Trolley in den ICE steigt. Oder ein mondän auftretender Jurist. Auch solche Menschen trinken nach Feierabend ein paar Bierchen und machen mitunter verrückte Sachen. Im Grunde führen die Crewmitglieder ein Doppelleben.



Je länger du solche Aktionen durchführst, desto größer wird die Anzahl deiner Straftaten. Hast du nicht Angst, eines Tages erwischt und für all deine Sachbeschädigungen belangt zu werden?

Angst schon. Die Polizei kann jederzeit kommen. Deshalb achte ich darauf, keine Beweismittel zu Hause zu haben. Also Fotos, digitale Dateien oder Skizzen. Außerdem kenne ich Anwälte, die mir aus brenzligen Situationen heraushelfen können.

Wie oft brauchst du juristischen Beistand?

Dazu möchte ich nichts sagen.

Wird dich das Sprühen ein Leben lang begleiten?

Ich finde die Vorstellung ganz lustig: Mit 50, Bart und Aktenkoffer noch am Zug zu stehen und den Namen meiner Crew zu hinterlassen, danach vielleicht Kegeln zu gehen und ein Herrengedeck in der Eckkneipe zu nehmen.



Ist Graffiti für dich eine Sucht?

Inzwischen nicht mehr. Früher definitiv, ja. Ich sprühe jetzt über die Hälfte meines Lebens, Graffiti ist ein Teil von mir. Es ist schon heftig, wie viel Zeit und Geld ich in diese Leidenschaft investiert habe. Farben, Benzinkosten, da kommt einiges zusammen.

Wie hat sich die Sucht bemerkbar gemacht?

Irgendwann waren 90 Prozent meiner Freunde Sprüher. Alles drehte sich nur um Graffiti. Ich wurde nervös, wenn ich mal eine Wochen keine Dose in der Hand hatte. Meine Freundin trennte sich von mir. Die Beziehung zu meinen Eltern war problematisch.

Verletzt ihr euch im Zuge von Aktionen?

Kommt schon vor. Der eine bricht sich mal ein Bein, der andere holt sich auf der Flucht 'nen Bänderriss. Oder du bleibst hängen an Zäunen mit Stacheldraht. Das ist dann nicht so witzig.

Vor welchen Bombings in Freiburg hast du Respekt?

Die UIR-Crew hat neulich ein Haus gegenüber vom E-Werk im Stühlinger besprüht. Der Schriftzug ist nicht besonders schön, aber man kann ihn gut lesen und er erfüllt seinen Zweck. Die Leute im Stadtteil reden davon. Vor der Stelle habe ich schon Respekt. Da musst du erstmal hinkommen. Diese Höhe birgt Risiko.

Wie geht man technisch bei solch einer Aktion vor?

Du brauchst dafür eine Teleskopstange, eine Rolle, einen Eimer und Farbe. Du legst dich dann an die Kante des Hauses und streichst da runter. Dein Kollege hält dich fest. So läuft das.

Das Haus, von dem du sprichst, ist direkt am Autobahnzubringer. Auffälliger geht’s kaum.

Ja, aber wenn du im Auto sitzt, schaust du meist auf die Straße. Wie oft läufst du nachts durch die Stadt und schaust in den Himmel? Meist kuckst du auf den Boden oder nach vorn. Du musst leise sein, dann wirst du nicht bemerkt. Zackige Bewegungen gilt es zu vermeiden.

Hast du noch so ein paar aktuelle Beispiele?

Schau mal schräg gegenüber vom Cinemaxx oder beim Friedrichsbau. Da scheint gerade so ein „Karlsson vom Dach“ unterwegs zu sein. Vor solchen Leuten habe ich schon Respekt.

Inwiefern ist Graffiti für dich mit Hip-Hop verbunden?

Die Wurzeln von Graffiti liegen im Hip-Hop, ganz klar. Wir haben diese Musik in den 90ern natürlich gehört. Mittlerweile habe ich dazu nur noch wenig Bezug. Manche von uns hören auch Heavy Metal oder Elektro. Du kannst Graffiti heutzutage nicht mehr automatisch in die HipHop-Schublade stecken.



Angenommen, du hättest einen heranwachsenden Sohn, der mit Graffiti anfangen will. Was würdest du ihm sagen?

Ich würde ihm das Sprühen knallhart verbieten. Andererseits: Wenn er sich für Kunst interessieren würde, fände ich das toll.

Verbieten? Hätte ich jetzt nicht gedacht.

Ich will meine Jugend mit Graffiti nicht missen. Aber was ich teilweise einstecken musste, will ich meinen Kindern ersparen.

Was meinst du damit?

Die Schullaufbahn hatte Risse, ich hatte nur noch Graffiti im Kopf. Ich habe mir karrieretechnisch zwar nichts verbaut, aber zumindest viel Zeit verloren.

Außer ein paar Insidern weiß niemand, dass du es bist, der die JNR-Tags sprüht. Für wen machst du das eigentlich?

Ich male nur für mich und meine Gruppe. Was andere Leute darüber denken, ist mir nicht wichtig. Schau mal, wenn wir einen Zug besprühen, ist der oft nach einem Tag wieder geputzt oder aus dem Verkehr gezogen. Das ist ein Riesenaufwand, den man dafür betreibt. Andere Leute spielen Golf oder gehen Drachenfliegen, für uns ist eben das der Alltagsausgleich. Du kannst das Sprühen nicht in einem VHS-Kurs lernen und du brauchst teilweise lange dafür, deinen Stil zu finden. Genauso zeitaufwändig ist es, die Fahrpläne zu studieren, damit du weißt, wo welcher Zug wann nachts steht.

Eine ernsthaftere Version von Räuber und Gendarm.

Kann man so sagen. Es ist ein wenig dieses James Bond-Gefühl, sich irgendwo reinzuschleichen und alles auszukundschaften, um dann in Ruhe sein Bild zu sprühen.



Gibt es Tabuzonen?

Ich würde nie das Freiburger Münster ansprühen oder andere Kirchen, was ja auch schon gemacht wurde. Graffiti auf historischen Gebäuden finde ich absolut daneben. Ich mag die Stadt, in der ich lebe.

Welche Crews gibt es außer JNR in Freiburg?

SR, YF, MBC, BDA, SAK und UIR, letztere sind dieser Tage recht präsent. Es ist ein Kommen und Gehen. Sicherlich gibt es noch andere, kleinere Crews, aber ich habe ein wenig den Überblick verloren über die aktiven und nicht mehr aktiven Szenemitglieder.

Stehen die Freiburger Crews in Konkurrenz zueinander?

Nein, ich würde das eher als sportlichen Wettstreit betrachten. Früher gab’s manchmal ein bisschen Ärger, aber das ist nicht der Rede wert. Es existieren bestimmte Regeln. Du sprühst zum Beispiel nicht über andere illegale Graffiti.

Welche Art von Zügen habt ihr schon besprüht?

Alle möglichen. Der Typ ist uns eigentlich egal. Hauptsache, der Zug rollt. Zügemalen ist ein Zeitfresser. Du liegst manchmal mehrere Stunden im Gebüsch und checkst, wann du zuschlagen kannst. Das Sprühen selbst dauert dann oft nur wenige Minuten.

Was hast du dabei, wenn du einen Zug bemalst?

Handschuhe, du darfst ja keine Fingerabdrücke hinterlassen. Sprühdosen, Sprühköpfe und eine Maske. Mehr nicht.

Habt ihr eine Website?

Nein, das Sicherheitsrisiko wäre viel zu groß.

Apropos: Wie ist das, wenn ihr ins Ausland reist? Die Zöllner sind ja nicht doof, oder?

Nun ja. Am Schweizer Zoll wurden wir mal gefilzt. Wir haben uns voll in die Hosen gemacht, unser ganzer Kofferraum war voller Dosen. Einer von uns hatte blöderweise auch noch Skizzen dabei. Ich sah mich schon in U-Haft. Aber die Zöllner waren nur auf Drogen aus und haben alles andere komplett ignoriert.

Außerdem müsste dich die Polizei sowieso auf frischer Tat ertappen, oder?

Ja, sie müsste mich schon mit dem Finger am Sprühkopf erwischen. Oder ich wäre so bescheuert und ließe mich vor dem frischen Graffiti fotografieren.

Bist du auf ein Graffiti besonders stolz?

Klar gibt es bestimmte JNR-Schriftzüge auf hohen Gebäuden, das waren gefährliche Aktionen. Da ist man hinterher stolz drauf, aber ich würde es nicht noch mal machen. Uns zeichnet eher aus, dass wir schon lang am Ball sind und ziemlich kontinuierlich Zeichen setzen. Aber wir wollen es auch nicht übertreiben. Ich glaube, wir sind den Cops schon ein Dorn im Auge. Aber man muss sie ja auch nicht zu sehr aus der Reserve locken.

[*Name von der Redaktion geändert]

Mehr dazu:


Foto-Galerie: JNR Freiburg

Tipp: Mit der Taste N klickt Ihr Euch bequem zum nächsten Bild