Lesetipp

In der Haut einer Frau

Anika Maldacker

Anika Maldacker, Digital-Redakteurin, empfielt Cho Nam-Joos Roman "Kim Jiyoung, geboren 1982",

Von einem Tag auf den anderen tickt Kim Jiyoung aus Seoul nicht mehr richtig: Sie spricht in der Rolle ihrer Mutter zu ihrem Ehemann und den Schwiegereltern. Ihr Psychiater rollt die Gründe auf – dabei tritt der Lebenslauf einer gewöhnlichen, 1982 geborenen Frau aus Südkorea zutage. Kim Jiyoung ist ein Mädchen, dessen Bruder ihr und ihre Schwester immer vorgezogen wurde. Sie ist ein Mädchen, dessen Vater bei ihr die Schuld sucht, als sie von einem Unbekannten belästigt wird. Sie ist die Universitätsabsolventin, die trotz ihres Fleißes und tadellosen Lebenslaufs schwerer einen Job findet als ihre männlichen Kommilitonen. Und sie ist die junge Ehefrau, die sich schweren Herzens dafür entscheidet, für die Kinderbetreuung den Job aufzugeben. Der Roman ist mit mehr als zwei Millionen verkaufter Exemplare ein weltweiter Überraschungserfolg geworden. In Südkorea hat er sogar Proteste ausgelöst. Das Leben, das Cho Nam-Joo beschreibt, ist nicht außergewöhnlich. Aber selten hat jemand so nüchtern und unverstellt erzählt, wie es ist, in einem westlichen Land, in einer scheinbar auf Gleichberechtigung bedachten Gesellschaft, eine Frau zu sein.

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982. Roman. Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 208 Seiten, 18 Euro.