IT-Entwickler: Berufschancen? Bestens!

Miriam Jaeneke

Wer sich für eine Karriere als Entwickler entscheidet, hat beste Berufschancen: Die IT-Branche sucht dringend nach Fachkräften. Aber was machen Entwickler eigentlich den ganzen Tag? Miriam hat Philipp Speck, 29, PHP-Entwickler bei Esono, und Heike Reuter, 39, PHP-Entwicklerin bei Oxid, getroffen:

Philipp Speck sitzt vor zwei 24-Zoll-Monitoren, neben sich eine Flasche Pfirsicheistee. „Nicht Club-Mate oder Kaffee, wie es das Klischee will“, grinst der PHP-Entwickler. Dass sich an der Wand trotzdem Club-Mate-Kästen stapeln, liegt an seinen  Kollegen. Das Telefon im Raum schweigt: Die Entwickler der elfköpfigen Freiburger IT-Firma Esono werden abgeschirmt, nur Tastaturgeklapper unterbricht das konzentrierte Schweigen.

In der IT-Branche werden Programmierer wie Philipp händeringend gesucht: Die Hälfte der vom Bundesverband Bitkom befragten Firmen beklagt offene Stellen. Das betrifft Großunternehmen wie SAP in Walldorf genauso wie kleinere Firmen in Freiburg. Was sind die Ursachen des Fachkräftemangels? Und was können die Wirtschaft und das Bildungswesen dagegen tun? 

Den linken Bildschirm füttert Philipp mit einer kryptischen PHP-Zeichenschlange, der rechte zeigt dem 29-Jährigen die Auswirkungen auf seine zu programmierende Webseite. Sieben Tabs hat er offen, „nicht viele“, sagt er. Wenn er im Team für Firmen wie Marco Polo Onlineshops programmiert, dauert das mindestens ein halbes Jahr. Durchhaltevermögen ist gefragt, genau wie Kreativität, „weil man nicht nur vordefinierte Schritte hat, sondern zum Ergebnis meistens mit Bastelei kommt“, erklärt Philipp.  

Analytisch denken sollte man können und, auch fürs Informatikstudium, in Englisch und Mathe fit sein. Das Erfolgserlebnis, „wenn man dann irgendwas Tolles programmiert hat“, macht Philipp Spaß an seinem Job. Und die Abwechslung: „Man hat immer neue Probleme, die man lösen muss.“  Er hat flexible Arbeitszeiten und kann bei Bedarf von zu Hause aus arbeiten. Ebenfalls zufrieden ist er mit seinem Gehalt.  Das liegt für Berufseinsteiger laut Bitkom bei 40000 Euro brutto im Jahr, mit fünf Prozent sind die IT-Gehälter vergangenes Jahr deutlich stärker gestiegen als der Durchschnitt der Gehälter in der Bundesrepublik.



Philipp Speck ist einer von deutschlandweit 1,3 Millionen IT-Spezialisten. Und obwohl in der Branche zufriedene Mitarbeiter wie er typisch sind, werden laut Bitkom 38000 weitere gesucht. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft sind es sogar noch deutlich mehr. Neu ist der Fachkräftemangel nicht, aber er verschärft sich. Denn mit dem Stellenwert der Informatik nehmen auch die Arbeitsstellen zu, vor allem in der Internetwirtschaft.

Für den Raum Freiburg gibt es zwar keine konkreten Zahlen. „Aber meine Gespräche mit Unternehmen zeigen, dass sich die Situation in der Region nicht wesentlich vom bundesweiten Trend unterscheidet“, so die Einschätzung von Roland Fesenmayr, dem Vorstandsvorsitzenden des Medienforums Freiburg. Er weiß: Viele Unternehmen in Südbaden sind gegenwärtig auf der Suche nach Fachkräften.

Eine Offenburger IT-Firma bietet sogar eine Vermittlerprämie in Höhe von 1000 Euro an. „Die Ursachen des Fachkräftemangels sind vielfältig“, sagt Fesenmayr. Von vornherein gebe es zu wenig Informatikstudierende, vor allem weibliche. In Freiburg etwa machte der Frauenanteil der 524 Studierenden im vergangenen Wintersemester nur 13,6 Prozent aus.

Eine Frage der Erziehung? Heike Reuter (39), promovierte Physikerin und einzige weibliche PHP-Entwicklerin bei Oxid in Deutschland, ist sich nicht sicher. „Vielleicht bin ich auch einfach anders. Ich habe nicht mit Kuscheltieren geschmust, ich hatte Modellautos im Bett.“ Die Lead-Developerin von Oxid E-Fire ist verantwortlich für die Schnittstellen für Bezahlung oder Logistik innerhalb der E-Commerce-Software. Sie wünscht sich auch Freiburger Kollegen, doch im Moment sitzt ihr restliches Team in Halle. So beginnt sie ihren Arbeitstag mit einem Glas Wasser und einer Telefonkonferenz: „Was ist am Vortag gelaufen, was will jeder machen, gibt es Probleme? Das dauert meistens eine Viertelstunde, das Schlusswort ist: Kaffee!“

Einer profitiert immer vom anderen.

Danach sitzt Heike an ihrem Macbook Pro und arbeitet ihre Aufgaben ab, telefoniert ab und zu. Wenn sie ihre Arbeit nicht für länger unterbrechen will, holt sie sich was vom Bäcker. Überhaupt zeigt sie Einsatzbereitschaft, bleibt auch mal länger als acht Stunden. „Wenn die Luft brennt und man das Projekt am Laufen halten will, macht man einfach das, was nötig ist“, sagt sie. Und: „Wenn ich wissen will, wie etwas geht, kaufe ich mir ein Buch und setze mich zu Hause hin, was dann als Hobby zählt und nicht als Überstunden.“

Weiterbildungen im klassischen Sinne gibt es in ihrem Bereich nicht; bei dem Innovationstempo in der Branche wären sie, kaum etabliert, schon überholt. „Was wichtig ist: Entwickler treffen sich und tauschen sich über neue Ideen aus. Einer profitiert immer vom anderen.“ 80 Prozent, schätzt Heike, hat sie erst in der Firma gelernt.



IT-Firmen sollten Quereinsteiger wie Heike gezielt ansprechen, sagt Fesenmayr, um freie Stellen zu besetzen. Außerdem müssten seiner Meinung nach die Universitäten ihre Studiengänge moderner und praxisrelevanter ausrichten, um der hohen Zahl  von Studienabbrechern entgegenzuwirken. „Und es ist die Gesellschaft gefordert, das gesellschaftliche Bekenntnis, dass wir längst ein Zuwanderungsland sind und internationale Arbeitnehmer willkommen sind.“

Der regionale Fachkräftemangel liegt auch darin begründet, dass Freiburg trotz einiger marktführender Unternehmen nicht als IT-Standort bekannt ist. „Wir müssen dieses hochkarätige Cluster besser kommunizieren“, sagt Fesenmayr, das und Freiburger Pluspunkte wie die hohe Lebensqualität. Aus diesem Grund verbindet Haufe-Lexware Vorstellungsgespräche mit einer Stadtführung. Überhaupt ist Kreativität gefragt: Die kleine Sulzburger Firma „Land in Sicht“ stellte als Eigenwerbung ein selbstgedrehtes Video inklusive Bürohund ins Netz – die eintreffenden Bewerbungen waren international.

Uni? Firma? Hochschule? Wer im IT-Bereich studieren möchte, der hat viele Alternativen

Albert-Ludwigs-Universiät Freiburg
An der Uni Freiburg wird der Studiengang Informatik angeboten. Der Bachelor vermittelt zunächst Grundlagen, später spezialisiert man sich zum Beispiel auf Robotik oder Bilderzeugung. Im Master kann man die Vertiefungsrichtungen Informationssysteme, Kognitive technische Systeme – alltagssprachlich Roboter – oder Cyber-Physical Systems studieren. Neu ist der Studiengang Embedded Systems Engineering, der für die Entwicklung eingebetteter Systeme qualifiziert. Die Vorteile des Unistudiums: Es bietet eine breite Grundlage, man kann promovieren und hält sich den Einstieg in den Lehrerberuf offen.
Uni Freiburg: Institut für Informatik

Hochschule Offenburg
An der Hochschule Offenburg gibt es den Studiengang Wirtschaftsinformatik plus. Grundlagen der Informatik und Betriebswirtschaftslehre werden um didaktische Inhalte an der PH Freiburg ergänzt. Mit dem Bachelorabschluss kann man in die Industrie gehen – oder den Master anhängen und Lehrer an beruflichen Schulen werden. Alternativ kann man den Bachelor in Angewandter Informatik und den Master in Informatik machen. Der Bachelor in Wirtschaftsinformatik ermöglicht es den Absolventen zum Beispiel, Projektleiter zu werden oder betriebswirtschaftliche Software zu entwickeln.
Hochschule Offenburg: Studiengang Wirtschaftsinformatik plus

Hochschule Furtwangen
An der Hochschule Furtwangen kann man Allgemeine Informatik studieren. Inhalte wie Programmiersprachen oder Softwaremarketing befähigen dazu, später eigene Softwareprojekte umzusetzen. In „Computer Networking“ geht es um Netzwerkarchitektur und -strukturierung, aber auch IT-Sicherheit und mobile Systeme. Der Studiengang Software Produktmanagement qualifiziert zum Beispiel dazu, Projekte zu leiten und fertige Produkte zu betreuen. Absolventen des Masterstudiengangs Advanced Computer Science können ihr Unternehmen bei der Auslagerung von IT-Komponenten in eine Cloud beraten.
Hochschule Furtwangen: Fachbereich Informatik

Duale Hochschule Lörrach
Die Duale Hochschule Lörrach bietet in Kooperation mit IT-Firmen die Studiengänge Wirtschaftsinformatik, Softwareengineering und Angewandte Informatik an. Als Wirtschaftsinformatiker kann man beispielsweise Projekte leiten oder in den Bereich Consulting gehen, angewandte Informatiker sind für Rechenzentren zuständig oder das Thema Security. Absolventen von Softwareengineering erstellen Software im betriebswirtschaftlichen Bereich. Die Studierenden sind drei Monate in der Firma, drei Monate in der Hochschule.
Duale Hochschule Lörrach: Informatik

Sick in Waldkirch
Wer direkt in eine Firma gehen will, kann sich bei Sick in Waldkirch zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung ausbilden lassen. Danach realisiert man Softwareprojekte und schult die Anwender. Baden-IT in Freiburg und Testo in Lenzkirch bilden Fachinformatiker für Systemintegration aus, die Hard- und Softwarekomponenten zu komplexen Systemen vernetzen und ebenfalls die Benutzer schulen.

Reinschnuppern
Um ins Informatikstudium reinzuschnuppern, können Schüler an der Hochschule Furtwangen reguläre Vorlesungen besuchen. An der Uni Freiburg bieten die Lehrstühle Bogy-Praktikumsplätze an. Während des Praktikums schreiben die Schüler zum Beispiel ihr eigenes kleines Programm.

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Foto-Galerie: David Cibis

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