fudder-Interview

In diesem Kurzfilm wird Antisemitismus aus Sicht eines Juden thematisiert

Anna Castro Kösel

"Masel Tov Cocktail" ist ein Kurzfilm über deutsch-jüdische Identität und eine Bestandsaufnahme des Antisemitismus der Gesellschaft. Die Herbolzheimerin Christine Duttlinger hat an dem Film als Produzentin mitgewirkt.

Der Kurzfilm "Masel Tov Cocktail" hat 2020 mehrere Filmpreise gewonnen und wurde von der Kritik hochgelobt. Das Filmprojekt wurde von Studierenden der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg gestartet und von den Sendern Arte und SWR lizenziert. Die Geschichte handelt von dem jüdischen Jugendlichen Dimitri "Dima" Liebermann (Alexander Wertmann), der im Ruhrgebiet lebt. Er ist Sohn russischer Einwanderer und geht auf ein Gymnasium. Oft hat er mit Klischees über sein Jüdischsein zu kämpfen. Eines Tages erfährt er von einem Mitschüler starke, antisemitistische Beleidigungen. Er beschließt, sich zu wehren und schlägt zu. fudder-Autorin Anna Castro Kösel hat mit der ehemaligen fudder-Autorin und Producerin des Films, Christine Duttlinger von der baden-württembergischen Filmakademie, gesprochen.

Wie kam es dazu, dass du Producerin von Masel Tov Cocktail wurdest und was waren deine Aufgaben?

Christine Duttlinger: Ich studiere an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Die Filmidee entstand zusammen mit Kommilitonen als Projekt für unser drittes Studienjahr. Arkadij Khaet, der Regisseur, wollte das Thema "jüdisches Leben in Deutschland" gerne aufgreifen und ich habe mich mit zwei anderen Producern darum gekümmert, wie das Projekt umsetzbar ist, herumgefragt, wer mitmachen möchte und wie Fördermittel angeschafft werden können.

Da es ein studentisches Filmprojekt war, waren unsere finanziellen Mittel sehr begrenzt, was bedeutet, dass wir keine Gagen bezahlen konnten und alle 40 Mitwirkenden die zwölf Drehtage ehrenamtlich und mit viel Engagement und Leidenschaft mit uns gemeinsam durchgezogen haben. Dafür sind wir sehr dankbar. Als der Film endlich fertig war, haben wir uns als Producer darum gekümmert, den Film bei Festivals einzureichen, was bei Masel Tov Cocktail zum Glück gut geklappt hat. Er wurde auf vielen gezeigt und kam gut an, was uns als Filmemacherinnen und -macher besonders gefreut hat. Der Film wurde dann auch noch im Öffentlich-Rechtlichen ausgestrahlt, beim SWR und Arte.

Der Film zeigt besonders eindrücklich, mit welchen Herausforderungen und schwierigen Alltagsituationen jüdisches Leben in Deutschland verbunden ist. Das habt ihr besonders anschaulich durch Graphiken umgesetzt. Warum habt ihr euch für diese Art des Erzählens entschieden?

Da ist es spannend zu erzählen, wie ich zu dem Projekt gekommen bin. Arkadij, der Regisseur des Films, ist ein Kommilitone von mir und war der erste Jude, den ich kennengelernt habe. Dadurch ist mir aufgefallen, dass ich über jüdisches Leben in Deutschland kaum etwas weiß, was nicht mit dem Holocaust zusammenhängt. Durch Arkadij habe ich viel darüber gelernt. Zusammen mit dem Regisseur Mickey Paatzsch und dem ganzen restlichen Team wollten wir unser drittes Studienjahr nutzen, zu zeigen, wie jüdisches Leben in Deutschland wirklich ist. Statistiken einzubauen, war uns wichtig, weil wir damit deutlich machen wollen, wie viel Unwissenheit über jüdischen Leben herrscht und das zum Beispiel viele Schülerinnen und Schüler nicht wissen, was Auschwitz-Birkenau genau war und was genau dort passiert ist. Das ist sehr besorgniserregend und deswegen die genauen Zahlen – um die Dringlichkeit der Thematik zu untermauern.
Christine Duttlinger ist in Herbolzheim aufgewachsen und hat während ihres Studiums der Szenischen Künste an der Universität Hildesheim als Freie Mitarbeiterin für fudder geschrieben. Duttlinger hat bereits mehrere Kurzfilme gedreht, die u.a. auf den internationalen Filmfestspielen in Cannes, der Genrenale in Berlin und dem Up-and-Coming in Hannover zu sehen waren. Seit Herbst 2016 studiert sie an der Filmakademie Baden-Württemberg Filmproduktion.

Der Hauptcharakter Dima kritisiert, dass Juden in Deutschland meistens auf eine Opferrolle, ihre Vergangenheit im Holocaust reduziert und als hilflos und wehrlos dargestellt werden. Wieso ist es deiner Meinung nach wichtig, das Bild über jüdisches Leben in Deutschland zurecht zu rücken?

Bevor ich Arkadij kennengelernt und mich mehr mit dem Thema beschäftigt habe, hatte ich diese stereotypisierte Haltung auch in meinem Kopf. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, sich als Deutsche oder Deutscher mit dieser Vergangenheit, tiefer mit jüdischem Leben in Deutschland auseinander zu setzen. Wir wollten deswegen einen authentischen Film machen, der die Zuschauenden wachrüttelt und sie dazu bringt, das zu tun. Deshalb haben wir uns beim Casten sehr viel Mühe gegeben, dass wir einen jüdischen Hauptdarsteller finden, der weiß, was er spielt und das rüberbringen kann. Die meisten anderen Darstellerinnen und Darsteller, die Juden darstellen, sind aus diesem Grund auch jüdisch.
Info

41 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler über 14 wissen nicht, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- bzw. Vernichtungslager war

69 Prozent aller Deutschen glauben, dass ihre Vorfahren nicht unter den Tätern des Zweiten Weltkriegs waren

29 Prozent glauben, dass ihre Vorfahren Opfern geholfen haben, zum Beispiel, indem sie Juden versteckten. Tatsächlich waren es 0,1 Prozent.

Was wurde deiner Meinung nach im deutschen Film in der Vergangenheit falsch gemacht, wenn es darum ging, jüdisches Leben oder Juden zu porträtieren?

In den meisten deutschen Filmen werden Juden hauptsächlich in Zusammenhang mit der Schoah oder dem Holocaust gezeigt und mit der Opferrolle versehen. Dabei sollten Filme über Juden und jüdisches Leben vielfältiger sein. In Dokus wird sich immer dem Bild des "armen" Juden, der von einem "bösen" Nazi abgeholt wird, bedient. Was meiner Meinung nach aber fehlt, ist die Reflektion: "Was hat das eigentlich mit mir und meiner Familiengeschichte zu tun?" Ich fände es sinnvoll dazu anzuregen, sich mehr damit zu beschäftigen, wie die eigenen Groß, - oder Urgroßeltern das System unterstützt haben und auch, wie Institutionen und Firmen, die das Naziregime mitgetragen haben, ihre Vergangenheit aufgearbeitet haben – oder eben nicht.

Da ist, meiner Meinung nach, nach dem zweiten Weltkrieg viel zu wenig passiert. Wir durften zum Beispiel nicht für eine Szene bei Galeria Kaufhof drehen, weil uns auf unsere Drehanfragen nicht geantwortet wurde (Galeria Kaufhof war ursprünglich ein jüdisches Unternehmen und musste im Naziregime unter Druck billig an die Commerzbank und deutsche Bank verkauft werden, Anm. d. Redaktion).

Der Film hat einen besonders packenden Erzählstil und ist dazu auch noch kurz, sodass er sich besonders gut für Schulklassen und junge Menschen allgemein eignet. War es euer Ziel, damit vor allem junge Menschen anzusprechen?

Wir bekommen sehr viele Anfrage von Schulen, dass sie den Film gerne vorführen möchten. Ich finde aber die Aussage: "Der Film ist doch toll für Schulen", verlagert und vereinfacht das Problem. Auch Leute über 50 haben diese Vorurteile und Denkmuster verinnerlicht. Deswegen ist sehr wichtig, dass auch ältere Leute den Film anschauen. Aber wir freuen uns natürlich trotzdem sehr, wenn Lehrerinnen und Lehrer den Film zeigen möchten.

Tobi, der Mitschüler, der Dima beleidigt, sagt: "Weißt du, was man früher mit dir gemacht hätte?" und ahmt daraufhin das Vergasen der Juden im Holocaust nach. Worin siehst du die Chance des Films, gegen Antisemitismus anzukämpfen?

Ich finde es gut, wenn Filme aufrütteln und zeigen: "Hey, dass passiert gerade". Viele haben nicht auf dem Schirm, dass Antisemitismus, vor allem in letzten Jahren, noch einmal deutlich angestiegen ist. Der Aufschrei in den Medien und den sozialen Netzwerken auf das Attentat auf die Synagoge in Halle ist schnell sang- und klanglos wieder verschwunden. Die große Solidarität mit dem Thema ist meiner Meinung nach ausgeblieben. Bei einem vermeintlichen Anschlag auf eine Kirche wäre das vielleicht anders gewesen. Deswegen denke ich, Filme können auf jeden Fall dabei helfen, Erfahrungen jüdischen Lebens deutlicher zu schildern und helfen, ein größeres Bewusstsein zu schaffen.

In dem Film fallen antisemitische Beleidigungen, die nicht ganz ohne sind. Wie viel Abstand muss man als Producerin zu so einer Handlung haben, mit dem Wissen, dass Antisemitismus in Deutschland Alltag ist?

Als Producerin, die auch mal einen Tag nicht am Set ist, weil ich zum Beispiel den nächsten Drehtag vorbereiten muss, war ich dieser Belastung nicht ganz so oft ausgesetzt, wie die Schauspieler und Regisseure. Mich hat es eher bestärkt, als ich den Dreh verfolgt habe, weil mir dadurch immer wieder klar wurde, wie wichtig es ist, diesen Film zu machen.

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