House-Running im Selbstversuch: Wie Spiderman die Wände runterlaufen

Marius Notter

Für Adrenalinjunkies ein Traum, für Menschen mit Höhenangst ein Albtraum: eine Hochhauswand im 90-Grad-Winkel hinunterlaufen. House-Running heißt dieses Erlebnis, und fudder-Autor Marius Notter hat's ausprobiert:



Ein 42 hoher Betonklotz gegenüber des Hauptbahnhofs, in dem Seminare der Uni Freiburg stattfinden. Ich bin dort schon unzählige Male vorbeigelaufen - nach oben gesehen habe ich allerdings nie. Deshalb setzt mein Puls kurz aus, als ich vor dem Hochhaus Bismarckallee 22 stehe.

Ich folge der Beschilderung hinter das Haus. Eine Frau in sportlichem Outfit und Handschuhen kommt mir entgegen. Auf dem Kopf trägt sie einen Kletterhelm. Heute ist House-Running angesagt: Angeseilt laufen hier an diesem Samstag mindestens 20 Leute die Hauswand hinunter - und ich werde einer von ihnen sein.

Ich muss in den elften Stock, durch die Notausgangstür, die einen Meter breite Wendeltreppe hoch auf das Dach. Das erste, was ich dort oben höre, ist: “Keiner muss da runter, nimm dir Zeit, beruhige dich, wir setzten dich nicht unter Druck.” Stefanie Groos, eine der Veranstalter des House-Runnings Freiburg, beruhigt gerade einen Teilnehmer, der Angesichts der Höhe einen Rückzieher macht. ”Wir würden das natürlich gerne vom Kagan-Hochhaus oder auf der Vorderseite des Gebäudes machen”, meint Thomas von Renner, einer der Hauptverantwortlichen. ”Aber das Kagan-Gebäude hat zu viele Fenster, und außerdem würde das zu viel Aufmerksamkeit erregen und könnte Unfälle auf der Straße Verursachen.”

Das House-Running Freiburg wird von den Outdoortrainern Stefanie Groos und Thomas von Renner in Kooperation mit dem Rieselfelder Waldseilgarten organisiert. Seit vier Jahren bieten sie House-Running an. Dieses Jahr an sechs Terminen. Möglich sei das nur über Connections zum Gebäude-Inhaber Unmüßig, meint Thomas.



Auf dem kiesbedeckten Dach steht ein Sonnenschirm, ein kleiner Tisch und eine Gerüst-Konstruktion. Thomas und Stefanie befinden sich auch auf dem Dach, außer ihnen vier Teilnehmer - und ich.

Mit dem Kletterhelm auf dem Kopf wage ich einen Blick über die hüfthohe Mauer, hinunter auf den Hinterhof des Hochhauses; links davon fahren Autos auf der Friedrichstraße. Die Autos und Menschen sehen von hier unheimlich klein aus. Neben mir steht Julian. Der House-Running-Teilnehmer war schon mal Fallschirmspringen und meint: “Ein Sprung aus dem Flugzeug ist lange nicht so schlimm, da man den Boden dabei nicht wirklich sieht.” Mut macht mir das nicht.

Dann steigt Uwe, ein weiterer Teilnehmer, durch die Beinschlaufen des Sicherheitsgurtes, und Outdoortrainerin Stefanie zurrt die Schlaufen an Oberkörper und Hüfte fest. Ihr Kollege Thomas führt Uwe an den Dachabschnitt, von dem aus gestartet wird. Zehn Minuten später ist Uwe sicher am Boden angekommen. Als er wieder hochkommt, meint er: "Mach dich steif wie ein Brett beim ersten Schritt, dass ist das Wichtigste. Danach ist es einfach nur ein geiles Gefühl."

Dann bin ich dran.

Wie schon bei den beiden Kandidaten zuvor wird mir der Sicherheitsgurt angelegt. Thomas befestigt die erste Sicherheitsleine an meinem Gurt. Ich spüre, wie mein Puls steigt. Thomas führt mich über das Gerüst zur Mauer, die mich vom 42 Meter tiefen Abgrund trennt. Fachmännisch schnallt er ein Seil nach dem anderen an meinen Sicherheitsgurt. Insgesamt sind es vier, die an meinem Rücken befestigt werden. Ein weiteres Seil führt rechts an meiner Hüfte vorbei durch einen Karabiner. An diesem Seil kann ich mich selbst abseilen - und so das Tempo regulieren, mit dem ich dem Boden entgegenlaufe.

Thomas deutet ein Grinsen an und sagt: “Jetzt breitbeinig hinstellen und nach vorne lehnen!” Mein Herz schlägt wie eine alte Dampflock auf Hochtouren, meine Schläfen pochen gegen den Schutzhelm. Ich lehne mich langsam nach vorne. Ich sehe meine Füße nicht mehr, nur noch den Boden. Und der ist ziemlich weit weg.

Ich umklammere mit beiden Händen das Seil und wage den ersten Schritt auf die fensterlose Außenfassade des Gebäudes - im 90-Grad-Winkel. Normal laufen ist nicht möglich. Dann würde ich zur Seite wegkippen. Also setze ich breitbeinig, im Entengang, einen Fuß vor den anderen. Nach zehn Metern stoße ich mich von der Hausfassade ab. Wie ein Pendel schwinge ich über den Dächer Freiburgs. Ein nie dagewesenes Gefühl breitet sich in mir aus. Es fühlt sich an wie ein Gemisch aus Empire-State-Building-Aussichtsplattform, Adrenalin-Überschuss und Achterbahnfahrt. Das ist der Wahnsinn. So muss sich Comic-Held Spiderman fühlen.

Der Adrenalin Kick



Ich will den noch härteren Adrenalin-Kick. Also rufe ich runter, dass ich jetzt richtig abspringen will. Ich stoße mich mit voller Kraft von der Hauswand ab. Die Frau, die mich von unten sichert, läuft mit dem Seil vom Haus weg, und ich schwebe über dem Boden. Ich kann die Fassade nicht mehr sehen. Unglaublich. So muss sich fliegen anfühlen. Mein Orientierungsgefühl hat mich verlassen.

Das Weiterlaufen fällt mir danach schwer. Meine Beine sind wackelig, hin und wieder knicke ich kurz zur Seite weg. Als ich nach gefühlten fünf Minuten wieder festen Boden unter den Füßen habe, kehrt mein Orientierungsgefühl zurück, und ich bin froh, dass ich den ersten Schritt, 42 Meter weiter oben, gewagt habe.
Ob ich es nochmal machen würde? Auf jeden Fall!



House-Running in Freiburg

 

Die nächsten Termine:
  • Samstag,  12. Juli 2014
  • Samstag,  26. Juli 2014
  • Samstag, 20. September 2014
Kosten: 55 Euro  

Mehr dazu:

 

Fotogalerie: Marius Notter

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