Brief in die Zukunft

"Ich hoffe sehr, dass du in einer friedlichen Zeit lebst"

Jennifer Fuchs

Einen Brief schreiben, der erst in 100 Jahren geöffnet wird: Das kann jeder anlässlich des Freiburger Stadtjubiläums tun. fudder-Autorin Jennifer Fuchs hat’s getan. Und das steht drin.

Hintergrund: Zum Freiburger Stadtjubiläum gibt es eine neue Aktion: Jeder kann einen persönlichen Brief schreiben, der erst in 100 Jahren übermittelt und geöffnet wird. Der Briefkasten steht vor dem Rathaus.

Es ist etwas seltsam, einen persönlichen Brief an eine Person zu verfassen, die zum heutigen Zeitpunkt noch gar nicht auf der Welt ist. Ich überlege gerade, wie es sich für mich anfühlen würde, einen Brief – der vor 100 Jahren geschrieben wurde – in meinen Hände zu halten. Und was mich da überhaupt interessieren würde.

Ich fange vielleicht einfach mal mit unserem Zuhause an. Unsere Wohnhaus ist eher ruhig. Im Erdgeschoss wohnt ein italienisches Ehepaar, im Dachgeschoss eine Wohngemeinschaft mit zwei jungen Männern. Die anderen drei Wohnungen werden von alleinstehenden, älteren Damen bewohnt. Die Frau unter uns bekam vor der Pandemie zwei- bis dreimal die Woche Besuch von ihrer Familie und ihrem Enkel. Wir hörten dann oft das Kinderlachen, wenn wir draußen auf unserem Balkon saßen.

"Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an so ein neues, beschränktes Leben gewöhnt."
Die Pandemie ist vor allem für die älteren alleinstehenden Bewohnerinnen sehr schwer. Es kommen immer wieder neue Coronaregelungen von der Regierung, zum Beispiel Kontaktbeschränkungen. Bundeskanzlerin ist übrigens gerade Angela Merkel. Das einzige, was seit Monaten beständig ist, ist die Maskenpflicht. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an so ein neues, beschränktes Leben gewöhnt. Ende November hatte ich zum Beispiel Geburtstag. Normalerweise mag ich es sehr, meine liebsten Freunde an diesem Tag um mich zu haben, feiern zu gehen und am nächsten Tag meine Familie zu sehen. Aber dieses Jahr lief alles anders. Man durfte nur aus zwei Haushalten zusammenkommen. Wir waren also nur zu dritt und ich muss ehrlich sagen, dass es trotzdem ein wunderschöner Tag war – mit einem leckeren Geburtstagsbrunch und einem Lagerfeuer im Schrebergarten.

Diese ganze Entschleunigung nimmt mir den Freizeitstress und ich komme sehr zur Ruhe. Trotzdem gibt es natürlich Dinge, die mir sehr fehlen. Meine 90-jährige Oma habe ich seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Klar, wir telefonieren, aber es ist nicht das gleiche, wie wenn man sich sieht, vor allem in diesem hohen Alter. Sie zählt als Risikopatientin und ich hätte einfach zu viel Angst, sie vielleicht anzustecken, falls ich mit dem Coronavirus infiziert wäre. Denn oft sind gerade junge Menschen Träger des Virus’ – und merken es gar nicht. Denn ein milder Verlauf ähnelt eher einer Erkältung.

Ehrlich gesagt kenne ich aber bis jetzt nur zwei Menschen in meinem Bekanntenkreis, die sich das Virus schon eingefangen haben. Die eine Person wurde positiv getestet, obwohl sie nur zwei Tage lang leichte Anzeichen einer Erkältung hatte. Die andere Person hatte zwei Wochen hohes Fieber und starken Husten. Beide sind aber wieder gesund.

"Manchmal schmiede ich mit meinen engsten Freunden Pläne, was wir alles machen wollen, wenn die Pandemie vorbei ist"
Viele ältere Menschen sind allerdings schon daran gestorben. Es ist echt verrückt, wie unterschiedlich sich das Virus von Mensch zu Mensch verhält. Ich habe zwar Respekt vor der Krankheit, aber versuche nicht in Panik zu verfallen und so gut es eben geht normal zu leben.

Gerade befinden wir uns im zweiten Lockdown, aber es gibt inzwischen schon einen Impfstoff, der Hoffnung gibt, dass diese Pandemie bald endet. Manchmal schmiede ich mit meinen engsten Freunden Pläne, was wir alles machen wollen, wenn die Pandemie vorbei ist: Endlich wieder Tanzen und Reisen! Lecker Essen gehen und ins Theater! Die Kultur fehlt schon sehr. Auch die ganzen Bars, Clubs, Kneipen, Restaurants und Kinos – alles musste schließen. Einige Menschen haben ihren Job verloren. Hoffentlich wird es bald wieder besser.

Wie gerne würde ich wissen, wie es bei euch in der Zukunft ist. Welche Musik ihr hört, wie ihr lebt, wie weit die Technik ist. Na ja, aber es ist schon sehr unwahrscheinlich, dass ich noch am Leben bin, wenn du das hier liest. Ich weiß auch nicht, ob du jung oder alt bist, aber genieß Freiburg! Für mich ist es eine der schönsten Städte. Gerade als Studentin hatte ich viele herrliche Sommernächte, in denen ich mich mit Freunden draußen in der Stadt traf und wir feiern waren. Oder bist du vielleicht ab und zu am Opfinger See schwimmen? Ich liebe die Natur dort, nur eine kleine Fahrradtour von unserem Zuhause entfernt. Nach der Arbeit bin ich dort oft im Sommer hingeradelt, habe gelesen oder war schwimmen.

Ich hoffe sehr, dass du in einer friedlichen Zeit lebst, ohne Krieg, und die Menschen die Natur nicht noch mehr zerstört haben.

Alles Gute für dich,

Jennifer Fuchs

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