Mastodon

In Freiburg gibt es eine Twitter-Alternative – mit eigenem Server

Anastasia Saparinjuk

Die Twitter-Alternative Mastodon wächst nach der von Elon Musk angekündigten Übernahme. Seither hat sich die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer auf dem Freiburger Mastodon-Ableger verdoppelt. Doch was steckt hinter dem Netzwerk?

Seit der möglichen Twitter-Übernahme durch Elon Musk befürchten viele Nutzer*innen Konsequenzen bezüglich Meinungsfreiheit, Datenschutz und dem Klima auf der Plattform. Deswegen sehen sich viele nach Alternativen um, eine davon ist das Non-profit-Netzwerk "Mastodon", das in Freiburg einen eigenen Server hat, dessen Userzahlen seit der Ankündigung des Deals wachsen.

Mastodon ist wie Twitter ein Mikroblogging- Dienst, das heißt Nutzer*innen können kurze Textnachrichten posten und sich in den Kommentaren austauschen. Auch die Funktionen sind Twitter auf den ersten Blick sehr ähnlich: In der Mitte befindet sich der Feed mit Nachrichten derjenigen, die man abonniert hat. An der Seite gibt es ein Textfeld, um eigene Nachrichten einzutippen und zu posten. Dennoch unterscheidet sich "Mastodon" erheblich bei Datenschutzfragen und Organisationsform von Twitter.

Mammut statt Twitter-Vogel

Mastodon gibt es seit 2016, es wurde von Eugen Rochko in Jena gegründet. Der Name "Mastodon" bezeichnet einen Mammut, der gleichzeitig auch das Maskottchen des Netzwerkes ist. Statt dem Twitter-Vogel gibt es also den Mammut. Seit der Ankündigung der Twitter-Übernahme stieg die Zahl der Nutzer*innen in den ersten zwei Wochen um rund 200.000 Nutzer*innen. Auch auf dem Freiburger Server hat sich die Zahl verdoppelt. Derzeit hostet der Server 178 Nutzer*innen auf freiburg.social. Der größte Server ist aber Mastodon.social mit 725.000 Usern. Unsere stichprobenartige Umfrage mit im Durchschnitt etwa 100 Teilnehmenden, ergab, dass 49 Prozent der Nutzenden Mastodon sogar schon mehrere Jahre aufsuchen. Immerhin haben aber 38 Prozent der Befragten erst seit der Twitter-Übernahme angefangen Mastodon zu nutzen.

Die Qual der Wahl

Um sich einen Account anzulegen, muss man sich einen Server aussuchen. Welchem Server man angehören will, ist Geschmacksache. Seit 2020 gibt es auch in Freiburg einen eigenen Server, dieser wurde vom Verein "Freiburg.social" ins Leben gerufen und wird von ihm betrieben. Die Kommunikation mit den meisten anderen Servern ist problemlos möglich. Jedoch können die Serververwalter komplette Server oder einzelne Nutzer blockieren. Meist passiert das, wenn diese durch Belästigung, Sexismus oder Verbreitung von Verschwörungstheorien systematisch gegen Regeln verstoßen.

Jeder Server setzt eigene Regeln fest, manche sind zum Beispiel nicht jugendfreien Beiträgen gegenüber toleranter als "die großen" sozialen Netzwerke. Dennoch geben in unserer Umfrage 65 Prozent der Befragten an, keine negativen Erfahrungen mit Mastodon gemacht zu haben. Diejenigen, die von negativen Erfahrungen berichten, erzählen auch, dass die entsprechenden Kommentare meist entfernt oder blockiert wurden. Shitstorms oder Mobbing gibt es auf der Plattform weniger. Außerdem gibt es auf jedem Server Moderator*innen, die man unter Umständen persönlich kennenlernen kann. Für den Freiburger Server geht das auf den monatlichen, offenen Vereinsmeetings.

Der grundlegende Unterschied

Twitter, YouTube, Instagram, Facebook, TikTok und andere soziale Netzwerke sind zentralistisch organisiert. Das heißt es gibt einen Konzern, der entscheidet, wie er mit unseren Daten umgeht, welche Algorithmen er einsetzt und wie er die Communityrichtlinien festlegt. Mastodon ist frei und föderalistisch, erklärt Ralf Tauscher, Vereinsmitglied der Freiburger Vereins "Freiburg.social". Und das gefällt den Usern, denn 51 Prozent der Befragten geben an, dass für sie die Dezentralisierung der wichtigste Vorteil von Mastodon ist. Weitere 32 Prozent schätzen die Abwesenheit der nach Relevanz sortierenden Algorithmen am meisten.

Frei bedeutet, dass der Code, mit dem das Programm läuft, für jede und jeden zugänglich ist. Jede und jeder kann ihn einsehen, verändern und weitergeben. Zwar klingt das sehr technisch, hat für die Nutzerinnen und Nutzer aber wichtige Konsequenzen. Zum einen sind Algorithmen offen einzusehen, so wissen wir zum Beispiel, dass Posts nicht nach "Relevanz", sondern nach Chronologie geordnet werden – also das Neuste ist oben. Hochwandern kann ein Post, auf Mastodon Tröt genannt, nur durch das Retröten, also Reposten. Likes beziehungsweise Sternchen haben keinen Einfluss auf die Sichtbarkeit. Damit fällt der ständige Wettbewerb um möglichst viele Likes und Interaktionen weg.

Durch den offen zugänglichen Code wird aber auch die föderalistische Organisationsform möglich. Im Prinzip kann damit jede und jeder einen eigenen Server einrichten. Der Freiburger Server Freiburg.social läuft auf einem PC im Rechenzentrum "Netcup" in Nürnberg und wird mit grünem Strom betrieben.

Keine "For you" page, keine Likes, wird es da nicht langweilig?

Am Anfang ist die Timeline mit Beiträgen und Reposts von Usern des Heimatservers, in diesem Fall Freiburg.social gefüllt. Sobald man aber Accounts von anderen Servern und Accounts aus anderen sozialen Netzwerken abonniert, wird die Timeline ziemlich bunt. Denn mit einem Mastodon- Account kann man auch Accounts auf Pixelfed, einer Instagram-Alternative, abonnieren.

Erstaunlich ist auch, dass trotz deutlich geringer Userzahl viel mehr tatsächliche Interaktion stattfindet. Ob auf Alltagsfragen wie "Wer kennt einen guten Laden für Espressomaschinen in der Umgebung?" oder bei politischen Diskussionen: Die Nutzerinnen und Nutzer tauschen sich aktiv aus.

Insgesamt ist die Atmosphäre eine andere, es geht weniger darum sich selbst darzustellen und mehr um den Austausch an sich. Zwar hat der Freiburger Server und Mastodon insgesamt noch lange nicht so viele Nutzende wie die "Big Player", doch das ist nicht unbedingt das Ziel. Ralf Tauscher beschreibt es als "horizontales Wachstum". Damit meint er, dass es nicht um ständiges Wachstum in Anzahl von Likes und Interaktionen geht, sondern darum als Nutzer:in ein gutes Gefühl auf einer Plattform zu haben. Und das ist genau das, wozu soziale Netzwerke ursprünglich geschaffen wurden.