Gastronomie

Inhaber der Blume in Opfingen kritisiert die Corona-Politik in einem Video

Annika Vogelbacher

In einem YouTube-Video hält Sascha Halweg als verzweifelter Gastronom eine Rede vor dem Bundestag und kritisiert die Corona-Politik. Was ihn stört und warum die Gastronomie gerade keinen bezahlten Urlaub hat, erzählt er im Interview.

Die Gastronomie ist stark von der Corona-Krise getroffen. Wie geht es Ihnen als Gastronom in diesen Zeiten?

Sascha Halweg: Den Umständen entsprechend. Mein Gastronomiebetrieb ist seit November im Lockdown. Trotzdem haben wir versucht, was wir können, um etwas zu tun zu haben, auch damit die Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit müssen. Wir haben Essen zum Mitnehmen angeboten und Außerhauslieferung. Das kann man auch eine Weile machen, um zu überbrücken, aber auf Dauer ist das finanziell nicht aushaltbar. Wir haben jetzt beschlossen, unseren Laden ab Montag zuzumachen. Und erst wieder zu öffnen, wenn wir mindestens den Außenbereich noch mitbewirten dürfen.



Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass neue Pächter für das Blümchen gesucht werden. Mussten Sie das Restaurant wegen Corona aufgeben?

Natürlich, klar. Das Blümchen ist ein Corona-Opfer. Wir haben ja zwei Läden: Die Blume, das große Gasthaus und gegenüber ist das Blümchen. Das Blümchen hatten wir als zweiten Laden, damit die Gäste eine Ausweichmöglichkeit haben, weil wir in der Blume oft ausreserviert waren. Aber seit den Abstandsregelungen hat das mit dem Blümchen einfach nicht mehr funktioniert. Es ist sehr verwinkelt und wenn man zwei Meter Abstand zwischen den Tischen einhält, dann hat man im ganzen Laden maximal 20 Leute sitzen. Deswegen konnten wir es seit letztem März nicht mehr aufmachen und ich musste weiter Pacht zahlen.

"Ich habe Kollegen, die Hartz 4 beantragt haben oder sich Unterstützung vom Amt holen. "

Was bedeutet die aktuelle Lage finanziell für Sie und Ihre Familie?

Wir verdienen gerade kein Geld für die Familie. Die Hilfen sind nicht dazu da, die Einkommen zu sichern, sondern nur um ein bisschen etwas aufzufangen. Die Corona-Hilfen, das sogenannte Überbrückungsgeld, deckt im Prinzip nur die Fixkosten ab, oder einen Teil der Fixkosten. Und wenn wir unsere Restaurants öffnen und Außerhaus verkaufen, dann werden die Umsätze von dem Überbrückungsgeld abgezogen. Das heißt, das Überbrückungsgeld wird gekürzt, aber die Summe der Kürzungen ist größer als die Einnahmen. Wenn man öffnet, wird man im Prinzip bestraft. Und darüber hinaus reicht es nicht zum Leben, wenn nur die Fixkosten gedeckt sind. Wenn man als Gastronom Reserven hat, dann schmelzen die gerade dahin. Das geht fast allen meinen Kollegen so: Rücklagen werden aufgebraucht, einige haben ihre Altersvorsorgen aufgelöst. Wir haben als Puffer einen großen Kredit aufgenommen, aber das ist natürlich keine Dauerlösung. Das letzte Jahr war für uns noch relativ gut. Da konnten wir etwas durch die Mehrwertsteuersenkung abfedern, der Sommer war gut und es gab Hilfen im November und Dezember. Aber dieses Jahr sieht das Konzept anders aus: Wir haben schon ein halbes Jahr am Stück geschlossen und konnten nichts verdienen, klar das geht an den Geldbeutel. Ich habe Kollegen, die Hartz 4 beantragt haben oder sich Unterstützung vom Amt holen. Also es ist nicht so lustig. Das gerade ist kein bezahlter Urlaub.https://www.youtube.com/watch?v=gtWLpN9fx7I

Abholungen und Lieferservice sind weiterhin möglich. Sie haben auch Wohnmobildinner mit Weinproben angeboten. Wie wurden die Alternativen angenommen?

Die Alternativen wurden sehr gut angenommen. Unsere Wohnmobildinner waren schon eine lustige Sache, aber der Aufwand ist sehr groß. Die Wohnmobildinner können wir ja nicht vor Ort machen, weil man kein Essen und Getränke im Umkreis von 50 Metern um das Haus servieren darf. Wir hatten dann einen anderen Ansatz und wollten die Dinner als Event veranstalten: Mit Zoom-Meeting und Weinprobe mit 20, 30 Wohnmobilen auf einem Weingut. Aber das Problem fing an, als die Osterruhe angekündigt wurde. Geplant war, dass an Ostern keiner vor die Türe darf. Daraufhin haben wir alle Wohnmobildinner über das Osterwochenende abgesagt. Dann wurde die Entscheidung zurückgenommen, da war es dann aber schon zu spät. Und heute weiß man durch die Inzidenzregelung nie, ob man am Wochenende noch aufmachen darf, oder ob die Leute eine Ausgangssperre haben. In Freiburg pendeln wir gerade um die 100-er Grenze. Das heißt: Wenn morgen die Inzidenz drei Tage über 100 ist, dann dürfen wir am Samstag nicht nach 22 Uhr unterwegs sein. Auf dem basierend können wir nicht planen. Deshalb haben wir auch die Wohnmobildinner erst einmal auf Eis gelegt. Momentan ist schon alles irgendwie möglich, aber der Aufwand ist immens und man verdient nicht wirklich viel damit. Finanziell lohnt es sich wirklich nur, wenn man das macht, wofür man konzipiert ist und das ist bei uns: Vor Ort Speisen und Getränke servieren.

" Die Leidtragenden sind die, die als erstes zugemacht haben und das ist die Gastronomie, Hotellerie, Kunst und Kultur, die ganze Tourismusbranche."

Vor zwei Jahren haben Sie mit einem Lied auf YouTube einen neuen Mitarbeiter gesucht. In Ihrem letzten Video halten Sie als verzweifelter Gastronom eine Rede im Bundestag und kritisieren die Beschlüsse. Haben Sie keine Sorge in die Nähe der "Querdenker" gestellt zu werden?

Von den "Querdenkern" möchte ich mich komplett distanzieren. Ich spreche nicht ab, dass es das Virus gibt und dass es gefährlich ist. Mir ging es bei dem Video um etwas ganz anderes. Seit Monaten reden Fachleute und die Regierung davon, dass die Inzidenz runter muss und wir einen harten Lockdown fahren sollten. Die Gastronomie ist die ganze Zeit schon im Lockdown. Für uns würde es gar keinen Unterschied machen, ob jetzt alle zuhause bleiben oder nicht. Und da liegt das Thema: Es wird von der Regierung zu lange, zu zögerlich, zu vorsichtig nichts getan und dadurch zieht sich das Ganze in die Länge. Wenn wir schon vor einem Monat oder zwei, harte Maßnahmen ergriffen hätten, dann wären wir jetzt schon viel weiter. Ich sage nicht wie die Querdenker, dass ich einen Lockdown doof finde. Aber ich finde einen halben Lockdown doof, der uns nichts bringt und uns immer nur auf der Stelle treten lässt. Ich und viele meiner Kollegen sind von der Corona-Politik gerade maßlos enttäuscht. Die Leidtragenden sind die, die als erstes zugemacht haben und das ist die Gastronomie, Hotellerie, Kunst und Kultur, die ganze Tourismusbranche. Und wir werden die letzten sein, die wieder aufmachen. Das hat nichts mit Verschwörung zu tun. Es geht mir darum, mal vom Fleck zu kommen. Und darum, dass man so schnell wie möglich reagieren muss, dass man rechtzeitig auf Fachleute hören muss und nicht immer nur diskutieren und überlegen. Die Videos sind für mich auch eine Art von Beschäftigungstherapie. Viele werden ja langsam durch das Nichtstun wahnsinnig. Und ich finde es wichtig, jetzt mal seine Stimme zu erheben. Deswegen auch die Video-Aktion mit den Freiburger Gastronomen.

Gibt es etwas, auf das sich ihre Kundinnen und Kunden wieder freuen können?

Die können sich freuen, wenn sie bei uns wieder ein Bier trinken können und was zu essen bekommen und sich ihr Essen nicht mehr in Pappkartons liefern lassen müssen. Wenn sie rausgehen können und einen schönen Tag in der Gastronomie verbringen. Mit einem Hygienekonzept, mit Abständen und mit meinetwegen auch Schnell- und PCR-Tests. Wir brauchen nicht irgendwas Besonderes oder was tolles Neues, wir wollen einfach wieder zurück zur Normalität. Die Blume hat den Lieferbetrieb vorerst komplett eingestellt und wir machen wieder auf, wenn wir draußen bewirten können. Dann in Kombination mit Lieferservice. Aber nur Lieferservice funktioniert nicht mehr: Wenn wir durch die Kürzungen der Überbrückungsgelder ein größeres Minus haben, als wenn wir einfach die Türen zulassen. Eigentlich liegt es nicht in meiner Natur nichts tu tun, ich würde immer aufmachen, wenn es irgendwie geht. Das haben wir jetzt ein halbes Jahr gemacht und jetzt ist Schluss, wir machen so nicht mehr weiter. Jetzt versuchen wir zu Mobilisieren und das Gespräch zu finden und eine Perspektive zu bekommen. Mit dem zögerlichen Abwarten wird die ganze Zeit unendlich viel Geld verbrannt, das ist sehr frustrierend.