Kino

"Je suis Karl" inspiziert die Neue Rechte und ist ein geniales Drama

Gabriele Schoder

Der neue Film von Christian Schwochow zeigt eine Ultrarechte, die ihre Gesinnung eloquent über Influencer in die Gehirne flötet. "Je suis Karl" ist das brisanteste deutsche Kinoereignis des Jahres.

Der Titel erinnert an "Je suis Charlie", der weltweiten Solidaritätsbekundung nach dem Mord an Redakteuren der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar 2015. Soll er auch. Was es aber auf sich hat mit diesem "Ich bin Karl" oder auch "Ich folge Karl": Der ganze perfide Plan erschließt sich erst gegen Ende von Christian Schwochows furiosem Politdrama "Je suis Karl" – und lässt, noch einmal, den Atem stocken. Beim ersten Mal ist der Film noch keine zehn Minuten alt.

Maxi (Luna Wedler) kommt von Paris, wo sie bei der geliebten Großmutter war, zurück nach Berlin, zu den kleinen Brüdern, den Eltern Alex und Inès, die die erste Szene als linksliberales Paar mit einem Herz für Geflüchtete eingeführt hat. Stabile Familie, Küsschen, schon ist sie wieder weg. Ein Paket wird geliefert, für die Nachbarn, Alex (Milan Peschel) nimmt es entgegen, geht dann zum Auto – da explodiert die Bombe und reißt das halbe Haus weg: 16 Tote, auch Inès und die Kleinen. Maxi weiß nicht ein noch aus, macht dem Vater Vorwürfe, weil er die Bombe in die Wohnung gestellt hat, zudem muss sie die sentimentgeile Boulevardpresse fliehen. Die Medienlandschaft bebt, es wird über einen islamistischen Anschlag spekuliert, weil der Paketbote einen dunklen Vollbart trug.



Es war ganz anders, das Kinopublikum weiß es früh, Maxi kann es, will es in ihrer Wut und Trauer lange nicht wahrnehmen. Und weil sie sowieso bald nur noch Augen für Karl (Jannis Niewöhner) hat, der so smart und sexy ist, so nachdenklich und einfühlsam: Erst entzieht er sie scheinbar selbstlos dem Zugriff der Pressemeute, dann lädt er sie bei einem Kaffee scheinbar ohne jeden Hintergedanken nach Prag ein, zur Sommerakademie der "Re/Generation Europe". Und sie geht hin. Ist betört vom Lifestyle im Camp, von der hippen Atmosphäre, in der da die Zukunft Europas beschworen wird.

Als Opfer ist Maxi für die Bewegung Gold wert

Eine geistige Elite, jung, attraktiv, gebildet, mehrsprachig und in jeder Hinsicht vielversprechend, feiert sich und ihre Verantwortung für den Kontinent mit cooler Musik und gepflegtem Gin, postet Statements, hängt sich an den Lippen und liegt sich in den Armen. Dass ihre Botschaft die der Identitären Bewegung ist und ihre Gesinnung stramm rechts, müsste Maxi befremden, irritiert aber ist sie nur kurz – als sie erkennt, wie die Wahrheit gebeugt wird im Dienste der Ideologie: In einem der "Erfahrungsberichte" wird von einer Vergewaltigung durch Flüchtlinge erzählt, und als Maxi hinterher bewegt ihr Mitgefühl ausdrückt, sagt das vermeintliche Opfer leichthin, sie sei gar nicht vergewaltigt worden. Das müsse sie auch gar nicht, um Stimme und Sprachrohr zu sein für all die Frauen, die dieses Schicksal tagtäglich ereilen könnte.

Als echtes Opfer ist Maxi für die Bewegung natürlich Gold wert und wird entsprechend hofiert. Was Karl eigentlich vorhat und wie er sie dafür instrumentalisiert: Auch das wird früh offengelegt, soll hier aber nicht gespoilert werden, um die gnadenlose Spannung nicht zu zerstören, die dennoch entsteht. Der Film schickt Maxi auf eine mörderische Achterbahnfahrt der Gefühle: Verzweiflung, Lebenshunger, Manipulation, Argwohn, Selbsttäuschung, Erkenntnis, Tod, Liebe, Zerstörung. Und uns nimmt er gnadenlos mit. Wir sollten nicht meinen, sowieso und komplett immun zu sein gegen die Verführungskraft der neuen Rechtsradikalen, erst recht nicht, wenn ein Trauma uns die Sinne vernebeln würde. Die strahlende Maske, mit der sich dunkle faschistischen Machtergreifungspläne tarnen, sie vermag durchaus zu blenden.

"Je suis Karl" ist möglicherweise Deutschlands Kandidat für die Oscars 2022

Christian Schwochow ("Deutschstunde", "Bad Banks") und sein Drehbuchautor Thomas Wendrich, die gemeinsam den preisgekrönten Fernsehfilm "Die Täter – Heute ist nicht alle Tage" (2016) über den Nationalsozialistischen Untergrund realisierten, haben ihr umfangreiches Recherchewissen in einer fiktionalen Geschichte politisch wie ästhetisch atemraubend verdichtet – mit Bildern (Kamera: Frank Lamm), die nach der großen Leinwand schreien, mit verstörend treibender Musik (Martin Hossbach, Max Rieger, Tom Hodge) und klugen Schnitten (Jens Klüber). Und mit hinreißenden Hauptdarstellern: Luna Wedler und Jannis Niewöhner, der derzeit auch als Felix Krull im Kino glänzt, verkörpern ihre Figuren, die ja durchaus auch Typen sind und Thesenträger, mit soviel Hingabe und authentischer Wucht, dass man Gänsehaut kriegt.

Die neuen Ultrarechten müssen keine stiernackigen Dumpfbacken mit Hakenkreuzen auf der Glatze sein, die ihre Gesinnung mit Springerstiefeln auf den Asphalt stampfen, sie können sie auch eloquent und elegant über Influencer in die Gehirne flöten. Das ist so neu nicht, es aber quasi am eigenen Leib zu erleben, in einem bis ins entfesselte Finale hochdramatischen Film: Da kann einem schon die Spucke wegbleiben.

Schwochow überzeichnet die Realität bis zur Kenntlichkeit, er malt den Teufel an die Wand, um vor ihm zu warnen: "Je suis Karl", vierfach für den Deutschen Filmpreis nominiert und möglicherweise auch Deutschlands Kandidat für die Oscars 2022, ist das brisanteste Kinoereignis des Jahres.
"Je suis Karl" (Regie: Christian Schwochow) läuft in Freiburg. Ab 12.